Man schreibt nicht über sich selbst als Journalist. Journalisten berichten über andere, wahren Distanz, bleiben neutral. So habe ich es über 30 Jahre in meinem Berufsleben gehalten. Eine „Ich-Story“? Nicht mit mir, nicht von mir. Aber diese Geschichte über Leben, Krankheit, Tod und – ja, das auch ein bisschen – Auferstehung kann man nicht anders erzählen. Da muss der Journalist persönlich werden, wenn er sich erst mal dazu durchgerungen hat, überhaupt sein eigenes Erleben zum Zeitungsthema zu machen.
Also: Ich werde nun bald 57 Jahre alt, und dass ich das hier aufschreiben kann, ist so etwas wie ein kleines Wunder, das der Zufall, das Glück, viele fähige Mediziner und noch mehr liebe Menschen bewirkt haben. Die Geschichte dieses Wunders beginnt am Freitag, 29. November 2013, irgendwann am frühen Nachmittag.
Der Freitag, das muss zur Erklärung gesagt werden, ist der Stresstag der Lokaljournalisten. Am Freitag wird die Wochenendausgabe produziert, die meist doppelt so dick ist wie die Zeitungsausgaben der normalen Wochentage. Wenn am Freitagmittag viele Beschäftigte ins Wochenende verschwinden, dann geht es in der Lokalredaktion erst richtig los, oft bis in die Nacht hinein. Es gibt Freitage, an denen es gut läuft. Und es gibt Freitage wie diesen trockenen, sonnigen 29. November, an denen nichts so läuft, wie es soll.
Gegen 15.30 Uhr reißt der Geduldsfaden. Ich schließe die „Menschen&Meinungen“-Seite, an der ich gerade arbeite, und sage meiner Kollegin, ich würde im Hof vor der Redaktion etwas Luft schnappen. Ich gehe ins Treppenhaus. Das ist auf Wochen hinaus meine letzte Erinnerung. Was nun kommt, weiß ich nur aus Erzählungen.
Kollege reagierte blitzschnell
Ein Kollege, der kurz danach auch nach unten geht, um in der Sonne Luft zu schnappen, sieht, wie ich zwischen zwei geparkten Autos zu Boden gehe. Mein Glück: Er ist Feuerwehrler und reagiert richtig. Er schickt sozusagen die Kavallerie los – der Notarzt kommt, ein Hubschrauber wird an die Waitzinger Wiese beordert und fliegt mich – in komatösem Zustand, wie der Arztbericht vermerkt – ins Klinikum Rechts der Isar nach München. Eine knappe Stunde nach dem Zusammenbruch liege ich dort auf der Intensivstation, diagnostiziert wird eine Hirnblutung mit Ventrikeleinbruch.
Noch am selben Tag werde ich aus dem Koma geholt und verbringe danach fünf Wochen auf verschiedenen Intensivstationen, bekomme schließlich einen „Shunt“ in den Schädel implantiert, ein Ventil, das über einen Schlauch den Überdruck aus dem Hirn in die Bauchhöhle ableitet. In den Wochen auf der Intensivstation bin ich ansprechbar, bekomme Besuch von meiner Frau, meiner Mutter und einigen Freunden. Nur: Von all dem weiß ich nichts mehr, die Erinnerung ans Rechts der Isar, an die Stationen, die Menschen dort ist ausgelöscht.
Sie setzt erst wieder ein, als ich in die Reha nach Ichenhausen umsiedeln soll. Das Erste, an das ich mich bewusst wieder erinnern kann, ist ein junger Mann, der mir sagt, er bringe mich jetzt in die Fachklinik zu einer zunächst dreiwöchigen Reha. Ich bin noch ziemlich klapperig unterwegs, habe Schwindelanfälle, torkle beim Gehen, bin schnell außer Atem. Im Krankenhaus habe ich über 15 Kilo Gewicht verloren, ich friere auch in gut geheizten Räumen.
In Ichenhausen ist man erst mal erstaunt, als ich mich an der Rezeption melde. Man hat einen „Liegendpatienten“ erwartet. Schnell disponieren die Empfangsdamen um. Mein Zimmer teile ich mit einem über 80-jährigen Schlaganfallpatienten. Den Rollator, den man mir vorsichtshalber aufs Zimmer gestellt hat, benutze ich nur ein, zwei Mal. Dann will ich das Ding loswerden, obwohl der Schwindel, meist beim Treppensteigen, immer wieder mal zuschlägt. Aber was sind schon ein paar blaue Flecken ...
Angst vor dem Alleinsein
In den Gesprächen mit den Ärzten und Therapeuten erfahre ich langsam, was mit mir passiert ist. Jemand erklärt mir die Diagnose, die nun folgende Reha, die Risiken und Besserungschancen. Aufmunternd ist das nicht, im Gegenteil: Noch nie, nicht mal als Kind, hatte ich Angst vor dem Alleinsein. Nun habe ich sie – so sehr, dass ich das Angebot, in das mir zustehende Einzelzimmer umzuziehen, ablehne. Ich möchte nicht allein bleiben, suche auch in den Stunden vor, nach und zwischen den Therapieeinheiten die Gesellschaft von Leidensgenossen.
Davon gibt es genügend in Ichenhausen, erschütternde Fälle. Die junge Türkin etwa, die an einem Gehirntumor leidet und an manchen Tagen so schwach ist, dass sie es mit ihrem Rollstuhl nicht mehr über die leichte Rampe am Klinikeingang schafft. Ich helfe ihr hoch und wir kommen ins Gespräch. Sie sagt, dass sie nur noch ein paar Monate zu leben habe. Ich sage, dass ich unwahrscheinliches Glück gehabt habe, überlebt und keine bleibenden Schäden davongetragen zu haben. Und muss dabei weinen. Groteske Situation: Sie tröstet mich. Dabei müsste es umgekehrt sein!
Oder der beinamputierte Mann aus dem Württembergischen. Er bekommt in Ichenhausen Prothesen und soll lernen, mit ihnen wieder zu laufen. Wir unterhalten uns täglich im Raucherpavillion. Zigaretten sind mir zwar verboten worden – was mich nach über 40 Raucherjahren komischerweise gar nicht stört – aber im „Tabakskollegium“ sind lauter lustige, offene Menschen – lebensbejahend trotz ihrer teils schwerwiegenden Erkrankungen. Es wird viel gelacht im winterlich unwirtlichen, saukalten, zugigen Rauchereck.
Die Reha selbst ist weniger zum Lachen. Sie ist anstrengend, alles andere als ein Erholungsurlaub. Ein Training mit Computerprogrammen soll meine Fähigkeit zurückbringen, ein Auto zu lenken. Noch ist mir das verboten. Das erfahre ich bei einer Beratung ebenso wie die Tatsache, dass das Vormundschaftsgericht mich unter Betreuung gestellt hat, da ich während des Klinikaufenthalts in München nicht mehr in der Lage war, selbst Entscheidungen über medizinische Behandlungen zu treffen. Meine Frau ist jetzt meine Betreuerin – „Vormund“ nannte man das früher.
Bis dahin ist aber noch viel Arbeit angesagt – täglich Krankengymnastik und Balancetraining, psychologische Tests, Reaktionsprüfungen, Massagen, Ergotherapie, Psychotherapie, Untersuchungen, 24-Stunden-EKGs, Sprach- und Geschicklichkeitstests. Lustig ist anders, aber lustig ist es zwischendurch schon. Zum Beispiel, wenn ich beim Balancieren auf einer gelben Linie am Boden wieder einmal strauchle und nicht nur mich, sondern meine Therapeutin Natalia gleich mit zu Fall bringe.
Mit der Russin habe ich auch das erste wirkliche Erfolgserlebnis: 15 Meter Rückwärtsgehen auf der gelben Linie, ohne auf der – Pardon! – Schnauze zu landen. Ein tolles Gefühl. Ein unwahrscheinliches Glücksgefühl auch, nach Wochen erstmals wieder für ein Wochenende nach Hause zu dürfen. Meine Frau holt mich ab, ich möchte für uns kochen. Die kulinarische „Kondition“ reicht grade mal für einen Topf Spaghetti Bolognese. Aber ich mache alles selbst – und spüle hinterher sogar noch ab, bevor es wieder in die Klinik geht.
Am Ende der sechswöchigen Reha steht auch ein Erfolg: Autofahren sei wieder ok, sagt die Psychologin. Krafttraining dürfe ich wieder machen, sagt die Ärztin. Arbeiten darf ich nach zwei weiteren Wochen zu Hause dann auch wieder – was hatte ich mich darauf gefreut, die Kolleginnen und Kollegen beim LT wiederzusehen.
Defizite sind noch spürbar
Ein Jahr ist seitdem vergangen, in dem ich in den Alltag zurückgefunden habe. Defizite sind noch spürbar: Was ich nicht aufschreibe, das vergesse ich. Nach einem ausgefüllten Arbeitstag reicht es mir dicke. Wochenenden dienen nur noch der Erholung und nicht wie früher verschiedenen Freizeitaktivitäten. Aber: Hurra, ich lebe noch! Den Wert dieser Erkenntnis habe ich gelernt, oder besser gesagt: lernen müssen.
Viele Dinge, die mir „vorher“ wichtig waren – oder in vielen Fällen auch nur wichtig erschienen – haben nach dem „Tag X“ nur noch eingeschränkte Bedeutung. Profilierungs-Spielchen im Büro? Unwichtig. Mithalten beim Wettrennen im Arbeits-Hamsterrad? Muss nicht mehr sein. Sich ärgern über Banalitäten des Berufsalltags? Überflüssig. Kontakt halten zu den Menschen, die bei mir waren, als ich nicht einmal mehr wusste, wie wichtig sie für mich waren – das hat jetzt höchste Priorität.
Und der Alltag hält viele Freuden bereit, die ich früher als selbstverständlich erachtete: Ein Abendessen mit Freunden, ein Glas Wein am Abend, die geradezu kindliche Freude über das neue Fahrrad und den ersten Frühlingsausflug in den Biergarten damit, die Buchung der Urlaubsreise, nachdem ich wieder fliegen darf...
Tatsächlich bin ich glücklicher als zuvor. Eine hochprofessionelle Medizin, viel therapeutische Unterstützung, viel Zuspruch von Freunden und die Liebe meiner Frau haben mich zurückgeholt in ein Leben, das mir auch mit einigen noch vorhandenen gesundheitlichen Einschränkungen sehr viel mehr zu bieten hat, als ich je dachte.