In Bochum hat das Theaterpublikum einen Schauspieler angegriffen, um dessen „Monolog eines Faschisten“ zu beenden. Die Premiere von „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ endete im Tumult. Ein Theatersprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur: Zwei Zuschauer hätten versucht, Schauspieler Ole Lagerpusch von der Bühne zu zerren, um den Monolog zu beenden. „Es wurde handgreiflich.“ Ein anderer Schauspieler ging dazwischen. Die Dramaturgin Angela Obst musste sich schließlich ans Publikum wenden und es auffordern, die Bühne als geschützten Raum zu betrachten.
Ein Vorgang, wie er nicht oft vorkommt. Ein Vorgang, der zum Nachdenken und Durchdenken anregt. Denn: Der Schauspieler Ole Lagerpusch spielt am Ende dieses Theaterabends eine Rolle, Romeu, einen faschistischen Politiker in Portugal, einer, der jung und smart vorgibt, für eine schweigende Mehrheit zu sprechen, die Nationalismus will, fremdenfeindlich eingestellt ist und Andersdenkende unterdrücken möchte. Wer soll da also gestoppt und was verhindert werden, wenn der Schauspieler Ole Lagerpusch seinen Schlussmonolog nicht mehr zu Ende sprechen kann?
Aus dem Premieren-Publikum gibt es Buh-Rufe, als im Stück der Faschist spricht
Die anderthalb Stunden vor dem Schlussmonolog schienen für das Publikum des Schauspielhauses Bochum weniger anstößig gewesen zu sein. In dem Stück des portugiesischen Dramatikers und Regisseurs Tiago Rodrigues (Jahrgang 1977) wird die faschistische Geschichte Portugals ausgeleuchtet, die bis in die mittleren 1970er Jahre reichte. Rodrigues reflektiert das anhand einer Familie mit einer ungeheuerlichen Tradition: Immer zum Jahrestag der Ermordung der Landarbeiterin Catarina Eufémia am 19. Mai 1954 durch Schergen der Diktatur tötet die Familie einen Faschisten.
Stets beginnt dieser Tag als wohlgelaunte Familienfeier und endet mit der Erschießung des Delinquenten. Das Theaterstück widmet sich dem Abend, als es in der Familie rumort. Eine vegan lebende Tochter hat genug davon, die nach Familienrezept zubereiteten Schweinsfüße essen zu müssen. Eine andere Tochter will von dem Ritual der Erschießung nichts mehr wissen und stellt infrage, dass Gewalt ein legitimes Mittel zur Verteidigung von Demokratie und Freiheit ist. Erst nachdem sich die Familie selbst zerlegt hat und scheinbar alles vorbei ist, wendet sich das überlebende Opfer des Abends an die Öffentlichkeit. Auftritt Romeu mit seinem Monolog eines Faschisten.
Das Stück ist bereits in einigen anderen Ländern zu sehen gewesen
Aus dem Publikum habe es Buh-Rufe gegeben, ist in Medienberichten nachzulesen. Doch der Faschist gibt nicht klein bei, er redet und redet, so lange, bis ein Pfeifkonzert durch den Saal hallt. „Halt die Fresse“, ruft einer, während ein anderer Besucher entgegnet: „Das gehört zum Spiel dazu, du Idiot“, berichtet die WAZ. Eine Frau brüllte ein ums andere Mal, ohne Luft zu holen, „Aufhören“ in den Saal.
Wie vom Theater zu hören ist, sei das Stück des portugiesischen Autors Tiago Rodrigues bereits in einigen anderen Ländern gezeigt worden und habe auch dort teils heftige Zuschauerreaktionen provoziert. „Aber es ist noch nie vorgekommen, dass Zuschauer den Schauspieler tatsächlich körperlich angegangen sind“, sagte der Sprecher des Schauspielhauses.
Eine bemerkenswerte Inszenierung am Schauspielhaus Bochum
Ganz grundsätzlich handelt es sich bei diesem tätlichen Angriff von zwei Zuschauern um einen bemerkenswerten Akt. Mit diesem Monolog testet der Dramatiker das Publikum. Er fragt es: Wie würdet ihr mit diesem Faschisten umgehen? Umbringen wie die Familie? Wirklich? Auf die Klugheit der Gesellschaft bauen? Rodrigues liefert Stoff für angefachte Gespräche nach dem Stück.
In die Inszenierung einzugreifen, heißt, das Nachdenken beendet zu haben und zur Lösung zu schreiten, nämlich den Monolog zu unterbinden. Dass dabei ein Schauspieler tätlich angegangen wird, der für alle erkennbar das sagt, was er spielt, und nicht das, was er selbst denkt, scheint bei diesem Übergriff als Kollateralschaden hinnehmbar. Wichtiger ist die symbolische Tat, nämlich den Monolog eines Faschisten verhindert zu haben, auch wenn dieser Faschist kein echter war, sondern eine Theaterfigur.
Andersherum kann sich das Bochumer Publikum auf die Schulter klopfen, die Provokation der Rede nicht klaglos geduldet zu haben. Courage, Mut und Ungehorsam wurden bewiesen. Rechtsextreme Propaganda wird dort nicht einmal als Teil einer Inszenierung toleriert. Gleichzeitig liegt in diesem Geschehen aber auch etwas Gleichnishaftes. Es zeigt, wie es darum bestellt ist, wenn die verhasste Gegenseite spricht. Schon das Zuhören im Rahmen eines Theaterstücks wird von Teilen als unerträgliche, mit allen Mitteln zu unterbindende Provokation verstanden. An Dialog, Argumentation und Überzeugen, also die Mittel der Sprache, scheint man in Teilen nicht mehr zu glauben. Eine bemerkenswerte Inszenierung in Bochum also, aus vielen Gründen.
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