Es ist wieder eines dieser kleinen Bücher zu den großen Fragen der Lebenskunst, mit denen der aus Krumbach stammende Philosoph Wilhelm Schmid zur Marke und seit „Gelassenheit“ vor bald zehn Jahren zum Bestseller-Autor geworden ist. Aber es ist eines von besonderer Dramatik und Bedeutung.
Schreiben über Lebensfreude - und dann eine tödliche Diagnose
Eigentlich gedacht, um den eigenen 70. Geburtstag am 26. April zu feiern, inspiriert von einem schönen Ausflugserlebnis mit der Familie wollte sich der Autor, der bereits über Glück und Unglück, Sex, Liebe und (Selbst)Freundschaft geschrieben hat, nun in der Metapher des Schaukelns der Lebensfreude widmen. Doch dann platzte eine verheerende Diagnose ins eigene Leben: Seine Frau war an Speiseröhrenkrebs erkrankt – und auf Heilung gab es sehr bald schon keine Hoffnung mehr. Unvorstellbar schien für Schmid damit ausgerechnet jetzt ein solches Buch.
Nun, seine Frau Astrid ist an Heiligabend 2021 gestorben, liegt es doch vor: „Schaukeln – Die Kunst der Lebensfreude“. Denn gerade sie, die doch wie niemand anders in seinem Leben für diese Freude gestanden habe, auch in schlimmster Zeit, habe sich genau das so sehr von ihm gewünscht. Davon erzählt Wilhelm Schmid im Buch – und unweigerlich ist es damit nicht nur sein bislang intimstes, sondern auch eines, das durch den klaffenden Abgrund des Verlusts die ganze Tiefe des Themas ausschöpft.
„Alles fließt? Alles schaukelt! Das Leben ist eine Schaukel“, schreibt er: „Das macht seine Spannung aus. Nie bleibt es gleich, auch wenn es so erscheint. Mal ist die Gelassenheit da, dann wieder weg. Mal verfüge ich über Souveränität, dann wieder nicht. Jedes Selbstbewusstsein wird beizeiten wieder von Selbstzweifeln eingeholt. Ich suche Nähe, um mich nicht verlassen zu fühlen, und gehe auf Distanz, um mich wieder auf mich zu besinnen. Übertreibe ich es mit dem Ich, entdecke ich das Zusammensein neu. (...) Wenn Leben heißt, keinen Rausch auszulassen, ist Nüchternheit unverzichtbar, um wieder Atem zu schöpfen.“
Wilhelm Schmid und sein neues Buch "Schaukeln"
Und weiter, in typisch Schmid’scher Lebensnähe: „Mit dem hin- und herschwingenden Pendel einverstanden zu sein, ist die Voraussetzung für die Kunst, sich des Lebens zu freuen. Eine Veranlagung dazu ist hilfreich, aber entscheidend ist die Übung, wie bei allen Künsten. Für die, die sich in dieser Kunst üben, ist das Leben voller Sinn, unabhängig davon, ob es von sich aus sinnvoll ist. Auch die, die es für sinnlos halten, können sich des Lebens freuen. Ein Missverständnis wäre gleichwohl die Erwartung, sich des Lebens ständig freuen zu können. Immerzu freudig zu sein, ist nur als Illusion möglich. Nicht nur die Anstrengung braucht Erholung, auch die Freude braucht sie, um die Intensität wiederzugewinnen, ohne die sie fade wird.“ Und ebenso führt die Erwartung eines rundum gelingenden oder eines völlig frei gestalteten Lebens unweigerlich in die Irre, die Enttäuschung, den Verdruss – Misslingen und Schicksalsschläge gehören zum Schaukeln des Lebens.
Ob man die Metapher nun für durchweg tragfähig hält, wenn der seit vielen Jahren in Berlin lebende Philosoph die Einzelbewegungen ausdifferenziert, vom „Schwung holen“ über Momente wie „Höhenflug“ und „Abschwung“, „Neuer Schwung“ und „Durchhänger“ zu „Ausschwingen“ und „Absprung“ ist letztlich gar nicht wesentlich für die Wirkung des Buches. Denn auf dem wie immer sehr auf Zugänglichkeit setzenden Weg seines Denkens belebt Wilhelm Schmid essenzielle Motive der Philosophie überhaupt.
Seine Frau ist gestorben - und hilft ihm dennoch bis heute täglich
„Carpe Diem“ und „Memento Mori“: Allzu oft tauchen diese klassischen Gedanken nur noch als Kalendersprüchlein, als klug klingende Phrasen auf – noch dazu unbeachtet ihrer ganz wesentlichen Verknüpfung. Dass das, was das Pflücken, also das Nutzen des Tages meint, nämlich Maß zu nehmen hat an der Allgegenwart unserer Sterblichkeit, um das Eigentliche zu sagen. Bei Schmids Kunst der Lebensfreude wirkt das, was man auch Dialektik nennen kann, unmittelbar. Er hat die Erkenntnis schließlich am eigenen Charakter grundsätzlich erfahren müssen, weil er „als Euphoriker“ immer auf „high life“ aus war. Und er hat kürzlich aus dem Abgrund des Daseins zu ihr zurückfinden müssen. Er sagt, seine Frau hilft ihm dabei bis heute, mit ihrer Energie ist seine Astrid bei ihm.
Alle Gute, Wilhelm Schmid, auch zum runden Geburtstag demnächst.
Das Buch: Wilhelm Schmid: Schaukeln, Insel Verlag, 110 Seiten, 12 Euro