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Riederau

25.02.2019

Insolventes Seniorenheim: Jetzt packt eine Altenpflegerin aus

Die Altenpflegerin Kerstin Baranowski arbeitet im Senioren-Landhaus in Riederau, das Ende März geschlossen wird.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Eine Altenpflegerin erzählt, was sie in dem Haus in Riederau erlebt hat, das seit Jahren Baustelle ist. Sie sei empört über das "Unvermögen" der Beteiligten.

Kerstin Baranowski ist empört und traurig zugleich. Die 62-Jährige ist stellvertretende Pflegedienstleiterin im Senioren-Landhaus in Riederau – noch. Das Pflegeheim wird Ende März geschlossen. Die Betreiberin hatte Insolvenz angemeldet, die Suche nach einem Investor war zuvor gescheitert.

Baranowski ist empört und traurig darüber, dass alten Menschen ihre letzte Heimat und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren – und das alles wegen „einer ungesunden Mischung aus unternehmerischem Unvermögen vonseiten der Verpächter und Kontrollverlust aufsichtsführender Instanzen“. Unserer Redaktion schildert sie, wie die Zustände in der Einrichtung waren.

Einen Monat wird Baranowski, die in einem Landsberger Stadtteil wohnt, noch nach Riederau fahren. Und dann? Baranowski zuckt mit den Schultern. Klar, Pflegefachkräfte werden überall gesucht. Eine neue Stelle zu finden, wäre für sie kein Problem, aber sie fragt sich: „Ob ich das unbedingt will? Ich habe noch zwei Jahre bis zur Rente, möchte aber in keinem großen Haus mehr arbeiten. Und ob es woanders wieder so angenehm sein wird? Wir haben eine gute menschliche Chefin, super Angehörige und supernette Bewohner.“

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Noch haben nicht alle Bewohner einen neuen Platz

Kerstin Baranowski kennt einige Pflegeeinrichtungen im Landkreis. Die gelernte Erzieherin, die kurz vor dem Mauerfall aus Sachsen nach Bayern kam, lernte in einem Landsberger Heim Pflegehelferin, besuchte die Altenpflegeschule und bildete sich zur gerontopsychiatrischen Fachkraft weiter. Im Senioren-Landhaus in Riederau arbeitet sie seit über acht Jahren. Gerne wäre sie dort bis zur Rente geblieben und sie hätte sich vorstellen können, danach noch als geringfügig Beschäftigte weiterzuarbeiten. Die Mitarbeiter, Bewohner und Angehörigen seien wie eine Familie gewesen – eine Familie, die nun auseinandergerissen wird.

Fünf Bewohner können nach ihrem Kenntnisstand im Kreisseniorenheim Theresienbad in Greifenberg untergebracht werden, auch in Vilgertshofen gebe es ein paar freie Plätze. Wer zunächst keinen Platz findet, werde angeblich vorübergehend im Krankenhaus untergebracht, so Baranowski. Aber selbst wenn sich ein neuer Heimplatz auftut, fragt sie sich: Werden sich hochgradig demente Menschen in einer neuen Umgebung noch zurechtfinden? Sie erzählt auch von einer Frau, die in München alles aufgegeben habe, um an den Ammersee zu ziehen, damit sie ihren im Pflegeheim lebenden Mann täglich besuchen kann. Wie werde es da weitergehen? Oder das Pärchen, das sich im Pflegeheim gefunden habe: Der Mann habe sich um die demente Frau gekümmert. Die beiden werden jetzt womöglich auseinandergerissen, sagt die Altenpflegerin.

Seit 2014 war die Einrichtung eine einzige Baustelle

Was Kerstin Baranowski besonders traurig und wütend macht, ist, dass die Heimbetreiberin und ihre Kollegen jahrelang um ihr Haus gekämpft hätten, „uns aber niemand gehört hat“. Seit 2014 hätten sie inmitten einer Baustelle gearbeitet. Damals wurde mit der Sanierung und Erweiterung begonnen. „Wir waren total euphorisch, wir kriegen einen Neubau“, hätten sich zunächst alle gefreut.

Als sie in Bayreuth bei einem Schreiner dann Möbel kauften, kam die Ernüchterung: „Der sagte uns, wissen Sie, dass Sie das so überhaupt nicht betreiben können“, erinnert sich Baranowski. Beispielsweise hätten Räume mit Dachschrägen nicht wie geplant als Pflegezimmer verwendet werden können, daraus sei ein Speisesaal gemacht worden. Doch dann sei es aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt worden, dort alle 26 Bewohner gleichzeitig essen zu lassen. „Sie sollten in Etappen essen, aber da wären wir erst um halb vier fertig geworden.“ Baumängel seien festgestellt worden, zum Beispiel gehe es um die Steigung der Rampe zwischen Alt- und Neubau. Wegen des unzureichenden Brandschutzes benötige das Pflegeheim eine Brandwache, für die ein Security-Unternehmen beauftragt worden sei, erzählt Baranowski weiter.

Gegessen werden konnte nur in Schichten

Als weiteres Problem betrachtet sie die Schwesternrufanlage: „In einer siebenstündigen Schicht bin ich mal 6,9 Kilometer zwischen Alt- und Neubau hin- und hergelaufen. „Sie können sich nicht vorstellen, wie wir all die Jahre gekämpft haben“, sagt sie. Im Garten liege Bauschutt und Müll, berichtet die Altenpflegerin. „Unsere alten Leute können schon seit Jahren nicht raus.“ Ende 2018 reichte es dann: „Die Heimleiterin hat das Handtuch geworfen, weil sie mit einem Fuß im Gefängnis stand.“

Wer für die Probleme am Bau verantwortlich ist und wer sie lösen muss, darüber wird vor Gericht gestritten. Ein Verkauf des Pflegeheims scheiterte. Die Eigentümer und ein Interessent kamen zu keiner Einigung. Die Baumängel und die nach wie vor nicht abgeschlossenen Baumaßnahmen hätten eine schwierige Ausgangssituation geschaffen, sagte der Insolvenzverwalter.

Senioren und Angehörigen hatten sogar vor dem Landratsamt demonstriert:

Senioren, Angehörige und Pflegekräfte demonstrieren vor dem Landratsamt Landsberg. Sie sind gegen eine Schließung des Senioren-Landhauses Riederau.
Video: Stephanie Millonig

Lesen Sie dazu auch: Riederau: Das Senioren-Landhaus muss schließen

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