Türkheim Kanalsanierung: Bei diesem Wort denkt man an Dreck, Gestank, Bagger und Straßensperren. In Türkheim ist das anders. Da erneuert eine Münchner Firma zurzeit ohne Bagger und fast ohne Dreck den Kanal in der Kapuzinerstraße. Mit dem sogenannten Inliner-Verfahren ziehen die Arbeiter ein neues Rohr in das alte ein. Und dieses neue Rohr ist zunächst einmal ein weicher Schlauch aus Nadelfilz. Erst nach ein paar Stunden wird er zu einem stabilen Kanalrohr, sechs Millimeter dick, 40 Zentimeter Durchmesser.
Dafür wird der Filzschlauch im Lastwagen der Firma mit einer Mischung aus Harz und Härter getränkt. Für die rund 100 Meter in der Kapuzinerstraße werden die Arbeiter 760 Kilogramm der zähen Flüssigkeit brauchen. Der getränkte Schlauch läuft dann über Walzen und ein Gerüst in den Kanal. Und zwar durch den offenen Kanaldeckel. Die Straße müssen die Arbeiter dazu nicht aufbaggern.
Dieser Inliner, der getränkte Schlauch, wird jetzt mit Wasser gefüllt, sodass er sich gleichmäßig in dem alten Rohr ausbreitet. Nach rund vier Stunden ist das neue, noch weiche Rohr 100 Meter weiter am Endschacht angekommen. Jetzt führen die Arbeiter einen Heizschlauch ein, der das Wasser erwärmt. So härtet das Harz aus – das neue Rohr wird fest. „Wir ziehen die Inliner am Tag ein und lassen sie über Nacht aushärten“, erklärt der technische Leiter Martin Schuster. Am nächsten Morgen schneidet ein Roboter noch die Zuläufe zu den Häusern auf und der Kanal ist wieder benutzbar.
Die Bewohner des nahen Altenheims merken von der Kanalsanierung fast nichts. „Duschen und auf die Toilette gehen sind kein Problem“, sagt Schuster. Das Abwasser werde während der rund 14-stündigen Bauzeit umgeleitet. „Nur Vollbäder sollten die Anwohner während dieser Zeit nicht nehmen und die Waschmaschine auslassen“, sagt der Ingenieur und meint: „Bei einer offenen Bauweise bräuchte man für diese 100 Meter vier Wochen.“ Und sie würde mehr als das Vierfache kosten.
Vor drei Jahren hatte der Türkheimer Gemeinderat die Sanierung des gesamten Kanalnetzes beschlossen. Mit Kameras wurden dann die Rohre untersucht und mehrere Schäden festgestellt: Risse, undichte Muffen, Wurzeleinbrüche. Noch keine dramatischen Schäden – „aber wenn man zu lange wartet, bricht das komplett zusammen“, sagt Bürgermeister Sebastian Seemüller. Und dann ginge es auch nicht mehr ohne den Bagger. Jetzt wird das erste von acht Gebieten im Ort mit der neuen Technik saniert. Die Arbeiten werden noch bis Anfang Oktober dauern. Nicht überall sind neue Inliner-Rohre notwendig. An einigen Stellen reicht auch ein Roboter, der beschädigte Stellen ausfräst und wieder zuspachtelt. Jedes Jahr soll ein weiteres Gebiet folgen. Gesamtkosten der Kanalsanierung: rund eine Million Euro.
„Wir haben den Grundstückseigentümern die Option gegeben, sich an unseren Auftrag anzuhängen“, sagt Marktbaumeister Robert Joder. Wenn die Firma schon da war, hätte sie auch gleich für jeweils 100 Euro die privaten Hausanschlüsse überprüfen können. „Das muss jeder Eigentümer bis 2015 nachweisen“, sagt Joder. Eigentlich koste das doppelt so viel. Aber nur 15 Prozent der Hausbesitzer haben sich beteiligt.