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Alles Walzer! Stefanie Sargel mockiert sich köstlich über den Wiener Opernball

Wiener Opernball

Taktlos? Alles Walzer! Stefanie Sargnagel schreibt über den Bussi-Bussi-Irrsinn des Wiener Opernballs

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    Debütantenpaare während der Eröffnung des Opernballs in der Wiener Staatsoper.
    Debütantenpaare während der Eröffnung des Opernballs in der Wiener Staatsoper. Foto: Roland Schlager, APA/dpa

    Was kann schon schiefgehen, wenn eine Wienerin aus dem sozialen Gemeindebau plötzlich auf den glitzernden, funkelnden Opernball stolpert? Wenn sie – politisch stramm links und gut vertraut mit den Kampftrinkern aus den Vorstadt-Beisln – übers Parkett fegt? Die Antwort: Alles und gar nichts. Alles Walzer! Die österreichische Humoristin Stefanie Sargnagel war 2024 als Gast zum Wiener Opernball geladen. Und sie ließ sich ein auf das soziale Experiment.

    Wie aus dem Nähkästchen einer Ballkleid-Schneiderei plaudert sie davon jetzt in ihrem neuen Buch. Die Opernballnacht entwickelt sich in ihrer Nacherzählung zum Albtraum auf 80 Seiten. Auf der Tanzfläche entbrennt ein Klassenkampf zwischen Kaiserwalzer und Quadrille. Hier will jeder „wer“ sein, „wer“ werden, „wer“ bleiben. Und gerade deshalb findet die Beisl-Poetin: „Das hier ist Demokratie!“

    Sargnagel nimmt den Wiener Opernball mit spitzer Feder aufs Korn

    Das Jahr 2026 ist in der Zeitrechnung des Opernballs das zweite Jahr nach Lugner. Gemeint ist Richard Lugner, mit Spitznamen „Mörtel“, weil er einerseits Baulöwe war, und andererseits der Kitt, der die Ballgesellschaft zusammenhielt. Er war der Gastgeber dieses Events. Er, der immer in weiblicher Begleitung erschien, und zwar nicht nur mit seinen Lebensabschnittspartnerinnen, die er Mausi, Spatzi oder ähnlich liebe Tiernamen hieß. Dazu schmückte er sich mit Stargästen: Pamela Anderson und Paris Hilton waren auch schon bei Lugner in der Loge. Und jetzt, zwei Jahre nach seinem Tod, platzt Sargnagel mit ihrem Buch in die ganze Schau. Kurz vor dem nächsten Ball am 12. Februar 2026.

    Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel.
    Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel. Foto: Horst Ossinger, dpa

    Dazu muss man wissen: Sargnagel hat in ihrem Schriftstellerinnenleben schon ähnliche Festungen niedergerissen. Über die Festspiele von Bayreuth und den dortigen Wagner-„Weia! Waga!“-Wahnsinn hatte sie eine lustige Reportage geschrieben. Dabei ist sie selbst ein Kind der Kneipen. Ihre halb wilde, halb arme Jugend beschrieb sie im Roman „Dicht“. „Statusmeldungen“ veröffentlichte sie aus ihrer Zeit als Telefonistin. Und jetzt gelingt ihr ein Streich bei einem Weltevent.

    Die Autorin nimmt Gäste und Promis des Opernballs scharf ins Visier

    Vorfreude ist nur dem Gerücht nach die schönste. Das spürt Sargnagel, als sie wie menschliche Knetmasse zur Ballprinzessin geformt wird: „Mehr!“, schreit Sargnagel, die sich von der Stylistin des Gemeindebautheaters aufmotzen lässt. „Sie beschichteten alles, was meinen Stand hätte verraten können“. Pudern, bemalen, quetschen. „Die schwammige Wampe, Frucht meiner McDonald’s-Kindheit, wurde in Palmers Shapewear Strong gestopft, und seitdem steht der Bauch fest nach oben wie das Zwerchfell einer Kammersängerin, muskulös von jahrelangen Arien.“ Und da blitzt es auf, dieses Talent von Stefanie Sargnagel, kraft ihrer extremen Niveauflexibilität, über Standesdünkel hinweg alle Schichten liebevoll zu beleidigen. Im Spiegel sieht sie nun aus wie eine Oligarchenwitwe. Und „wie einst Johann Strauss Vater“, denkt sie bei sich, „gleite ich einzig befördert durch mein musisches Talent vom Vorstadtbeisl in die höfische Gesellschaft.“ Und dann tut sie, was sie am besten kann: die Welt beobachten und sich mit Sprachmacht das Mundwerk zerreißen über die Hautevolee.

    Keiner entkommt ihrem Blick, der scharfen Linse ihrer Betrachtung, als sie – vorbei an linken Demonstranten – die Oper betritt: Die Männer? Dekoriert mit Hofratstitel und Orden am Frack, sei es das „Frühschwimmerabzeichen mit dem Pinguin“. Ihre langen Hälse wertet die Autorin als „Zuchterfolg der Gesellschaft“. Und die Frauen? Kämpfen um Schönheit mit allen Mitteln. Wenn sie dafür heute Chinchilla tragen, dann erleichtern sie ihr Gewissen per Spende zum guten Zweck: „Altersschwache Rennpferde verwöhnen, Patentante eines Eisbären werden in Schönbrunn.“

    „Opernball“ von Stefanie Sargnagel: Ein Buch wie eine Helge-Schneider-Nummer

    Das Buch „Opernball“ fühlt sich an wie eine Helge-Schneider-Nummer, nur auf Wienerisch und im Dreivierteltakt gedreht. Bis es einen schwindelt. Die Übertreibung ist Sargnagels Mittel gegen den Wahnsinn. Sie beschleunigt nüchterne Beobachtung bis zur Fiebertraumszene.

    Komisch auch ihre Begleiter des Abends: Da ist ein befreundeter Kauz, von Beruf Museumsführer, der ein Rucksackl mit sich schleppt, sodass er kurzzeitig unter Terrorverdacht gerät. Er ist Johann-Strauss-Experte und könnte jede Polka auch noch rückwärts pfeifen. „Halt die Pappn“, schreit Sargnagel am Ende seines Monologs zu Strauss’ Gesamtwerk. Denn wen juckt hier Strauss? Wieder so eine spitze Beobachtung zur feinen Gesellschaft. Außerdem: Begleiterin Nummer zwei. Eine Kellnerin aus einer Untergrund-Spelunke, die auf dem Ball Vermögensvorsorge betreibt. Sargnagel merkt hübsch beiläufig an, wie „die Kellnerin gerade ein Diamantenarmband einsteckt“. Und die Klunker, die an den Ohrlapperln der Reichen baumeln? „Ein kleiner Schnitt könnte größere Geldsorgen beseitigen.“

    Sargnagel schreibt über die sozialen Abgründe des Opernballs

    Aber ist Sargnagel nicht selbst schon „wer“, so als Erfolgsautorin? Zweifel plagen sie. Oder ist das Event nicht sehr demokratisch, weil das Ticket „nur“ 360 Euro kosten würde? Und man im Gegenwert dafür die Opernkulisse, die Musik und Millionärsgesellschaft genießen kann?

    Wie Sargnagel über diese Gala schreibt, mutet vulgär an. Aber vielleicht spiegelt das nur das Niveau, das sie dort erlebt hat? Taktlosigkeiten, auch wenn die Philharmoniker dazu aufspielen. Die Debütantinnen tanzen, doch im Hintergrund pöbeln sich die halbfeinen Damen an. Dazu begegnet Sargnagel solchen Sternen wie Heino und DJ Oetzi. Nur an manchen Stellen, wenn der Text in die Halbwelt der österreichischen B- bis C-Prominzenz eintaucht, versteht man nur noch Bahnhof. Wien Hauptbahnhof.

    Am Ende schwingt ganz oben der selbst ernannte „Volkskanzler“, der Kickl vom Kronleuchter. Dieses Buch ist eine sehr schöne Zumutung und hätte vielleicht vor dreißig Jahren noch einen veritablen Skandal auslösen können. Aber dieser Schmäh und Schmuh, in dem dieses Glitzerevent bis zum Frackkragen steckt, hat sich längst zum Showzirkus-Image gefestigt. Gemörtelt. Bussi-Bussi und Bling-Bling. Alles Walzer, oder was?

    Info: „Opernball“ von Stefanie Sargnagel, Rowohlt, 80 S., 18 Euro

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