Der Schauspieler und Regisseur Ulli Lommel kommt diese Woche mit seinem Stück „The Factory“ über Andy Warhols legendäres Atelier ins Stadttheater. Das LT hat sich mit ihm über seine Zeit mit Warhol und sein Leben in den USA unterhalten.
Herr Lommel, Sie leben seit über 30 Jahren in den USA. Wie kommt es, dass Ihr Weg Sie nach Landsberg führt?
Ulli Lommel: Als letztes Jahr meine Biografie „Zärtlichkeit der Wölfe“ veröffentlicht wurde, reiste ich für die Lesungen nach langer Zeit wieder durch Deutschland. Nach Landsberg kam ich, um Hanna Schygulla zum ersten Mal seit 40 Jahren wiederzusehen, und lernte dort den Intendanten des Stadttheaters, Florian Werner, kennen. Da mir das Theater, die Größe der Bühne und auch der Abend mit Hanna sehr gut gefielen, entschlossen wir uns, mein Stück „The Factory“ in Landsberg zu zeigen, bevor es nächstes Jahr auf eine internationale Tournee gehen wird.
Was erwartet den Zuschauer dieses Theaterstückes?
Lommel: Ihn erwartet eine Nacht in der Factory von Andy Warhol mit fünfzehn zum Teil ganz neuen Liedern. Andy war eine Art Multimediakünstler, der simultan in einer Ecke Filme und in der anderen Musik oder Polaroids gemacht hat. Das Stück ist auch multimedial, es gibt zum Beispiel Videoausschnitte aus dieser Zeit auf einer Leinwand zu sehen. Zum Ensemble gehören sechs Schauspieler; ich selbst führe als Conférencier durch den Abend.
Wie nah an der Realität ist das Bühnengeschehen?
Lommel: Zum Großteil ist es genau das, was damals passiert ist. Ich habe allerdings verschiedene Ereignisse – das Schönste, Aufregendste und Lustigste aus meinen drei Jahren in der Factory – in eine Nacht gepackt, weil das für das Theater dramaturgisch besser funktioniert.
Wie lernten Sie Andy Warhol kennen?
Lommel: Ich war im August 1977 in New York und stellte auf einem Festival einen Film vor. Da die New York Times damals schrieb, dass der Film besser sei als die Warhol-Filme, sprach mich Andy an und fragte mich nach meinen nächsten Plänen. Beim Abendessen ließ ich mir die Geschichte für einen Film einfallen, und schon drei Monate später drehten wir gemeinsam „Blank Generation“. Das war der Anfang einer dreijährigen Zusammenarbeit.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihm in Erinnerung?
Lommel: Sehr positiv. Ich hatte vorher zehn Jahre mit Rainer Werner Fassbinder zusammengearbeitet, der eine Art Tyrann war. Warhol war das genaue Gegenteil. Fassbinder schloss dich in sein Gefängnis ein und Warhol gab dir den Schlüssel, um dich zu befreien.
Wer gehörte zu dieser Zeit noch zu Warhols Kreis?
Lommel: Truman Capote, der Autor von „Frühstück bei Tiffany“, Bianca Jagger, der Schriftsteller William Burroughs und natürlich Jackie Kennedy, die fast jede Nacht dabei war. Es war ein ziemlich bunter Haufen.
Nicht kennengelernt haben Sie Marilyn Monroe, die bereits 1962 verstarb. Trotzdem tritt sie in Ihrem Stück auf. Ist das nicht ein Widerspruch?
Lommel: Nein, denn der Geist von Marilyn Monroe war in der Factory noch immer zu spüren. Andy und ich wollten damals auch einen Film über sie drehen. Viele Schauspielerinnen sprachen vor, die sie spielen wollten. Aber es stellte sich heraus, dass die Monroe unspielbar und unnachahmlich war.
„The Factory“ ist vor allem als Hommage an Ihre Zeit im Atelier Warhols angekündigt worden. Inwieweit thematisieren Sie die dunklen Seiten des Erfolgs, die es zweifelsohne bei Monroe und Warhol gab?
Lommel: Sie spielen auf jeden Fall eine Rolle. Warhol wurde von einer Mitarbeiterin angegriffen und fast ermordet, worunter er sein ganzes Leben litt. Und was Monroe betrifft, so wird auch das Thema der letzten Stunden ihres Lebens aufgegriffen. Ich persönlich glaube nach vielen Gesprächen, zum Beispiel mit Tony Curtis oder Jackie Kennedy, dass es ein Komplott der Mafia war.
Wie prägend waren Ihre Erlebnisse in den USA?
Lommel: Die drei Jahre mit Andy haben für mich alles, was in den vergangenen dreißig Jahren geschehen ist, in die Wege geleitet. Ich habe nie wieder einen Menschen kennengelernt, der mich so sehr beeinflusst und inspiriert hat und den ich so sehr bewundert habe wie Warhol.
Was schätzen Sie heute an Amerika?
Lommel: Ich schätze an Amerika, dass die Menschen immer wieder in der Lage sind, das Land zu erneuern und neue Visionen zu schaffen, egal welche Fehler Politiker oder Banker machen. Außerdem kommen sehr viele Impulse aus den USA: Facebook, Apple, Microsoft. Ich glaube an Amerika und fühle mich dort sehr wohl. Das Gleiche gilt aber auch für Deutschland. Mir gefällt, dass die Deutschen kritischer sind als die Amerikaner. Ich komme gerne hierher und unterhalte mich mit den Menschen über die Details und die wahren Hintergründe. Solche Gespräche sind in Amerika selten.
Inwiefern hat sich Ihr Blick auf Ihr Heimatland Deutschland verändert?
Lommel: Vieles in Deutschland erinnert mich inzwischen an Amerika. Das Land, das ich vor 40 Jahren verlassen habe, hat sehr wenig mit dem heutigen Deutschland zu tun. Deutschland ist heute wie ein bunter Blumenstrauß, man sieht wie in Amerika so viele Afrikaner und Araber. Und das begeistert mich.
Wie viel Kontakt haben Sie noch zu deutschen Kollegen?
Lommel: Ich kenne leider von den Schauspielern, die in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren in Deutschland bekannt wurden, nur sehr wenige.
Sie arbeiten sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur. Was gefällt Ihnen besser – die Arbeit vor oder hinter der Kamera?
Lommel: Am besten gefällt mir beides zusammen. Ich erhole ich mich immer von der Regie, wenn ich vor die Kamera trete und umgekehrt. Oft schreibe ich auch die Musik für meine Filme oder übernehme die Kamera. Ich habe keine Hobbys, ich mache in meinem Leben nichts anderes als Filme, Theater und Musik.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Lommel: Im nächsten Jahr werde ich anlässlich des 25. Todestages Andy Warhols und des 50. Todestages Marilyn Monroes das Musical „The Factory“ verfilmen. Die Innenaufnahmen werden wir im Februar und März in Deutschland machen, die Außenaufnahmen werden in New York, Las Vegas und Los Angeles gedreht.
Karten Am Donnerstag und Freitag, 22. und 23. September, jeweils um 20 Uhr kommt „The Factory – eine Nacht in Andy Warhols Traumfabrik“ von und mit Ulli Lommel ins Stadttheater Landsberg. Eine spannungsgeladene, impulsive Bühnenperformance mit vielen Songs und Filmeinspielungen, die zum einen die Geschichte des jungen Lommel selbst erzählt als auch posthum den mysteriösen Tod der Marilyn Monroe durchleuchtet, mit dem sich Lommel seit dreißig Jahren beschäftigt.
Karten gibt es an der Abendkasse oder unter 08191/128-333 sowie beim LT-Kartenservice im Reisebüro Vivell.