Nach dem gelungenen Auftakt ins Slamjahr 2026 haben der Kreisjugendring Landsberg und Slam-Master Ko Bylanzky erneut zum poetischen Kräftemessen im Stadttheater Landsberg geladen. Der Frühling zeigte sich dabei von seiner angenehmen Seite: Pullover wurden gegen T-Shirts getauscht, und an der Bar im Foyer wurde auch der ein oder andere Aperol-Spritz mehr bestellt. Als die Lichter im Saal um Punkt 19.30 Uhr dunkler wurden, verwehten dann aber die Gespräche, die Blicke richteten sich nach vorn und die Aufmerksamkeit bündelte sich ganz auf die Bühne. Acht Wortakrobatinnen und Wortakrobaten aus ganz Deutschland präsentieren an diesem Abend ihre selbst verfassten Texte.
Der erste auftretende Slammer ist Alexander Schatzlmayr. Der Augsburger stammt, wie er selbst sagt, „aus einer bisschen peinlichen Familie, in der alle schrecklich kreativ sind“ – und nun sei eben er an der Reihe. Der zweite Slammer legte eine deutlich längere Strecke zum Auftrtittsort zurück: Ortwin Bader-Iskraut aus Berlin bekennt sich zu seiner Liebe für Nina Chubas Song „Wildberry Lillet“. Ihm sei jedoch aufgefallen, dass darin vieles fehle, was er selbst gerne im Leben hätte, deshalb habe er sich erlaubt, den Song weiterzuschreiben. So rappt er unter anderem: „Ich will Aspirin im Sekt, will, dass beim Bücken nichts mehr knackt, ich will Seife, die gut schmeckt und einen Sitz in der U8.“
„Ich habe die Seiten gewechselt – von Frau zu Mann“
Auch der nächste Beitrag stammt aus Augsburg. Manuel Schumann präsentiert (erneut) einen Text aus seiner Reihe „Das Abscheulichste, das die deutsche Sprache momentan zu bieten hat und was wir dagegen tun können“. Dieses Mal mit dem Blick auf das Wort „Balkonien“, das er passend zum sommerlichen Wetter sprachlich auseinander legt. Den Abschluss der ersten Runde bildet Derek Word for Word, der zum ersten Mal auf der Landsberger Bühne steht – und sie mit bemerkenswerter Offenheit füllt. „Ich bin trans. Ich habe die Seiten gewechselt – von Frau zu Mann“, erklärt er und nimmt das Publikum mit in eine Welt zwischen Identität, Erwartung und Alltagsmomenten, etwa beim Gang zum Barber, wo sich Männlichkeit plötzlich nicht nur im Spiegel, sondern auch im Kopf verhandelt.
Lena Stokoff aus Stuttgart, seit Jahren schon eine der führenden Stimmen der Baden-Württembergischen Slam-Szene und Halbfinalistin der deutschsprachigen Meisterschaften, eröffnet nach der 20-minütigen Pause die zweite Slamrunde auf der Bühne des Stadttheaters. Danach tritt mit Sarah Fischer eine Lokalmatadorin aus Kleinkitzighofen im Landkreis Ostallgäu auf die Bühne. Diese stellt ihren Text mit dem Titel „blaues Flimmern“ vor.
Der nächste Slammer kommt aus Leipzig. Marc Bobzin ist angehender Lehrer für Deutsch sowie Geschichte und ihm sei aufgefallen, dass man als Erwachsener immer noch Kinderspiele spielt – wenn auch anders. In „Das Leben ist (k)ein Kinderspiel“ verwebt er Kindheitserinnerungen mit gesellschaftlichen Schieflagen: „Fast alle Straßen sind bewohnt. Die Mieten werden immer teurer. Und sie bauen lieber ein Hotel, statt vier Mehrfamilienhäuser (…). Und pfeifst du Frauen nach und bringst sie in Bedrängnis, ja, dann gehst du allerhöchstens zu Besuch mal ins Gefängnis. Früher warfen wir zum Himmelsbilderraten unseren Blick rauf. Heute seh ich eine Wolke und sag: Schau mal – Fabrikrauch! Kalt, warm, wärmer, heiß, heißer. Nein, das war keine Wegbeschreibung beim Topfschlagen. Das war die Temperaturentwicklung in den letzten Rekordjahren.“
Die jüngste Teilnehmerin beeindruckt mit einem Text über ihren Job in der Pflege
Besonders eindrücklich blieb der Auftritt der jüngsten Teilnehmerin des Abends: Ronja Rössl, eine 18-jährige Slammerin aus Kaufering, die mit ihrem Text „Wo Erinnerung stirbt, bevor der Körper geht“ einen Einblick in ihren Alltag als Auszubildende in der Pflege gab. Dieser Text trug sie ins Finale. Dort traf sie auf Ortwin Bader-Iskraut, der in einem Gedicht das Leben rückwärts erzählt – vom eigenen Grab zurück in den Mutterleib.
Am Ende war es Ortwin Bader-Iskrauts Auftritt, der den stärksten Widerhall im Publikum im Landsberger Stadttheater fand. Der Applaus – traditionell einziges Entscheidungskriterium des Abends – machte den jungen Mann zum Sieger. Doch gefeiert wurde nicht nur der Berliner, sondern auch der vielschichtige „Dialog“ zwischen Bühne und Publikum, in dem für einen Abend alles geteilt wurde, was sich (vielleicht) nicht immer sagen lässt – außer in einem Slam.
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