Interview mit der neuen Intendantin Paasikivi über die Ausrichtung der Bregenzer Festspiele in den kommenden Jahren. Das Festival startet in diesem Jahr am 16. Juli.
Frau Paasikivi, seit acht Monaten leiten Sie als Intendantin die Bregenzer Festspiele. Sind Sie schon so richtig am Bodensee angekommen?
LILLI PAASIKIVI: Ja. Als ich neulich in Finnland war und zurück nach Bregenz kam, fühlte ich: Da bin ich jetzt zu Hause. Ich fühle mich wirklich wohl hier. Ich habe eine schöne Wohnung mit wunderbarer Aussicht, und ich liebe meine Arbeit.
Sie haben gerade erfahren, dass Bund, Land und Stadt Ihnen die Zuschüsse in diesem und im nächsten Jahr um jeweils 2,1 Millionen Euro kürzen. Wie gehen Sie damit um?
PAASIKIVI: So große Kürzungen haben natürlich Auswirkungen auf unser Programm – allerdings nicht mehr in diesem Sommer. Künftig müssen wir zum Kern unserer Arbeit zurückkehren, dem Musiktheater und der klassischen Musik. Deshalb haben wir entschieden, unsere Arbeit mit dem Burgtheater Wien für 2026 und 2027 zu suspendieren. Das ist sehr schade, weil wir gerade eine fünfjährige Zusammenarbeit beschlossen haben. Auch unser Soundsystem auf der Seebühne können wir nicht wie geplant schon jetzt verbessern. Das alles ist schade, aber natürlich müssen wir diese Einsparungen schaffen: Wir haben keine Wahl.
Als Seeoper haben sie den „Freischütz“ von ihrer Vorgängerin Elisabeth Sobotka geerbt, er geht jetzt in die zweite Saison. Bei all den weiteren Produktionen der Bregenzer Festspiele 2025 ist zu erahnen, dass Sie andere künstlerische Vorstellungen und Ideen haben. Welche Veränderungen werden wir in den nächsten Jahren von Ihnen sehen und hören?
PAASIKIVI: Die Festspiele haben eine neue Intendantin gewählt, und diese Veränderung muss man natürlich im Programm sehen. Die Seebühne ist unser Kronjuwel. Da gibt es strikte Grenzen, was man machen kann. Die Seeoper muss etwa zwei Stunden dauern. Deshalb können wir keine langen Wagner-Werke inszenieren. Wenn wir ein breites Publikum erreichen wollen, müssen wir bekannte Werke bringen, damit wir Erfolg haben. Das hat die Geschichte der Festspiele gezeigt.
Wird das Seebühnen-Publikum auch in den kommenden Jahren große romantische Opern erleben?
PAASIKIVI: Das Erlebnis am See muss tief und schön, stark und überwältigend sein. Da eignen sich romantische Opern besonders gut. Eine solche ist auch „Der fliegende Holländer“ von Wagner, den wir 2028 und 2029 auf der Seebühne zeigen werden.
Wenn wir den aktuellen „Freischütz“ anschauen: Sind solche spektakuläre und fast an Kino erinnernde Inszenierungen mit verblüffenden Effekten die Zukunft der Seeoper?
PAASIKIVI: Es gibt immer Diskussionen darüber, was man mit einer Oper machen darf und was nicht. Einige sagen, man soll nicht viel verändern oder verkürzen. Ich bin anderer Meinung. Was Philipp Stölzl zusammen mit Elisabeth Sobotka beim „Freischütz“ gemacht hat, so muss es sein. Deutschland ist voll von Opernhäusern, die mehr oder weniger traditionelle Freischütz-Produktionen auf die Bühne bringen. Hier in Bregenz hatten sie den Mut zum Spektakel, und das war sehr erfolgreich und hat auch ein neues Publikum erreicht. Meine eigenen Kinder, die schon viele Opern gesehen haben, waren total begeistert.
Werden Sie beim Zweijahresrhythmus bleiben?
PAASIKIVI: Ja, das hat sich bewährt. Wir sehen ja jetzt, dass sich auch das zweite Freischütz-Jahr gut verkauft. Über 80 Prozent der Karten sind gebucht.
Der Erfolg der Seebühnen-Oper ist essenziell für die Finanzierung der Bregenzer Festspiele. Empfinden Sie dies als Segen oder als Fluch?
PAASIKIVI: Eine solide Finanzierung gehört dazu, wir können das Kaufmännische nicht ignorieren. Deshalb müssen wir immer überlegen, ob eine Seeoper und ihre Inszenierung funktionieren. Wenn sie gut läuft, stützt sie die anderen Sparten. Das ist unsere Kernproduktion ‒ fürs Publikum, aber auch finanziell.
Sie haben im Festspielhaus in diesem Sommer die Oper „Œdipe“ von George Enescu aus dem Jahr 1936 programmiert, während Frau Sobotka zuletzt tief ins 19. Jahrhundert zurückgegangen war. Wird das Publikum künftig wieder mehr Musiktheater aus dem 20. und 21. Jahrhundert sehen, oder sogar mal eine Uraufführung?
PAASIKIVI: Ich möchte im Festspielhaus gern am Anfang des 20. Jahrhunderts bleiben und mich auf wenig gespielte Opern konzentrieren. Das ist eine hochinteressante Zeit für Musiktheater. Es gibt tolle, starke Opern. Musiktheater des 21. Jahrhunderts gehört für mich auf unsere Werkstattbühne. Da machen wir auch Uraufführungen. Generell möchte ich eine große Bandbreite von Opernkunst präsentieren. Auch bei den Orchesterkonzerten mische ich gern einige zeitgenössische Werke in die Programme.
Welche Ziele haben Sie sich generell als Intendantin der Bregenzer Festspiele gegeben?
PAASIKIVI: Ich möchte, dass die Relevanz der Festspiele immer groß ist, und dass die Gesellschaft ihre Bedeutung anerkennt. Gleichzeitig will ich ein Festival bieten, das künstlerisch stark, interessant und wichtig ist. Ich sehe die Bregenzer Festspiele als ein Festival der Vocal Arts, also der Gesangskünste. Aber ich möchte dies immer mit anderen Kunstformen kombinieren. Zudem will ich neue Musiktheaterwerke bieten. Es ist wichtig, dass wir den Kanon bereichern. Und dass wir neues, junges Publikum finden.
Hat modernes Musiktheater eine Zukunft?
PAASIKIVI: Absolut!
Was machen Sie in den neun Monaten, wenn hier in Bregenz nicht geprobt und gespielt wird? Sind Sie vor Ort oder in Finnland?
PAASIKIVI: Ich wohne und arbeite hier. Es gibt auch im Winter viel zu tun – das war ein bisschen überraschend für mich. Wir sind ein kleines Team, das das ganze Jahr über mit viel Engagement arbeitet. Ich reise zudem recht viel, um mir Projekte und Dirigenten anzuschauen. Meine Lieblingstätigkeit aber ist es, potenzielle Sängerinnen und Sänger für Bregenz anzuhören und auszuwählen. Als Sängerin interessiere ich mich sehr für Stimmen und ihre Farben. Und ich rede mit Regisseuren sehr viel über Typen für die Besetzung von Stücken.
Was sind ihre privaten Vorlieben in der Musik und beim Musiktheater?
PAASIKIVI: Ich bin total begeistert von Wagner- und Strauss-Opern. Dieser Stil spricht mich an. Ich freue mich generell über starkes Musiktheater. Das kann 20. und 21. Jahrhundert sein, aber auch die Romantik. Es muss wahr und echt und stark sein. Aber hier in Bregenz kuratiere ich nicht für mich selbst. Ich kuratiere für das Publikum.
Und was hören Sie in der Freizeit?
PAASIKIVI: Keine Opern, sondern Klaviermusik von Schubert, Brahms oder Bach, etwa seine Goldberg-Variationen. Außerdem Streichquartette und Kammermusik. Das ist Meditation und Entspannung für mich – und eine schöne Abwechslung zur Arbeit, wo ich immer Opern, also Gesang, höre. Außerdem mag ich Rock und Pop.
Was genau?
PAASIKIVI: So ziemlich alles von Lady Gaga bis zu Apocalyptica, eine finnische Band mit Cellos, die Metal-Songs interpretiert. Das hat mit der jeweiligen Gefühlslage zu tun. Wenn ich zu Hause bin, höre ich Klassik, im Fitnessstudio mag ich Rock.
Zur Person
Lilli Paasikivi, 1965 in Imatra (Finnland) geboren, ist eine finnische Opernsängerin (Mezzosopran) und Kulturmanagerin. Von 2013 bis 2023 leitete sie die Finnische Nationaloper. Am 1. Oktober 2024 übernahm sie die künstlerische Leitung der Bregenzer Festspiele.
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