Ob das nicht doch auch ironisch sein könnte, zumindest ein bisschen? Zum Abschluss, als Stimmungsresümee des neuen und neunten Albums von Muse gibt es einen Song, der heißt relativ unverstellt „We Are Fucking Fucked“ (vorsichtig übersetzt: wir sind komplett verloren). Und Matthew Bellamy besingt darin in apokalyptischen Kaskaden den Zustand der Welt, wie er sie sieht – mit, Sie wissen schon, Klima, Krieg, Pandemie und so. Eine geradezu lustvolle Überdramatik. Bloß, nun ja, das sind eben Muse. Und ironisch ist da eigentlich nichts, nie, pathetisch dagegen alles, immer.
Das Trio Muse setzt politische Akzente in "Will of the People"
Das war schon bei den ersten, für Prog- oder Art-Rock des neuen Jahrtausends stilbildenden Alben so – und das ist auch beim Rest der zehn Stücke auf dem bereits durch Vorbestellungen schon wieder zum Bestseller gewordenen „Will of the People“ nun so. Wobei der Titel (Volkes Wille) schon zeigt, dass das seit Gründung unveränderte Britentrio hier die Reihe ihrer sehr politischen Inhalte fortsetzt, die spätestens seit „The Resistance“ 2009 dominieren. Und wie damals mit „Uprising“ gibt es neben all den beklagten Missständen auch wieder eine Ermächtigungshymne mit „Won’t Stand Down“.
Interessanter aber ist die Stilentwicklung von Muse in den 25 Jahren Bandzeit. Da nämlich bildet das neue Album nun so etwas wie den Abschluss der dritten Trilogie. Waren die ersten (und bis heute besten) drei Alben noch geprägt von hinreißendem, aber zugleich genialischem Ungestüm, führte die mittlere Phase vom Hitalbum „Black Holes and Revelations“ 2006 an ins Melodische, zu Chören und Elektronik – zum Pop? Dass es fast so weit war, gab der an Instrumenten wie im Stimmumfang breit befähigte Matt Bellamy, dann selbst fast erschrocken zu und leitet samt den Genossen Dominic Howard (Drums) und Chris Wolstenholme (Bass) mit dem Album „Drones“ 2015 dann die Kehrtwende ein, das ihnen erstmals auch in den USA Platz eins bescherte.
Das neue Muse-Album ist großes, postmodernes Metal-Theater
Mit dem neuen Album, entgegen dem Eindruck der ersten, melodisch leicht daherkommenden Single „Compliance“ und trotz wieder enthaltener Groß-Balladen wie „Ghosts“ und „Verona“, ist die Band nun wieder fast genauso weit vom Pop entfernt wie einst. Denn diese Rockoper (durch seine penetrante Manieriertheit eigentlich Rokoko-Rockoper) hat viel mehr gemein mit großem Metal-Theater – ist wie Manowar oder Rammstein, bloß in divers, wie Meat Loaf, bloß in postmodern.
Ab und zu steigert sich das über Bellamys typischen Gitarren-Powerchords sogar tatsächlich in (Nu)Metal-Härten wie in „Kill Or Be Killed“. Dafür kommen im Soundtrack-tauglich gruseligen „You Make Me Feel Like It’s Helloween“ auch mal Kirchenorgel und 90er-Synthie zum Einsatz, der Titelsong bringt die längst bewährte Tanzbarkeit. Insgesamt, ja, auch wenn nach dieser Entwicklung kein Weg zurück zum genialischen Chaos von einst mehr denkbar scheint, ein gutes Muse-Album, ein unverkennbares.
In "Liberation" sucht Muse stilistische Anklänge an Queen
Das heißt nicht nur, dass man irgendwie die meisten Songs eh schon kennt, sondern unweigerlich auch, dass die durch alle Trilogien hindurch beständige Nähe zu Queen wieder anklingt, am stärksten in „Liberation“. Eine stilistische Nähe. Denn Freddie und Co. konnten durchaus ironisch sein, sogar wenn sie pathetisch waren. Aber damals stand ja nicht das Weltende vor der Tür, oder?