War da zuerst der Alkohol, oder war da zuerst das Pech mit den Frauen? Zum Auftakt von Kay Metzgers Inszenierung der Jacques Offenbach-Oper "Hoffmanns Erzählungen" huscht eine kleine weiße Maus über die Bühne. Eine mechanische, keine lebende – aber sie ist Auftakt einer Interpretation, die die im Delirium tremens eines Alkoholikers offenbar tatsächlich auftretenden weißen Mäuschen ins Zentrum der fantastischen Oper rückt.
Hinter der Schar der weißen Mäuse mit den leuchtend roten Augen, die aus dem übergroßen Flügel wuseln, und die ihr niedliches Eigenleben führen, verbergen sich Chor und Extrachor des Theaters Ulm, von Petra Mollérus in rundbauchige Mäuschenkostüme mit spitzen Schnäuzchen gesteckt. Sie werden über den dreistündigen Opernabend hin nicht nur zum Hingucker, sondern zu einem heimlichen Star des Abends, der am Ende "Bravo!"-Rufe erhält. Die Mäuse sind es auch, die – Hinweis auf den geistig-psychischen Zustand Hoffmanns – am Ende bei ihm bleiben, als alle seine Liebschaften gescheitert sind, als Olympia zerstört, Antonia gestorben ist, und als die seelenfressende Giulietta dem Protagonisten Hoffmann sein Spiegelbild geraubt und ihn ausgenützt hat.
"Hoffmanns Erzählungen": Der Komponist der Oper starb während der Probe
Kay Metzger interpretiert die Oper, die Jacques Offenbach aus Versatzstücken von Erzählungen des Multitalents E.T.A. Hoffmann (Schriftsteller, Jurist, Komponist und Zeichner) schuf, und von der es keine von Offenbach autorisierte Fassung gibt, weil der Komponist während einer Probe der Oper starb.
Metzger interpretiert "Hoffmanns Erzählungen" über das Motiv des Doppelsehens – möglicherweise auch dies eine Anspielung auf die Wirkung von reichlich Alkohol. Olympia, die Hoffmann peinlicherweise nicht als mechanische Puppe erkennt, als er sich in sie verliebt, die brave und der Musik hingegebene Antonia, die Halbwelt-Kokotte Giulietta, die unberechenbare Stella: Alle Frauen tragen das identische rote, bauschige und glitzernde Kleid. Optik pur in Männeraugen, erotisches Stereotyp, der Inhalt des Kleides dagegen scheint relativ austauschbar, auf den Charakter kommt es nicht so an. Einzig die Schuhe der Frauen sind komplett unterschiedlich und geben Hinweise auf den Charakter.
Auch Hoffmann selbst (mit Markus Francke in der Titelrolle), seine Muse (I Chiao Shih) und Dae-Hee Shin in den teuflischen Rollen von Lindorf, Coppélius, Dr. Miracle und Dapertutto sehen sich mit gleicher Frisur und identischer Kleidung zum Verwechseln ähnlich. Muse und Dämon scheinen Teile der Figur Hoffmanns, der als kreativer Romantiker und pathologischer Künstler galt, der die verschiedensten Alkoholika in Mengen in sich hineinkippte und unvorstellbar hohe Zechschulden hinterließ, als er 46-jährig starb. Es bleibt die Frage: Könnte große Kunst ganz ohne Rauschmittel entstehen? Die Antwort dürfte angesichts der Vita berühmter Literaten und Komponisten eher ein "Nein" sein.
Maryna Zubko brilliert auf der Bühne
Maryna Zubko singt (wie es in dieser Oper nicht unüblich ist) die Rollen aller Geliebten und fühlt sich sichtlich am wohlsten in der Rolle der hinterhältigen Kurtisane Giulietta mit den silbernen High Heels, die mit den Männern spielt und als einzigen Mann je den körperlich behinderten Diener Pitichinaccio (Josuah Spink) geliebt hat – der sie eben nicht bedrängt. Sie, mit "Bravo!"-Rufen bedacht, brilliert stimmlich und schwelgt mit der ähnlich großartigen I Chiao Shih in der vom Publikum bejubelten Barcarole, jenem beliebten Gassenhauer, den Offenbach von sich selbst abkupferte. Markus Francke beeindruckt in der Titelrolle, muss aber in den gewaltigen Teilen seiner Rolle etwas kämpfen. Das Philharmonische Orchester unter Leitung von Panagiotis Papadopoulos zeigt ein feines Gespür dafür, wann es richtig aufdrehen darf und wann Zurückhaltung wichtig ist.
Am Ende gibt es teilweise Standing Ovations. Wünschenswert wäre aber eine weniger verknappte Übersetzung des französischen Originals in den deutschsprachigen Übertiteln.
Die nächsten Aufführungen: 5., 16., 22. und 28. April.