Frau Siebein, das US-Außenministerium wechselt gerade seine Schriftart für staatliche Dokumente. Joe Bidens Außenminister hatte noch Calibri als Schrifttyp eingeführt, für leichtere Lesbarkeit, für Barrierefreiheit und Inklusion. Aber das scheint Donald Trumps Regierung zu „woke“, jetzt gilt Times New Roman als Standard. Was ging Ihnen als Schriftexpertin durch den Kopf, als Sie davon erfahren haben?
JOHANNA SIEBEIN: Es gibt um Trumps Regierung so viele Vorfälle, die mich sprachlos machen, und dieser scheint ja eigentlich subtil. Die Nachricht lautet: Wir wollen nur eine andere Schriftart, in der wir unsere Dokumente schreiben. Aber dahinter steckt mehr. Ich finde diesen Schritt heftig, nun geht die Regierung auch über die Abkehr von einer Schrift gegen Diversität, Gleichstellung und Inklusion vor. Die Motivation hinter diesem Schritt ist jedenfalls klar, Trumps Team macht die Schriftwahl zum Politikum. Wir sehen an dem Fall, wie politisch Typografie überhaupt sein kann.
Wie unterscheiden sich die beiden Schrifttypen konkret?
SIEBEIN: Times New Roman ist eine Antiqua-Schrift, sie wurde 1931 für die Tageszeitung The Times in London gestaltet. Ihre Buchstaben sind eher schmal, so passen mehr Buchstaben in eine Zeile. Eigentlich ist sie für den Druck gemacht, als Zeitungsschrift, als Systemschrift war sie aber auch lange Zeit die voreingestellte Schriftart am PC, die alle verwenden. So hat sie eine Art Gewohnheitsrecht erwirkt. Aber Times New Roman bleibt komplex fürs Auge, sie ist am Computerbildschirm nicht optimal lesbar. Außerdem hat sie eine wissenschaftliche Ausstrahlung an sich. Sie ist im akademischen Kontext bis heute der Standard, zum Beispiel für Hausarbeiten. Sie signalisiert sofort, dass ein Text schwerer Natur sein könnte. Das macht eine Zugänglichkeit nicht so leicht.
Und was zeichnet Calibri aus?
SIEBEIN: Calibri wurde um 2004 von Lucas de Groot für Microsoft entwickelt. Bis 2023 war sie die Standardschrift im Programm Word. Ziel der Schriftart war, die Leserlichkeit zu optimieren, vor allem am Bildschirm. Calibri als dynamische Schriftart ist nahbarer, ihre Formen sind der menschlichen Schreibbewegung entlehnt und orientieren sich an frühen Formen. Erst später in der Geschichte wurden Schriften konstruierter. Calibri ist damit eine sogenannte humanistische Schriftart, und da wird es schon politisch interessant, denn Humanismus steht natürlich für hier angegriffenen Ideale.
Was macht eine Schriftart humanistisch? Wie wird sie barrierefrei?
SIEBEIN: Das betrifft unter anderem die Buchstabenformen, die vom Schreiben entwickelt sind. Zum Beispiel, dass das große „I“ und das kleine „l“ nicht identisch aussehen, sondern das „l“ mit der Oberlänge optisch ein bisschen höher herausragt. Oder auch: Dass die Öffnungen wie in „a“, „c“ und „e“ weit offen sind, weil wir dann einzelne Buchstaben besser unterscheiden können. Das hilft vor allen Menschen, die sich damit eben schwertun, zum Beispiel wegen Lernschwierigkeiten oder Sehbehinderungen. Außerdem ist natürlich auch der typografische Umgang und nicht zuletzt die sprachliche Form entscheidend für die Zugänglichkeit eines Textes.
Wie viel Botschaft steckt in einer Schriftart?
SIEBEIN: Schrift besteht erst einmal nur aus Buchstaben, daher ist sie so wendig. Man kann mit der Wahl und dem Einsatz der Schrift unbedingt manipulieren. Denken Sie an Werbung oder auch an Wahlplakate. Schrift steht ja immer in Kontexten: Wo wurde sie schon verwendet? Und von wem? Identifiziere ich mich mit den Menschen, die sie sonst gebrauchen? Sie wird schnell unbedarft genutzt, aber sie kann auch politisch instrumentalisiert werden.
Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen? Aus Politik oder Geschichte?
SIEBEIN: Als wichtiges Beispiel fällt mir hier das Schriftverbot des NS-Regimes ein. In den 1930er-Jahren haben die Nationalsozialisten in „deutscher Schrift“ geschrieben, also in gebrochenen Schriften wie der Fraktur, um vermeintlich die deutsche Kultur zu stärken. 1941 hat sich die NS-Politik allerdings davon distanziert. Hitler erließ einen Erlass: Es wird jetzt offiziell nicht mehr mit gebrochenen Schriften geschrieben, das seien nämlich „Schwabacher Judenlettern“. So nannten die Nationalsozialisten nunmehr die Schrift, um sie zu diffamieren. Stattdessen hieß es: Wir schreiben jetzt in Antiqua, in der alten Schrift. Dahinter steckte aber auch die Logik eines brutalen, expansiven Kriegs. In den annektierten Gebieten wollten die Nationalsozialisten nicht erst neue Schriften einführen, um ihre Propaganda zu verbreiten, sondern die verständlichere Antiqua nutzen.
Wie politisch ist die Wahl der Schriftart heute? Welche Entwicklungen beobachten Sie?
SIEBEIN: Die Schriftwahl hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert, und ich glaube, sie ist politischer denn je. Ich sehe, dass meine Studierenden intensiv nachdenken und unterstütze das: Warum wähle ich eine Schrift? Nur aus formalen Aspekten? Oder steckt dahinter vielleicht auch eine Botschaft. Möchte ich eine größere Idee unterstützen? Wähle ich aus politischen Gründen bewusst eine Schrift, die eine Frau oder eine queere Person entwickelt hat? So kann auch Solidarität über die Schriftwahl entstehen. Überhaupt ist Schrift identitätsbildend, mit ihr kann man sich präsentieren, identifizieren.
Warum fasziniert Sie das Feld der Typografie?
SIEBEIN: Typografie ist die Verbildlichung von Sprache und darin liegt ebenso ein Reichtum im Ausdruck. Es fasziniert mich, auf diesem Feld eigene Töne anzuschlagen und zu experimentieren. Mit Schriftarten unterstützen wir Ideen, insofern sind sie ein mächtiges Instrument. Und wir sehen auch, wie im Diskurs in den USA, dass Typografie missbraucht werden kann. Dass sie ein Signal sein kann, wenn die Lage kippt.
Zur Person
Johanna Sieben lehrt seit 2022 als Professorin für Typografie/Type Design an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und ist Partnerin des Designstudios Laucke Siebein.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren