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Musik gegen Depression? So können Klänge das menschliche Gehirn beeinflussen

Interview

Warum Musik das Gehirn so stark berührt – und wann sie sogar krank machen kann

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    Laut dem Neuropsychologen Lutz Jäncke kann Musik das Gehirn auf erstaunliche Weise beeinflussen.
    Laut dem Neuropsychologen Lutz Jäncke kann Musik das Gehirn auf erstaunliche Weise beeinflussen. Foto: Christin Klose, dpa-tmn (Symbolbild)

    Herr Professor Jäncke, Sie haben vor einigen Jahren das Buch „Macht Musik schlau?“ geschrieben. Darin widerlegen Sie unter anderem den populären „Mozart-Effekt“, der besagte, dass man allein durch das passive Anhören klassischer Musik intelligenter wird. Welchen Einfluss hat Musik grundsätzlich auf das Gehirn?

    PROF. LUTZ JÄNCKE: Oh, das ist ein komplexes Thema. Fest steht, dass Musik unser Gehirn großflächig aktivieren kann. Außerdem sind wir die einzigen Tiere auf der Welt, die Musik mögen. Mit ihr lässt sich verteilte Aktivität im Gehirn auslösen, je nachdem, ob man das Gehörte mag oder nicht. Wir können Musik bewerten, sie gut oder schlecht finden. Bei ein und derselben Musik kann das Lustzentrum angesprochen werden oder Gebiete, die eher mit der Verarbeitung von unangenehmen Reizen zu tun haben. Summa summarum hat Musik eine enorme Kraft, den Menschen zu beeinflussen.

    Musik dringt auch dorthin, wo Worte versagen, schreiben Sie. Ein Liebeslied könne beispielsweise Herzen öffnen, so selbst die eloquenteste Rede nur die Oberfläche berührt.

    JÄNCKE: Man kann sich manchmal der überwältigenden Kraft der Musik regelrecht nicht erwehren. Beispielsweise im Konzert, das haben Sie sicher auch schon erlebt. Wir werden emotional stark hineingezogen, das kann zu Gänsehaut und sogar einem so starken Lustempfinden führen, wie es sonst nur beim Orgasmus auftritt. Da werden evolutionär alte Hirngebiete aktiviert, und es wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Das ist ein wirklich bemerkenswertes Phänomen!

    Es gibt aber eben auch Musik, die einem missfällt. Wann gefällt Musik, wann nicht?

    JÄNCKE: Das ist schwierig, objektiv in den Griff zu bekommen. Was wir wissen ist: Es gibt Musikelemente, die wir positiver empfinden als andere. So werden beispielsweise konsonante Akkorde meist als wohltuender erlebt als dissonante Klänge. Dennoch sind gerade solche Dissonanzen wichtig, weil sie Spannung erzeugen und unser Interesse wachhalten, besonders deutlich lässt sich das etwa im Jazz beobachten. Im Grunde hören und bewerten wir Musik immer durch die Brille unserer Erfahrungen. Wir mögen vor allem jene Musik, die uns vertraut ist, die wir in unserem Umfeld häufig gehört haben. Diese Prägung beginnt sehr früh im Leben. In experimentellen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Babys gezielt zu der Musik krabbeln, die sie bereits kennen. Darüber hinaus bevorzugen wir Musik, mit der wir positive Erinnerungen verbinden, etwa an die Kindheit, an Ferien oder an besondere Lebensmomente.

    Niemals in der Geschichte der Menschheit hörte der Mensch so häufig Musik wie heutzutage. Sie ist dank Smartphones sozusagen allgegenwärtig. Wir sind ihr nahezu überall ausgesetzt: bei der Arbeit, im Auto, in Kaufhäusern, in Supermärkten, in Flugzeugen oder Eisenbahnen. Gibt es einen Punkt, an dem Musik schädlich wird? Also so eine Art Überdosis.

    JÄNCKE: Ja, das kann durchaus passieren. Lautstärke und Intensität spielen dabei eine Rolle. Wenn man drei Stunden mit 120 Dezibel von den Stones beschallt wird, dann ist das grundsätzlich nicht gut und kann die Haarzellen in der Cochlea schädigen. Auch wenn die Stimulation den ganzen Tag über erfolgt, ist das zu viel für das Gehirn. Wir brauchen ein gewisses Maß an Stille. Ansonsten entwickeln wir Stressreaktionen. Vielleicht noch einen Punkt: Wenn man über Musik und Geräusche redet, darf man nicht vergessen, dass wir noch rudimentäre Elemente unserer evolutionären Entwicklung in uns tragen.

    Was bedeutet das?

    JÄNCKE: Bestimmte akustische Reizkombinationen werden beispielsweise als unangenehm empfunden. Dazu gehören abrupt einsetzende Geräusche. Wir empfinden sie automatisch als gefährlich. Oder akustische Reize, die auf uns zukommen und lauter werden. Die mögen wir auch nicht nicht so gerne. Im Orchester kann das beispielsweise der plötzliche harte Schlag auf die Pauke sein. Vogelgezwitscher, plätscherndes Wasser oder Wind, der durch die Bäume säuselt, das empfinden wir als angenehm. Das erzeugt ein Gefühl der Sicherheit. Der Grund dafür ist eine Art biologische Vorbereitetheit für bestimmte Klangmuster.

    Lassen sich durch Musik auch Emotionen auslösen?

    JÄNCKE: Ja, natürlich. Sogar dramatisch. Stellen Sie sich vor, sie wären ein neurologischer Patient auf der Reha. Da lässt sich mittels Musik das Gehirn ganz anders durchpusten, da kann man sich in ganz andere Stimmung bringen. Damit werden therapeutische Maßnahmen viel sinnstiftender und anregender. Diese therapeutischen Möglichkeiten hat man erst in den letzten 20 Jahren richtig erkannt. Musik lässt sich auch nutzen, um motorische Prozesse zu trainieren, zum Beispiel beim Lauftraining. Da sind Rhythmisierungselemente der Musik hilfreich.

    Was passiert mit der Musik in Zukunft?

    JÄNCKE: Das ist natürlich die Ein-Million-Dollar-Frage. Ich selbst bin überzeugt, dass die Bedeutung von Live-Musik weiter zunehmen wird. Der Markt wird auch von KI hergestellter Musik überschwemmt werden. Und ich befürchte, die meisten Menschen werden den Unterschied gar nicht bemerken. Es gibt ja schon die ersten Beispiele. In den Billboards der Country-Musik gibt es ja schon KI-generierte Stücke.

    Sind dann Komponisten eine aussterbende Spezies, weil KI alles besser kann?

    JÄNCKE: Schwer zu sagen – vieles lässt sich heute noch nicht sicher vorhersagen. In Fachkreisen wird allerdings bereits diskutiert, dass durch Künstliche Intelligenz ganze Berufsfelder verschwinden könnten. Erste Entwicklungen sehen wir schon jetzt. So dürfte etwa der klassische Hörbuchsprecher in einigen Jahren kaum noch eine Rolle spielen. Ich mache mir auch ein wenig Sorgen darüber, dass künftig bei vielen Menschen die Motivation sinken könnte, selbst Musik zu lernen oder sich mühsam eine Fremdsprache anzueignen. Dabei sehen wir schon heute problematische Entwicklungen: In unserer Gesellschaft gelten rund 15 Prozent der Menschen als funktionale Analphabeten. Es ist durchaus denkbar, dass wir durch den zunehmenden Einsatz von KI einige grundlegende Kulturtechniken allmählich verlernen. Gleichzeitig könnte man aus medizinischen oder didaktischen Gründen bewusst gegensteuern. Man könnte Menschen dazu ermutigen, weiterhin ein Instrument zu spielen oder Fremdsprachen zu lernen – nicht unbedingt mit dem Ziel, Profimusiker oder Dolmetscher zu werden, sondern um das Gehirn zu trainieren. Im Grunde ist das nicht anders als beim Sport: Viele Menschen gehen heute ins Fitnessstudio, um ihren Bizeps zu trainieren, ohne jemals Boxer werden zu wollen. Ähnlich könnte man auch das Gehirn durch Musizieren oder Sprachenlernen in Form halten – als geistiges Training, das über den unmittelbaren Nutzen hinausgeht.

    Zur Person

    Lutz Jäncke, 1957 in Wuppertal geboren, ist ein Deutschschweizer Neuropsychologe und kognitiver Neurowissenschaftler. Er lehrte als Professor in Magdeburg und Zürich und ist seit 2022 emeritiert. Am 15. April erscheint sein neues Buch „Wenn Töne salzig schmecken“ im Verlag Rüffer & Rub (320 Seiten; 30,50 Euro).

    Professor Lutz Jäncke ist kognitiver Neurowissenschaftler und Neuropsychologe.
    Professor Lutz Jäncke ist kognitiver Neurowissenschaftler und Neuropsychologe. Foto: privat
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