Wer Spotify nutzt, der weiß, dass es im Dezember jeden Tag so weit sein kann. Man öffnet die App, möchte auf dem Nachhauseweg mit lauter Musik die Welt ausblenden, und auf einmal erscheint sie: die ersehnte Nachricht, dass Spotify Wrapped – „dein Wrapped“ – endlich da ist. Das Herz beginnt zu klopfen, soll man gleich nachsehen oder lieber zu Hause in Ruhe entdecken, was das vergangene Jahr musikalisch zu bieten hatte? Welchen Künstler hat man am meisten gehört, welcher Song steht auf der Nummer eins? Okay, ein kurzer Blick kann nicht schaden, und mit einem Klick öffnet man eine Serie bunter Präsentationen, die – ähnlich einer Story auf Instagram – nacheinander angeschaut werden können. Danach gibt es kein Entkommen mehr: Jeder teilt den Jahresrückblick in den sozialen Medien, etwas anderes ist kaum noch zu sehen. Aber... warum eigentlich?
Zunächst einmal sollte die Fülle an Informationen erwähnt werden, die Spotify Wrapped seinen Nutzern bietet. Was es nicht alles zu entdecken gibt! Die Nutzer können sehen, wer ihre Top-fünf-Künstler, -Songs und -Alben waren, in welchen Monaten welcher Musiker am meisten gehört und wie viele Minuten man im vergangenen Jahr mit Musik beschallt wurde. Dieses Jahr war der Puertoricaner Bad Bunny mit 19,8 Milliarden Streams der weltweit meistgehörte Künstler auf der Plattform.
„Happy Wrapped Day“: Welche verrückten Kategorien Spotify bietet
Der Streamingdienst lässt sich jedes Jahr ein neues Konzept einfallen, um die Nutzer mit seinen Analysen zu überraschen. 2023 gab es beispielsweise bestimmte „Hör-Typen“, in die man kategorisiert wurde. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man plötzlich ein Vampir war, was bedeutete, dass man düstere Musik mochte und „mehr emotionale, atmosphärische Musik [hörte] als die meisten“. Über dem Text war passenderweise ein lila strahlendes Vampirgesicht mit glitzernden Fangzähnen abgebildet. 2024 wurden den Hörern ausgewählte Monate vorgestellt, in denen sie spezielle „Genres“ gehört hatten, die die wildesten Bezeichnungen bekamen: Was sollte bitte eine „Entertaining-football-rock-Phase“ sein? Genau das Rätseln darüber sorgte für den Spaß. Heuer wurde den Nutzern ein musikalisches Alter verpasst, was den ein oder anderen vielleicht gefreut haben dürfte. Wer würde nicht gerne anhand seines Musikgeschmacks jünger eingeschätzt werden? Gleichzeitig konnten junge Hörer plötzlich 40 Jahre alt sein, was von Spotify so kommentiert wurde: „Du bist nur so alt, wie du dich fühlst. Also nimm das nicht persönlich.“
Gut, man mag sich fragen, ob all das wirklich notwendig ist, und natürlich ist das Spektakel eine große Marketingkampagne der Musikplattform. Heuer wurde den Nutzern ein „Happy Wrapped Day!“ gewünscht. Und mit der diesjährigen Einladung zu gemeinsamen „Streaming-Battles“ versucht Spotify, seine Kunden möglichst lange auf der App zu halten. Das kommt an, denn als Nutzer ist man gespannt, ob die Plattform ihre verrückten Ideen aus dem letzten Jahr übertrifft oder ob man online immerhin über die diesjährige Enttäuschung schimpfen kann.
Darum ist der Jahresrückblick für die Nutzer wichtig
Ganz so oberflächlich kann man den Jahresrückblick allerdings auch nicht bewerten, denn dahinter steckt noch ein persönliches Interesse. Welche Musik hat man dieses Jahr gehört? An welche peinlichen Obsessionen wird man erinnert? In welchem Monat wurde aufgrund des Liebeskummers besonders viel traurige Musik gehört? Als Nutzer erinnert man sich an das vergangene Jahr, ähnlich wie in einem Fotoalbum, nur dass man anstatt von Bildern die gehörten Lieder betrachtet. Es gibt einem die Möglichkeit, sich nochmal an besondere Momente und Emotionen zu erinnern und vielleicht sogar mit dem ein oder anderen abzuschließen.
Doch warum hat jeder das Bedürfnis, die eigenen Jahresrückblicke in den sozialen Medien teilen zu müssen? Reicht nicht die private Freude daran? Zunächst einmal geht es in den sozialen Medien genau darum, sich selbst darzustellen und zu inszenieren. Warum sollte jemand, der Fotos von seinem hübsch angerichteten Essen teilt, nicht auch zeigen, welchen Musikgeschmack er oder sie hat? Besonders, wenn es um beliebte Stars wie Taylor Swift oder Sabrina Carpenter geht, zeigt man gerne, dass man Teil der Fangemeinde ist.
Spotify Wrapped: Das macht den Austausch online besonders
Dabei geht es aber häufig nicht nur um die eigene Selbstdarstellung, sondern um die Freude, gemeinsam mit anderen Fans zu teilen, wie oft man den Lieblingsartist gehört hat. Kam ein neues Album raus? Welchen Song daraus haben andere Fans am meisten gehört? Wer gehört zu den Top 0,1 Prozent der Hörer eines bestimmten Künstlers? (Ja, auch das zeigt Spotify den Nutzern.) Besonders junge Frauen teilen, wen sie gehört haben, und schaffen so einen Raum, um über die eigenen Interessen zu reden. Gleichgesinnte Fans bewerten nicht, dass man der hundertste Swift-Fan ist oder jedes Jahr die K-Pop Band BTS ganz oben auf der Liste steht, sondern verstehen, warum man die Musik gerne hört. Zugleich reden die Nutzer darüber, was sie von „ihrem Wrapped“ halten, ob sie den Analysen von Spotify zustimmen würden und welche lustigen oder peinlichen Hörmomente sie letztes Jahr erlebt haben. Es ist ein kollektives Aha-Erleben, das mit der Welt besprochen wird.
Trotz des Spaßes, den Spotify Wrapped verbreitet, kann man dennoch auch Kritik üben. Zum einen ist es nervig, wenn man mindestens zwei Tage lang mit den immergleichen Screenshots bombardiert wird. Zum anderen steht die Plattform immer wieder in der Kritik, den Künstlern zu wenig zu zahlen. Diese erhalten im Durchschnitt 0,3 Cent pro Stream, was allerdings noch von Faktoren wie dem Herkunftsland des Hörers oder den Gesamtstreams des Künstlers abhängt oder davon, ob der Nutzer ein kostenloses oder bezahltes Abo hat. Zudem kursiert seit Anfang November ein Boykott-Aufruf gegen die Plattform im Netz. Spotify schaltet nämlich Werbeanzeigen für die Rekrutierung von ICE-Agenten der US-amerikanischen Einwanderungs- und Zollbehörde, die zuletzt wegen ihres Vorgehens bei Verhaftungen und Abschiebungen kritisiert wurde. Das möchten viele nicht unterstützen.
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