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Serie

02.09.2012

Das Refugium eines Dichters

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3 Bilder
Die Villa Edenthal früher.
Bild: Privatarchiv

 Die Villa Edenthal in Seestall. Erst nach 76 Jahren gelangte sie wieder in Familienhand

 Sie sind betagt, aber schön anzusehen und haben eine Menge zu erzählen: reizvolle Gebäude, deren Charme bis heute erhalten geblieben ist. In unserer Serie „Häuser-Geschichte(n)“ stellen wir einige der idyllischen Kostbarkeiten vor, die in unserem Landkreis zu finden sind. Heute: Die Villa Edenthal in Seestal.

Fährt man in Seestall die Eden-thalstraße hinaus Richtung Lech, stößt man auf hohe Thujenhecken. Was nur wenige wissen: Dahinter verbirgt sich ein kleines Paradies. Die Villa Edenthal ist umgeben von hohen Bäumen und einem fast parkähnlichen Garten. Schon bei der Namensgebung hat der Erbauer, Kanonikus und Dichter Johannes Schrott, wohl die Schönheit des Lechs, der Wälder und die abgeschiedene Lage im Blick gehabt. Stellt sich die Frage, warum ein Mensch von diesem Rang und Bildung ausgerechnet in dieses einfache Lechdorf gebaut hat.

Johannes Schrott wurde 1824 in Asch geboren und zog im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern in ein Bauernhaus in die Seestaller Ortsstraße. Wie es im Literarischen Beiblatt der Augsburger Postzeitung aus 1925 heißt, „bot ihm das Elternhaus nur ein kärgliches Brot“. Nach der Volksschule wurde er deshalb als Viehhirte nach Lechmühlen geschickt. Beim dortigen Müller hatte er Zugang zu einer kleinen Hausbibliothek. In der Postzeitung heißt es: „Der Müller und andere gute Leute ermöglichten ihm denn auch die Studienlaufbahn zu beschreiten.“

Schrott wurde 1850 in Augsburg zum Priester geweiht. Schon nach einigen Jahren wurde er Religionslehrer an der dortigen königlichen polytechnischen Schule und Gewerbeschule. 1861 ernannte ihn König Max II. in Anerkennung seiner Bedeutung als Dichter zum Kanonikus an der königlichen Hof- und Kollegiatkirche Sankt Kajetan (Theatinerkirche) in München. Als Prediger beim Gottesdienst hatte er Kontakt zu den königlichen Edelknaben, erzählt Dr. Walter Reitler, einer der jetzigen Eigentümer. Seine Schwester Barbara mit Schwager Angelo Catti und er erwarben 1986 die Villa. Sie sind die Ururgroßnichte und -neffe des Kanonikus. Vermutlich war Schrott auch Beichtvater des jungen Ludwig, des späteren König Ludwig II. Tatsache ist, dass er dem König einen Band mit der Übersetzung der Minnelieder des Hildebold von Schwangau widmete und zukommen ließ. Dieser ehrte ihn in einem handschriftlichen Dankesschreiben im Jahre 1871. Schon zuvor hatte der Kanonikus die Gedichtbände „Poetische Meditationen“ (1858) und „Die Bienen“ (1868) und veröffentlicht. Als Schrott 1890 sein aktives Kirchenamt niederlegte und mit dem Titel Ehrenkanonikus ausgezeichnet wurde, zog ihn seine Liebe zu Heimat und Natur nach Seestall zurück. Er erwarb einige Felder und Wiesen am Lech, um sich dort einen Rückzugsort zu schaffen. Es entstand ein Holzchalet mit einem dreigeschossigen Turm in Massivbauweise. Das Holz stammte teilweise aus dem Abbruch der Krätzmühle in Lechmühlen. Am Dachgebälk im Turm kann man dies noch erkennen, sagt Angelo Catti. Er nutzt das Haus wie der Erbauer als Refugium. So oft wie möglich kommt er allein oder mit seiner Familie. Eine bronzene lateinische Inschrift an der Villa beschreibt die Verwunschenheit des Anwesens: „An Quell und Wald erblickst du ein anmutiges Haus; Friede und die ersehnte Ruhe sollen es besitzen.“ Außerdem ziert ein Wappen mit verschlungenen Schwanenhälsen eine Außenwand. Eine reichlich sprudelnde Quelle befand sich am Lechhang unterhalb des Grundstücks. Man darf nicht vergessen, dass der Lech damals noch ein reißender Fluss mit Kiesbänken ähnlich der Isar war. Im Dorf war der Kanonikus als Original bekannt. Reitler kennt noch die Anekdote, wie er zu Nahrungsmitteln kam. Er hisste auf seinem Turm eine Fahne, dann sah das Dorf, dass er etwas brauchte. Daraufhin sauste meist ein Kind hinunter und nahm die Wünsche entgegen.

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