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Es ist ein Fest: Kritik zum Film „Der Held vom Bahnhof Friedrichsstraße“

Kino

„Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ gleicht einem Abschiedsgeschenk an den Regisseur

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    Christiane Paul als Paula Kurz und Charly Hübner als Micha Hartung in einer Szene des Films "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße".
    Christiane Paul als Paula Kurz und Charly Hübner als Micha Hartung in einer Szene des Films "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße". Foto: Frédéric Batier/X Verleih AG/dpa

    Am Ende war es ein rostiger Bolzen, der brach und dafür sorgte, dass die Weiche sich verstellte. Aber es war nicht irgendeine, sondern eben jene Weiche, die am Bahnhof Friedrichstraße das Ostberliner mit dem Westberliner S-Bahn-Netz verband. So fahren am 23. Juni 1984 mit der S-Bahn 127 Menschen aus dem Osten in den Westen der geteilten Stadt. Maxim Leo hat den fiktiven Vorfall zum Ausgangspunkt für seinen Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ genommen, der nun von Wolfgang Becker verfilmt wurde. Es ist die letzte Regiearbeit Beckers, der Ende letzten Jahres kurz nach Schluss der Dreharbeiten gestorben ist. Man kann sich keinen besseren Regisseur für diesen Stoff vorstellen. Schließlich hat Becker mit „Goodbye Lenin“ (2003) deutsch-deutsche Filmgeschichte geschrieben.

    Im Zentrum der Handlung steht Micha Hartung (Charly Hübner), der 2019 eine der letzten Videotheken am Prenzlauer Berg betreibt, als der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) vor seinen Tresen tritt. Dieser hat in alten Stasi-Akten gewühlt und herausgefunden, dass Hartung als stellvertretender Stellwerksmeister jene legendäre Massenflucht vor 35 Jahren geplant und durchgeführt haben soll. Micha will davon nichts wissen und verkauft dem Pressevertreter erst einmal eine überteuerte Premium-Mitgliedschaft. Für die gute Story legt Landmann ein paar Hunderter drauf, schon erzählt der Informant ihm, was er hören will.

    „Der Held vom Bahnhof Friedrichsstraße“ ist eine gut gelaunte Komödie

    Der Fall der Berliner Mauer jährt sich gerade zum 30. Mal, und der Chefredakteur des „Fakt“-Magazins (Arnd Klawitter) sieht im Helden des Bahnhofs Friedrichstraße eine heiße Titelstory. Über Nacht wird Micha zum Medienstar, auch wenn Landmanns journalistische Prosa, die den selbstlosen Einsatz des Freiheitskämpfers gegen das diktatorische SED-Regime feiert, nur wenig mit der Realität zu tun hat. Hartung wehrt sich anfangs gegen die verzerrte Darstellung, aber als er in einer Talkshow an der Seite von Kati Witt (Katarina Witt) auftritt, gehen mit ihm alle Pferde durch. Zur Fluchthelfer-Geschichte erfindet er eine Liebesschmonzette um eine Tänzerin, der er den Weg in den Westen ebnen wollte. Wenig später wird er vom Bundespräsidenten (Bernhard Schütz) zum Essen nach Bellevue eingeladen, der ihn als Redner vor dem Bundestag zum 30. Jahrestag des Mauerfalls gewinnen will.

    Natürlich wächst die Angelegenheit dem Videotheksbesitzer schnell über den Kopf. Aber dann steht auch noch Paula (Christiane Paul) vor seiner Ladentür, die damals in jenem Zug nach Westberlin saß und nun die schicksalhafte Verbindung zu ihm weiter ausbauen will. Derweil kommt der Bürgerrechtler Harald Wischnewsky (Thorsten Merten), der eigentlich die Rede vor dem Bundestag halten sollte, den wenig heldenhaften Hintergründen der legendären Massenflucht auf die Spur.

    Der Film lebt vom klug ausbalancierten Drehbuch

    Mit „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ist Wolfgang Becker eine ungeheuer gut gelaunte, locker gestrickte Komödie gelungen, wie man sie im deutschen Kino nur selten zu sehen bekommt. „Geschichte ist die Lüge, auf die sich alle geeinigt haben“ – um diese Behauptung rankt sich die turbulente Handlung um den vermeintlichen Helden, der durch die Mediendynamik zum Hochstapler wird, womit die Tücken der Nachwende-Geschichtsschreibung verdeutlicht werden.

    Dabei hält Becker den politischen Diskurs im leicht verdaulichen, augenzwinkernden Unterhaltungsmodus. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ lebt neben seinem klug ausbalanciertem Drehbuch und jeder Menge Detailhumor von der Spielfreude des gesamten Ensembles. Man spürt, dass alle Beteiligten in diesem letzten Film des Regisseurs, der während des Drehs schwer vom Krebs gezeichnet war, ihr Bestes geben wollten. Das gilt in besonderem Maße für Charly Hübner, der dem bescheidenen Ossi im Höhenflug eine charmante Unbeholfenheit verleiht, wenn er so wunderbar krummbeinig die Treppen zur Villa Bellevue hoch stakst.

    Vor allem in den glänzend gespielten Nebenrollen spiegelt sich der Familienfest-Charakter wider, der diesen Film wie ein warmer Sommerwind durchweht. Thorsten Merten als verbitterter Bürgerrechtler mit Dissidentenbart hat einen grandiosen Auftritt als Zeitzeuge vor einer Schulklasse. In der Rolle des ehemaligen Stasi-Offiziers empfängt Peter Kurth seine Gäste in Badehose und mit unnachahmlicher Selbstgefälligkeit. Leslie Malton bündelt in der Rolle der Denkmalbeauftragten die geballte Arroganz der alten Bundesländer in wenigen Filmminuten und Daniel Brühl hat als narzisstischer Serienschauspieler Spaß an der Karikatur der eigenen Zunft. Ein schöneres Abschiedsgeschenk als diesen Film hätte das Ensemble dem Regisseur Wolfgang Becker und dem Kinopublikum nicht machen können.

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