Felix – allein schon der Vorname ist der blanke Hohn. Denn glücklich ist an diesem Felix Niemann, den in Erik Schmitts „Das Leben der Wünsche“ spielt, rein gar nichts. Ihn als unscheinbar zu bezeichnen, wirkt schon fast wie eine Untertreibung. Das blasse Gesicht, das schüttere Haar, der mutlose Blick, der unsichere Gang – Felix ist ein Mann, der auch in seiner Selbstwahrnehmung kurz vor dem Verschwinden steht.
„Niemand“ ruft folgerichtig der Barista im Coffeeshop durch den Raum, bevor er ihm den Kaffeebecher mit dem falsch geschriebenen Nachnamen überreicht. Auch in seinem direkten familiären Umfeld wird Felix kaum noch wahrgenommen. Wenn seine Frau Bianca (Luise Heyer) am Morgen noch schnell die Schulbrotdosen für die beiden Kinder vorbereitet, schiebt sie den Mann, der scheinbar immer im Weg steht, ruppig zur Seite. Als der Sohn für die Schultheateraufführung die Rolle des Ikarus wieder abgeben muss und stattdessen eine Welle spielen soll, versucht der Vater, ihn zu trösten. Das Leben sei eben kein Wunschkonzert. „Deins vielleicht nicht“, kontert der Junge. Felix‘ Leben entwickelt sich vom Zustand glückloser Dauerfrustration hin zu einer handfesten Krise, als er bei seinem Chef (Benno Fürmann) eine Präsentation vorstellen will und stattdessen mit einer Kündigung den Raum verlässt. Am selben Tag erklärt Bianca bei der Paartherapie, dass sie eine „Pause“ brauche. In der Schwebebahn fällt Felix‘ Blick auf einen Werbedisplay, der mit der Frage „Das Gefühl im falschen Zug zu sitzen?“ seine Aufmerksamkeit erregt.
Felix äußert den Wunsch der Wünsche
Kurz darauf landet er vor einem rot erleuchteten Geschäft, über dem der Schriftzug „Das Leben der Wünsche“ prangt. Der zwielichtige Besitzer (Henry Hübchen) des esoterischen Trödelladens fragt ihn mit einem verschmitzten Lächeln irgendwo zwischen Mephisto und Glücksfee, was er sich wünschen würde, wenn er drei Wünsche frei hätte. Der Kunde weiß nicht, wo er zuerst anfangen soll: dass Bianca die Trennung zurücknimmt, dass der Chef ihm endlich zuhört, dass er etwas Großes, das die Menschheit bewegt, schaffen und einmal wieder eine magische Nacht erleben will. Aber dann fällt Felix der Wunsch ein, der alle anderen ermöglicht: Er wünscht sich, dass all seine Wünsche in Erfüllung gehen.
Aus Märchen wie „Der Fischer und seine Frau“ weiß man, dass mit der Erfüllung der Wünsche nicht unbedingt die erhofften Glücksversprechen eingelöst werden. Der Zustand wunschlosen Glücks ist denen, die sich einen Wunsch nach dem anderen erfüllen lassen, seltener vergönnt, als denen, die ihre Wunschvorstellung den eigenen Lebensgegebenheiten anpassen. Unmittelbar an diesen Märchenkontext dockte der österreichische Autor Thomas Glavinic mit seinem erfolgreichen Roman „Das Leben der Wünsche“ aus dem Jahre 2009 an. Regisseur und Co-Drehbuchautor Erik Schmitt hat die Vorlage für seinen Film stark bearbeitet und die extremen Konsequenzen, die im Roman mit der Wunscherfüllung des Protagonisten einhergehen, zurückgeschnitten. Denn im Unterbewusstsein des harmlosen Protagonisten schlummern auch Wünsche von zerstörerischer Natur.
Die Wünsche sind auch zerstörerischer Natur
Der Arbeitskollege, der mit Bianca eine Affäre begonnen hat, wird vom Haken eines Baukrans niedergeschlagen. Die Konkurrentin in der Firma stürzt wunschgerecht aus dem Fenster – und kann von Felix in letzter Sekunde gerettet werden. So muss der „Wünsch“-Kandidat aus seinem Verhalten viele Lehren ziehen, die leider allzu oft im Kalenderspruchformat in Dialoge und Off-Kommentare eingearbeitet werden. Schmitt, der mit seinem Langfilmdebüt „Cleo“ schon als Michel Gondry des deutschen Kinos einsortiert wurde, errichtet auch in „Das Leben der Wünsche“ ein märchenhaftes Science-Fiction-Setting, das mit seiner Mischung aus futuristischen, realistischen und fantastischen Elementen jedoch eher unschlüssig als originell wirkt.
Matthias Schweighöfer versucht mit der Rolle des unscheinbaren Glückssuchers offensiv aus dem selbst gebauten Image-Gefängnis auszubrechen. Mit Filmen wie „What a Man“(2011), „Der Schlussmacher“(2013) und „Der Nanny“(2015) hatte Schweighöfer während der 10er-Jahre versucht, sich in Til-Schweiger-Manier als eigene Marke zu etablieren, und blieb dabei als Schauspieler weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. In „Das Leben der Wünsche“ zeigt Schweighöfer nun, dass er auch bescheiden bleiben kann. Er verleiht der Figur eine durchaus schillernde Sensibilität und lässt sich von beherzten Nebendarstellern wie Benno Fürmann oder Henry Hübchen gezielt an die Wand spielen. Ob diese Rolle für Schweighöfer auch an der Kinokasse zum Umbruch führt, scheint allerdings mehr als ungewiss.
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