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Opferrolle prägt Gesellschaft und beeinflusst öffentliche Debatten

Bücher

Verletzlichkeit als Identität? Was der neue Umgang mit Leid über unsere Gesellschaft verrät

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    „Martyrium des Hl. Matthäus“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio: Leidensgeschichten stehen gegenwärtig hoch im Kurs.
    „Martyrium des Hl. Matthäus“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio: Leidensgeschichten stehen gegenwärtig hoch im Kurs. Foto: Wikipedia

    Inzwischen sehnen sich sogar Autokraten nach der Opferrolle. US-Präsidenten oder Kreml-Herrscher, einst stolz auf ihre beispiellose Machtfülle, wähnen sich längst in der Defensive: wahlweise unterdrückt von Medien, Gerichten, ausländischen Geheimdiensten oder sonstigen dubiosen Verschwörungs-Zirkeln im eigenen Land. Es ist heutzutage anscheinend von Vorteil, unterlegen zu wirken, hilflos ausgeliefert statt majestätisch gebietend. Aber warum?

    Die in Freiburg lebende Philosophin Maria-Sibylla Lotter geht der Frage in einem neuen Buch auf den Grund. Der Bogen, den sie dabei schlägt, lässt kaum eines der Reizworte zurückliegender Kulturkämpfe aus. Wer über den Opferkult nachdenkt, kommt nun mal gar nicht umhin, auch von Achtsamkeit, Hypermoral und Meinungsfreiheit zu sprechen. Und doch, ein Schlagwort erscheint neu in diesem Buch: Therapie.

    Lotter stellt psychologische Ursachen für Identitätspolitik in den Fokus

    Dass all den identitätspolitischen Aufregungen zu einem erheblichen Teil psychologische Ursachen zugrunde liegen könnten, konnte man schon länger ahnen. Lotter verdichtet das vage Gefühl nun zu einer These: Was ein wachsender Teil der Gesellschaft unter einer moralischen Debatte versteht, sei in Wahrheit Ausdruck einer Verwechslung von Kategorien und Ausweitung von Begrifflichkeiten. So müsse man die Aufwertung des Opfers „im Kontext der Entstehung einer Pseudomoral“ sehen. Dabei würden „Denkweisen und Haltungen aus dem Bereich der Psychotherapie“ zunehmend „mit moralischen Geboten verwechselt“.

    Und tatsächlich erinnern die Beispiele, mit denen die Autorin diese Ausgangsthese untermauert, frappierend an Techniken aus der therapeutischen Praxis. Das gilt insbesondere für die verstärkt auftretende Forderung, die Öffentlichkeit solle Behauptungen einer erfahrenen Diskriminierung von Anfang an erst einmal Glauben schenken. Was im Therapiezimmer eine unerlässliche Voraussetzung für den Behandlungserfolg sein kann, untergräbt im öffentlichen Raum rechtsstaatliche Prinzipien. Denn wo ein Opfer ist, muss auch ein Täter sein. Und wer dem Opfer ungeprüft Glaubwürdigkeit attestiert, verurteilt damit einen Menschen, für den eigentlich die Unschuldsvermutung gilt. Wohin das führt, veranschaulicht Lotter am Beispiel des vermeintlichen Antisemitismus-Skandals um den Sänger Gil Ofarim. Für Monate sah sich ein Leipziger Hotelmitarbeiter bundesweit an den Pranger gestellt. Am Ende erwies sich die Anschuldigung als glatte Lüge.

    Maria-Sibylla Lotter ist Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Sie lebt in Freiburg.
    Maria-Sibylla Lotter ist Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Sie lebt in Freiburg. Foto: ANNA ZIEGLER

    Mit der therapeutischen Perspektive geht auch eine Aneignung des psychologischen Vokabulars einher. Das Wort „Trauma“ bezeichnete ursprünglich ausschließlich organische Störungen des Gehirns, wurde im 20. Jahrhundert aber auf immer mehr Symptome ausgeweitet, sodass inzwischen selbst ein gewöhnlicher Theaterbesuch oder die Lektüre eines Schulbuchs als potenziell traumatisierend gilt.

    Diagnose psychischer Krankheiten entlastet Betroffene oft

    Hilfreich ist das für die Betroffenen nicht immer. Zwar verschafft die Ausdehnung psychischer Krankheitsbilder zweifellos vielen Menschen Erleichterungen: Allein schon eine Diagnose kann von Schuldgefühlen und Versagensängsten befreien, Lösungswege für lange bestehende Probleme aufzeigen. Gleichzeitig aber wird auch das Gegenteil beobachtet. Wer selbst gewöhnliche negative Erfahrungen wie etwa eine vorübergehende Traurigkeit pathologisiert, bewirkt bei den Betroffenen, dass sie ihre soziale Wirklichkeit als nur umso bedrohlicher wahrnehmen. Selbstvertrauen, Autonomie, Persönlichkeit: Das alles kann sich nur entwickeln in einer Auseinandersetzung mit den üblichen Störfaktoren des Lebens.

    Wie also umgehen mit diesem Phänomen? Lotter differenziert zwischen passiver und aktiver Opferidentität. Letzterer spricht sie ihren vollen Respekt aus, etwa im Fall des Vergewaltigungsopfers Gisèle Pelicot als Musterbeispiel für Selbstermächtigung und Standhaftigkeit. Ihr offensiver Umgang mit dem erfahrenen Leid steht in der Tradition von Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen, die ihre eigene Benachteiligung zur Triebfeder für politische Veränderungen umfunktionieren.

    Skeptischer blickt Lotter auf den Umgang mit passiven Opferidentitäten, also solchen, die in einem Trauma gefangen bleiben, angewiesen bleiben auf allseitiges Verständnis und Rücksichtnahme. Hinter solcherart zur Schau getragener Fürsorge erblickt die Autorin allzu oft eine Instrumentalisierung fremden Leids für eigene Interessen. Dann wird die moralische Empörung über das beobachtete Unrecht zur Machtdemonstration, und wo Empathie behauptet wird, geht es in Wahrheit um die Inszenierung eigener Rechtschaffenheit.

    Maria-Sibylla Lotter: „Opfer - über Verwundbarkeit als Selbstbild“, Hanser 2025; 288 Seiten, 25 Euro.
    Maria-Sibylla Lotter: „Opfer - über Verwundbarkeit als Selbstbild“, Hanser 2025; 288 Seiten, 25 Euro. Foto: Hanser

    An der Kultur des öffentlichen Diskutierens setzt Lotter denn auch den Hebel an, um dem gewachsenen Bewusstsein für gesellschaftliche Benachteiligungen auch tatsächlich mehr Gerechtigkeit abzuringen. Wer etwa moralisch Kritik übt, dürfe nicht immer nur von anderen verlangen, sich mit der eigenen Position auseinanderzusetzen, sondern müsse „auch selbst bereit sein, sich auf die andere Perspektive einzulassen“. Zudem solle Kritik nicht im autoritären Ton eines Erziehers vorgebracht werden, sondern als „Einladung zur Diskussion“. Natürlich sei es richtig, für Schwächere einzustehen. Wenn dieser Schutz aber verabsolutiert wird und andere Interessen oder Werte einfach nicht mehr zählen sollen, dann schlage Moral in Bevormundung um.

    Eine Gesellschaft, die einen anständigen Umgangston pflegt, entzieht dem Missbrauch von Opfererzählungen den Boden. Für mehr Gerechtigkeit sorgen, statt für nur immer mehr Empörung: Es könnte eigentlich ganz einfach sein.

    Die Autorin

    Maria-Sibylla Lotter, 64, studierte in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 folgte die Habilitation in Zürich. Seit 2013 lehrt sie als Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit schreibt sie auch regelmäßig für die Neue Zürcher Zeitung und die Zeit. 2021 war sie Mitgründerin des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, aus dem sie allerdings inzwischen wieder ausgetreten ist. Maria-Sibylla Lotter lebt in Freiburg.

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