Sie musste in das Kleid eingenäht werden. Kein Reißverschluss, keine Knöpfe – der Stoff saß so eng am Körper, dass es keine andere Möglichkeit gab. Als Marilyn Monroe am 19. Mai 1962 im Madison Square Garden die Bühne betrat, um John F. Kennedy ein „Happy Birthday” zu singen, war sie buchstäblich in ihre eigene Rolle eingeschlossen. Der US-Präsident scherzte danach, er könne nun aus der Politik ausscheiden – nach diesem „süßen und lebensbejahenden Ständchen“ . Drei Monate später war Monroe tot, 36 Jahre alt.
Dieser eine Auftritt hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Und er erzählt, wenn man genau hinschaut, alles über den Mythos Marilyn: eine Frau, die in eine Rolle eingenäht wurde, die sie nicht selbst gewählt hatte. Eine Frau, die gleichzeitig perfekt spielte und darunter verschwand. Und ein Publikum, das das bis heute ihr Leben lieber als Fantasie denn als Zumutung betrachtet.
Düsseldorf und München zeigen Ausstellungen zu Marilyn Monroe
Nun wäre sie hundert Jahre alt. Die Ausstellungen, Dokumentationen und Prachtbände häufen sich – Düsseldorf, München, das ZDF. Überall dasselbe Bild: platinblonder Bob, Schönheitsfleck, halbgeschlossene Augen. Selbst wer keinen ihrer Filme gesehen hat, kennt dieses Gesicht. Das ist das eigentliche Phänomen, um das es geht: nicht Marilyn Monroe, sondern das, was aus ihr gemacht wurde.
Den entscheidenden Schritt hat Andy Warhol getan. Unmittelbar nach ihrem Tod 1962 begann er, ihr Gesicht zu drucken – immer wieder, in Serie, in schreienden Farben. Was wie Hommage aussah, war Demontage: Mit jeder Wiederholung wurde das Gesicht flacher, die Frau dahinter unsichtbarer. Warhol zeigte, was die Gesellschaft in Monroe gesehen hatte – ein Konsumobjekt, glänzend, weil austauschbar. Das Marilyn Diptych, heute eines der einflussreichsten Werke der Moderne, ist ein Nachruf auf eine Frau und ein Röntgenbild einer Gesellschaft zugleich.
Was Warhol als Kunstgriff inszenierte, hatte Monroe selbst am eigenen Körper erfahren. Ende der Vierziger ließ sie sich, knapp zwanzig Jahre alt und in Geldnot, für fünfzig Dollar fotografieren – nackt, ohne Ahnung, was mit den Bildern geschehen würde. Jahre später kaufte Hugh Hefner die Rechte ohne ihre Zustimmung für 500 Dollar von einem Zwischenhändler und druckte die Fotos auf das Titelblatt der ersten Playboy-Ausgabe. Das Heft war sofort ausverkauft. Monroe kommentierte es später trocken: „Ich habe nicht mal ein Dankeschön von denen bekommen.” Es zeigt die Mechanik, nach der ihr Leben funktionierte – andere verdienten an ihr, sie zahlte den Preis.
Churchwell analysiert Monroe-Biografien kritisch
Und was steht in den Büchern über Monroe? Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell hat über dreihundert Monroe-Biografien ausgewertet und eine erstaunliche Regelmäßigkeit festgestellt: Die große Mehrheit folgt einem Muster aggressiver Anti-Hagiografie. Was auch immer Monroe erreichte, habe sie zufällig erreicht – durch ihr Äußeres, durch die richtigen Männer, durch Glück. Die Frau selbst, ihre Entscheidungen, ihre Intelligenz: nebensächlich.
Dabei gründete Monroe 1955 gemeinsam mit dem Fotografen und Vertrauten Milton Greene ihre eigene Produktionsfirma, kämpfte ihren Vertrag mit Fox neu aus und zog nach New York, um am Actors Studio unter Lee Strasberg zu studieren. Strasberg, der strengste Lehrmeister des amerikanischen Nachkriegstheaters, sagte später, die zwei größten Schauspieltalente, mit denen er je gearbeitet habe, seien Marlon Brando und Marilyn Monroe gewesen. Sie besaß über vierhundert Bücher, las James Joyce, schrieb selbst Gedichte. Schon als Zwanzigjährige war sie besessen von Carl Sandburg.
„Ich wollte nie Marilyn sein – es ist einfach passiert. Marilyn ist wie ein Schleier, den ich über Norma Jeane trage.” Den Satz hat Monroe oft in Varianten wiederholt. Norma Jeane Baker, unehelich geboren, aufgewachsen in zwölf Pflegefamilien und einem Waisenhaus, zwangsverheiratet mit sechzehn – das ist die Figur, die unter dem Glamour sitzt. Und die Faszination, die Monroe bis heute ausübt, speist sich genau aus dieser Spannung: zwischen dem Konstrukt Marilyn und der Frau, die es trug.
Historikerin Banner schildert Monroe als faszinierendes Paradox
Das macht jeden Versuch, sie zu „verstehen”, heikel. Wer Monroe zur Proto-Feministin erklärt, verpasst, wie sehr sie auch Opfer der Verhältnisse war. Wer sie als Opfer beschreibt, unterschlägt, wie bewusst sie ihre Wirkung einsetzte. Wer sie als Sexsymbol einfriert, reduziert sie auf das, wogegen sie ein Leben lang ankämpfte. Der Historikerin Lois Banner, die für ihre Biografie über hundert Interviews führte, gelang vielleicht die ehrlichste Annäherung: Monroe als Paradox, das nicht aufgelöst werden kann und eben deshalb nicht aufhört, zu faszinieren.
Was das Jubiläum jetzt produziert, ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Swarovski widmet ihr eine Ausstellung – und betont dabei vor allem, wie die Kristalle des Unternehmens „dieselbe schillernde Welt” bevölkerten wie Monroe. Prachtbände erscheinen mit Titeln wie „Das wahre Gesicht”. Dokumentationen fragen, wie sie heute gefeiert worden wäre. Alle versprechen die echte Marilyn. Kaum einer liefert sie. Und das ist vielleicht die ehrlichste Antwort auf die Frage, warum Monroe nicht verblasst: weil jede Generation in diesem Gesicht eine andere Frau sieht und keine davon die wirkliche ist.
Hundert Jahre nach ihrer Geburt ist Marilyn Monroe vor allem das: eine Projektionsfläche, auf der jede Epoche ihre eigenen Wünsche und Ängste abbildet. Die Fünfziger sahen in ihr Begierde und Kontrolle. Die zweite Frauenbewegung sah das Opfer des männlichen Blicks. Die Gegenwart entdeckt die Unternehmerin und Intellektuelle. Alle haben recht. Und alle greifen zu kurz.
Die Szene, die alle diese Lesarten gleichzeitig enthält, ist jene im Madison Square Garden. Ein Kleid, das keinen Spielraum lässt. Eine Stimme, die tut, als wäre sie zufällig so. Ein Präsident, der lacht. Und eine Frau, die genau weiß, was sie gerade tut – und die dafür einen Preis bezahlt, den das Publikum nicht sehen will.
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