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Wal ja, Wolf nein: Was diese Doppelmoral über den Menschen aussagt

Tierliebe

Wal ja, Wolf nein: Was diese Doppelmoral über den Menschen aussagt

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    Das Schicksal des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals Timmy berührt viele Menschen.
    Das Schicksal des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals Timmy berührt viele Menschen. Foto: Philip Dulian, dpa

    Timmy der Wal wird also sterben. Seine Rettung ist gescheitert, weitere Versuche wird es nicht mehr geben. Seit Anfang April steckt der Buckelwal auf einer Sandbank vor Wismar fest, wo das Wasser zu seicht ist, dass er sich befreien könnte. Noch gibt er Lebenszeichen von sich, doch sie nehmen ab.

    Das Schicksal des Wals berührt seit Wochen Millionen von Menschen. Zeitungen berichten, Kamerateams filmen. Die Bild-Zeitung richtete einen Liveticker über das „Ostsee-Drama“ ein und dokumentierte jede Bewegung des Meeresriesen. Während dieser Agonie verabschiedeten sich hunderte andere Tierarten still und heimlich vom Erdball. Das Artensterben schreitet voran, Spinnen und Käfer sterben aus, von denen niemals ein Mensch erfahren wird, dass sie jemals über die Erde kreuchten und fleuchten.

    Man muss das Mitgefühl für einen sterbenden Wal aber nicht gegen einen kleinen Käfer moralisch aufwiegen, um zu erkennen, dass zwischen Mensch und Wildtier einiges schwankt. Da werden Kröten in Kübeln über Straßen geschleppt. Pinguine wandern zu bedeutungsschwangerer Melodie über Eiswüsten in Richtung Berge und werden zu Internetstars. Netze und Stacheln sollen Stadttauben von Monumenten fernhalten, als ob Netze und Stacheln alte Bausubstanz weniger verhunzen würden als Vogelkot. Die Türkentaube gurrt indessen lieblich vor dem Fenster und klingt nach Urlaub. Und dann gibt es noch Arten, deren Rückgang und Aussterben der Mensch in Kauf nimmt, um so zu leben und zu wirtschaften, wie er es eben tut. Weil er ihre Lebensräume zerstört, um Nahrungsmittel herzustellen, weil er Kohle verheizt und Diesel tankt und die Erderwärmung antreibt. Gerade deshalb lohnt sich die Frage: Wal ja, Wespe nein – warum eigentlich?     

    Menschen bauen eine Beziehung zu einem Tier auf – beim Wal gelingt das gut

    Dass der Mensch dem Wal gibt, was er anderen Arten verwehrt, umreißt Mieke Roscher mit dem Konzept der „Du-Evidenz“. Die Dozentin forscht an der Universität Kassel im Gebiet der Human-Animal-Studies, die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist also ihr Fachgebiet. Um Beziehungen, erklärt sie, geht es auch bei Timmy dem Wal. Der Mensch könne in Beziehung mit Tieren eingehen, mit Individuen, nicht aber mit Arten. „Wir können einzelnen Tieren gegenüber Emotionen empfinden und uns in ihnen erkennen.“ Durch die Berichterstattung hätten sich viele Menschen mit Timmy dem Wal verbunden gefühlt. „Wir können uns vorstellen, wie es ist, auf dieser Sandbank festzustecken“, sagt Roscher.

    Mieke Roscher betreut das Lehrgebiet für Sozial- und Kulturgeschichte an der Universität Kassel. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte.
    Mieke Roscher betreut das Lehrgebiet für Sozial- und Kulturgeschichte an der Universität Kassel. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Foto: Rode

    Hinzu komme, dass der Wal in der westlichen Welt als besonders schützenswert gelte. Das gehe vor allem auf Greenpeace und die großen Anti-Walfang-Kampagnen der Siebzigerjahre zurück, sagt Roscher. Vorbei sind die Zeiten des Walfang-Imperialismus, wo Kapitän Ahab gegen den monströsen Moby Dick kämpfte. „Der Wal hat heute die Aura des Unantastbaren.“ Der Wal, eine Flaggschiff-Ikone der Du-Evidenz, wie Roscher sagt.

    Gemischte Signale vom Menschen in Sachen Du-Evidenz erhält hingegen der Wolf. In der europäischen Kulturgeschichte stand er schon für so vieles, war Mutter der Stadt Rom und listiges Fabeltier. Der Mensch teilte seine Geschichte lange mit dem Wolf, erzählt Mieke Roscher, das Tier sei schließlich auch ein Kulturfolger. „Seine Hundeähnlichkeit machte ihn erstmal zu einer Figur, zu der wir durchaus Beziehung erfahren können.“ Dann verschwand der Wolf, zumindest aus Deutschland. In dieser Zeit wurden die Geschichten über ihn besonders wirkmächtig, sagt Mieke Roscher. Erst in den Neunzigerjahren tauchten erste Wölfe wieder in deutschen Wäldern auf. Und jetzt? „Es wird komplizierter, Eigenschaften in ihn hineinzuprojizieren, weil wir ihn als materielles Gegenüber haben“, erklärt Roscher. Das Bild des bösen Wolfes stehe dem für den Menschen harmlosen Tier in Fleisch und Blut gegenüber. Zwischen dem Zeichen und dem Materiellen klafft eine Lücke. Und ein Konflikt.

    Was hat der Wal dem Wolf voraus?

    Dass der Mensch dem Wolf misstraut, hat aber auch damit zu tun, dass der Wolf mitmischen will: Dass er ein Auge auf sein Vieh wirft zum Beispiel. Wenn Tiere Nahrungskonkurrenten für den Menschen werden, fallen sie schnell in Ungnade. Das haben schon Kormorane, Wildschweine und Krähen am pelzigen und gefiederten Leib erfahren. Mieke Roscher erklärt das mit der Illusion von Kontrolle. „Wir tun so, als ob wir es mit intakter Natur zu tun haben. Gleichzeitig wollen wir die Möglichkeit haben, etwas aus diesem Raum herauszunehmen. Und wir wollen diejenigen sein, die kontrollieren, wer sich ansiedelt“, sagt sie. Eine neue oder eine zurückkehrende Art lasse diese Illusion auffliegen. Es handle sich eben doch um Kulturräume, über die der Mensch bestimmen möchte.

    Muss man nun vor jedem Wolf den Hut ziehen?
    Muss man nun vor jedem Wolf den Hut ziehen? Foto: Julian Stratenschulte, dpa

    Was muss passieren, um dieses zerrüttete Verhältnis zu kitten? Muss man nun vor jedem Wolf den Hut ziehen, jeder Motte, die da aus dem Mehl kriecht, huldigen? Mieke Roscher lacht. „Oft würde es schon helfen, anzuerkennen, dass der Mensch Teil des Ökosystems und die Trennung zwischen Kultur und Natur absolut konstruiert ist. Wir sind ständig in Relation mit allen möglichen Tieren.“ Was der Mensch tut, was er isst, wie er heizt, wie er sich fortbewegt, ob er Kriege führt: Alles wirke sich auf das Ökosystem aus. Und damit auf die Tiere.

    Über diese Folgen denke der Mensch aber ungern nach. „Oft fehlt uns der Aufmerksamkeitsradius, oder es ist zu schmerzhaft und wir verdrängen“, sagt Mieke Roscher.  Timmy dem Wal zu helfen, alles für seine Rettung zu tun, sieht Roscher als Versuch, nicht zu verdrängen, sondern sich mit der Welt der Wale zu versöhnen. Denn, dass der Walbestand abnimmt, ist ebenfalls eine Folge menschlichen Handelns: weil der Wal als Beifang in seinen Fischnetzen stirbt, illegal bejagt wird und an Plastik im Meer erstickt.

    Aber die Rettungsversuche werden scheitern und Timmy wird sterben. Und dann? Werden die Menschen trauern, wie sie über ein geliebtes Haustier trauern, sagt Mieke Roscher. Vermutlich werden sie anders trauern, wie über den Schwund der Arten. Und vielleicht werden sie sich fragen, warum das so ist. Auf seiner Sandbank hat der sterbende Wal eine große Frage aufgeworfen.

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