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Landkreis Landsberg

26.05.2020

„Die Quellen müssen kritisch beurteilt werden“

Manfred Deiler ist der Präsident der Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung in Landsberg. Das Archivbild zeigt ihn am KZ-Lager Kaufering VII.
Bild: Thorsten Jordan

Das Buch des Landsberger Heimatforschers Heinrich Pflanz stößt auf Kritik. Was der Präsident der Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung und die Grünen-Sprecherin für Erinnerungsarbeit im LT-Interview sagen.

Die Berichterstattung über das Buch des Landsbergers Heinrich Pflanz im Landsberger Tagblatt hat Kritik hervorgerufen. Das LT hat Manfred Deiler, den Präsidenten der Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung, und Gabriele Triebel, die Sprecherin für Erinnerungsarbeit der Grünen-Fraktion im Bayerischen Landtag, dazu interviewt.

Herr Deiler, was ist Ihre Einschätzung des neuen Buchs des Landsbergers Heinrich Pflanz?

Manfred Deiler: Ich sage nicht, dass derartige Bücher nicht geschrieben werden dürfen. Meine Kritik liegt darin, dass solche Veröffentlichungen quellenkritisch beurteilt werden müssen. Das heißt, dass auch alle bisherigen Veröffentlichungen von Heinrich Pflanz in ihrer Intention betrachtet werden müssen. Sie weisen einen Hang zum Revisionismus auf. Das heißt, es sind Texte, die die deutschen Verbrechen relativieren. Ein Beispiel dafür ist das Engagement von Heinrich Pflanz für die „unschuldigen Kriegsverbrecher“, die in Landsberg durch die „Siegerjustiz“ abgeurteilt und hingerichtet wurden.

„Die Quellen müssen kritisch beurteilt werden“

Können Sie ein Beispiel dieser Geisteshaltung aus dem aktuellen Buch nennen?

Deiler: Nehmen wir die Passage über die Beerdigung ermordeter KZ-Häftlinge des Lagers IV in Hurlach. Heinrich Pflanz schreibt, dass 15-jährige Mädchen und Buben wegen ihrer „Zugehörigkeit zum BDM (Bund Deutscher Mädel, Anm. der Redaktion) und der HJ (Hitlerjugend) mitarbeiten mussten“. Er möchte damit suggerieren, dass die Amerikaner diese Jugendlichen gezielt ausgesucht haben. Korrekt ist in diesem Zusammenhang, dass zu diesen Arbeiten auch Jugendliche verpflichtet wurden. Alle uns vorliegenden Zeitzeugenberichte machen aber ganz klar deutlich, dass die Auswahl nichts mit HJ- und BDM-Zugehörigkeit zu tun hatte. Es wurde Zivilbevölkerung rekrutiert. Woher hätten die Amerikaner auch in den ersten Stunden der Einnahme der Stadt von der Zugehörigkeit des Einzelnen wissen können?

Ist Ihrer Meinung nach eine Veröffentlichung im Lindenbaumverlag, wie in dem Fall dieses Buches geschehen, ein Indiz für eine revisionistische Geisteshaltung?

Deiler: Siegfried Bublies, der den Lindenbaumverlag und andere Verlage besitzt, veröffentlicht Texte von Autoren der Neuen Rechten.

Frau Triebel, was sagen Sie zu der neuen Publikation von Heinrich Pflanz?

Gabriele Triebel: Herr Pflanz ist wieder einmal als sogenannter „Heimatforscher“ seinem Ruf als Geschichtsrelativierer gerecht geworden.

Die Kauferinger Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel ist Sprecherin der Grünen-Fraktion für Erinnerungsarbeit.
Bild: Julian Leitenstorfer (Archiv)

Woran machen Sie diese Aussage fest?

Triebel: An dem extrem einseitigen und ausschließlichen Blick auf die NS- und Nachkriegszeit und dem fast schon missionarischen Eifer, den Besatzungsmächten eine systematische Siegerjustiz zu unterstellen. Damit stellt er sich wiederholt in die revisionistische Ecke und verharmlost das NS-Terrorregime. Und er lässt bereits das zweite Buch in einem Verlag erscheinen, der vom sächsischen Innenministerium in seinem Bericht von 2000 in der Rubrik „rechtsextremistische, organisationsunabhängige Verlage“ geführt wurde.

Heinrich Pflanz will sich, wie er im aktuellen Vorwort sinngemäß schreibt, von dem „ungerechtfertigten Vorwurf“, alle Landsberger hätten Schuld auf sich geladen, befreien. Wie beurteilen Sie das?

Deiler/Triebel: Zur Schuldfrage, die Heinrich Pflanz immer wieder thematisiert, möchten wir mit dem KZ-Häftling und Psychiater Viktor Frankl antworten: Wir heute sind nicht daran schuld, was damals geschah, aber wir sind dafür verantwortlich, wie wir heute mit dem Wissen um unsere Vergangenheit umgehen. (smi)

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