Es gibt 23 Millionen Singles in Deutschland. Tendenz: stetig steigend. Junge und ältere, solche mit Kindern und solche ohne. Und das ist beileibe keine hiesige Besonderheit. Bei all dem Valentinstagsbohei also sollte man die Sache mit der Liebe und dem Sex und Beziehungen am besten erst mal nüchtern betrachten.
Und da zeigt neben anderen internationalen Studien zum Beispiel die stets viel beachtete „National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyle“ mit ihren regelmäßigen Befragungen zu den intimen Gepflogenheiten der englischen Bevölkerung: Es hat sich etwas verändert in den vergangenen Jahren. Diejenigen Alleinstehenden, die sexuell aktiv sind, sind es nämlich deutlich weniger mit wechselnden Partnern. Der klassische One-Night-Stand, zeitgemäß über Plattformen wie Tinder, ist weniger begehrt. Stattdessen: regelmäßiger Sex mit derselben Person, aber ohne Beziehung – dafür verbunden mit einer Freundschaft.
Ein Stoff, aus dem Romantikkomödien sind
Der Trend hat längst einen Namen: auf Englisch „Friends With Benefits“ (FWB), zu Deutsch „Freundschaft Plus“. Auch Hollywood hat das für den umsatzstarken Markt der „RomCom“ genannten Romatikkomödie freilich längst für sich entdeckt – nicht ohne Charme etwa mit Natalie Portman und Ashton Kutcher, auch mit Justin Timberlake und Mila Kunis. Denn es lässt sich amüsant inszenieren, wenn Sexualpartner einander vertraut, aber nicht verpflichtet sind – wenn sie also offen sein können, wer sie sind und was sie wirklich wollen. Da erscheint das Modell durchaus reizvoll und frei, abseits von eingespielten Rollen, die es bei Treffen mit Fremden oder im Alltag einer Beziehung zumeist gibt.
Diese Reize hatte zuvor bereits zweierlei befördert: Eine sich ausbreitende Ermüdung in den immer von Neuem beginnenden Kennenlern-Schleifen des Datings – und ein erlahmender Glaube, bereit zu sein für die eine, die wahre Liebe von Dauer. Darum FWB – mitunter auch „Beziehung light“ oder „Back-up-Beziehung“ genannt. Aus Singles werden also zunehmend „Mixed Singles“, genannt „Mingles“, mit offen abgesprochenem „Casual Sex“. So heißt das heute. Und so zu leben können sich nach einer Umfrage 26 Prozent Deutsche vorstellen. Nicht nur Verzweiflung spricht also aus der hohen Quote.
Kennenlernen erschwert, Bedürfnisse weiter vorhanden
Die aktuelle FWB-Hochkonjunktur ist, so die Studie, aber etwas anderem geschuldet: der Pandemie. Die hat das Treffen und Kennenlernen ja erschwert, zeitweise verunmöglicht, die Bedürfnisse aber freilich nicht stillgelegt. Und bei den Sorgen, mit denen Corona alle unmittelbaren Kontakte infizierte, fühlten sich nicht wenige wohl auch in den Armen von Vertrauten wohler, und zwar immer denselben..
Aber wie tragfähig ist ein solches Modell? In der Darstellung Hollywoods: Es geht nicht wirklich lange gut. Aber der dadurch entstehende Bruch führt mit seinem Schmerz dann unweigerlich zur Erkenntnis, dass das hier – also echte Freundschaft plus feiner Sex – wohl doch die wahre Liebe sein könnte. Genretypisch zu erwarten: Happy End.
Die Wirklichkeit aber sieht wie immer etwas anders aus. Nach einer weiteren Studie ist nach einem Jahr in 15 Prozent der Fälle aus FWB-Verhältnissen eine feste Beziehung geworden, in 26 Prozent bestand „Freundschaft Plus“ noch fort, 28 Prozent waren zur vorherigen Freundschaft zurückgekehrt. Aber den höchsten Wert mit 31 Prozent erreichen die, bei denen das Verhältnis zerbrochen war: Das vorübergehende Plus hat alles zerstört, also auch die Freundschaft.
Das rät der Chor der Ratgeber
Kein Wunder, dass darum Ratgeber im Netz boomen. Fit for Fun rät zwar „Go for it!“ – aber nur, wenn folgende Punkte erfüllt sind: „1. Du bist frei & verfügbar. 2. Keine Besitzansprüche. 3. Du bist selbstbewusst. 4. Du hältst Konflikte aus. 5. Du bist liebenswert.“ Alles abgehakt? Beide? Damit es dann funktioniert, rät Glamour: „1. Grenzen setzen – und Grenzen akzeptieren. 2. Reden, reden, reden! 3. Immer schön in der Friendzone bleiben.“ Ähnlich die Brigitte: „1. Kein Kuscheln, Übernachten und wenig Komplimente. 2. Offen kommunizieren. 3. Eifersucht ist ein sicheres Warnsignal für das Scheitern.“ Und Woman’s Health ergänzt für die Hochkonjunktur in der Pandemie: „einander über die täglichen Kontakte zu informieren, mögliche Risikobegegnungen zu erwähnen und entsprechend auf Abstand zu gehen, wenn etwas war. Klar, romantisch ist das alles nicht, aber hey: Das war ‚Freundschaft Plus‘ ja von Anfang an nicht.“ Na gut, hey, wenn das all den Mingles mal alles so klar ist. Aber sind dann losere, polyamore Gemeinschaften nicht eh besser?
Über das, was nach der Hochphase des Trends bleiben wird, scheint jedenfalls eines klar: Es wird sicher vielfältiger werden mit der Liebe; es wird wahrscheinlich komplizierter werden; und es wird hoffentlich ehrlicher werden. Da ließe sich immerhin als Vorzug jener Freundschaft lernen – auch über sich selbst.