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MZ-Serie "Mein Jahr"

06.01.2021

Die Traunrieder Seifensiederin und ihr Schmuckkästchen

Ingrids Seifenküche, so nennt die gleichnamige Inhaberin ihren Naturseifeladen. Besuch ist ihr dort immer willkommen, ein kurzer Anruf vorher genügt.

Plus Statt ihre Kosmetik auf Weihnachtsmärkten zu verkaufen, renoviert Ingrid Knoller den 200 Jahre alten Pfänderhof in Traunried. Ihre Naturseifen gibt’s auch dort – und schöne Gespräche.

Das Haus mit der Nummer 14 ist leicht zu finden. Der Ettringer Ortsteil Traunried führt, wie so viele Dörfer in dieser Größe, keine Straßennamen; so kann, wer möchte, die gesuchte Hausnummer einfach abzählen. Will man Ingrid Knoller besuchen, ist es sogar noch einfacher. Denn sie hat ihren Namen kurzerhand auf die Hauswand geschrieben. Genauer gesagt, ihre Passion: Denn Ingrid Knoller ist Seifensiederin. Über 15 Jahre schon verkauft sie ihre in Handarbeit hergestellten Naturseifen auf diversen Märkten. Jetzt stünde für die Traunrieder Seifenküchen-Inhaberin eigentlich die Teilnahme am Friedberger Weihnachtsmarkt an. Allein, das Coronavirus wollte es anders. Ingrid Knoller ereilt damit das gleiche Schicksal wie alle Kunstgewerbler, Beschicker und Schausteller: nichts geht mehr.

Einen kleinen Verkaufsladen führt sie zwar auch in ihrem Haus, einem rund 200 Jahre alten Anwesen, das den Hausnamen Pfänderhof führt. Ihre treue Stammkundschaft, die sie sich über die kontinuierliche Teilnahme an Märkten über die Jahre hat erarbeiten können, die kommt allerdings nicht aus dem Umland.

Wer die agile Seifensiederin beim Gespräch beobachtet, der erkennt schnell ihren Antrieb: Sie öffnet sich ihrem Gegenüber, lässt sich auf ihn ein; alles an der zierlichen Frau ist dann in Bewegung. Nicht selten kommt sie dabei auf ganz andere Themen, nur, um einen dann lachend wieder zurückzuholen. Es sind ebendiese Begegnungen, diese bunte Melange an Menschen, die sich an ihrem Verkaufsstand einfindet, die nun fehlt. „Sehr!“, wie Ingrid Knoller unumwunden zugibt.

Die duftenden Seifenpakete verkauft die Traunriederin normal auf Weihnachtsmärkten

Die duftenden Seifenpakete, schön verziert und verpackt, warten nun in Ingrids Seifenküche auf Abnehmer. Gesellschaft bekommen sie durch allerlei Tand, derzeit weihnachtlichen Dekorationsstücken, durch Geschenkideen wie Kerzenständer, Kugeln und mehr. Die sichtbare Harmonie, die diesem Arrangement zugrunde liegt, wirft schnell eine Frage auf: „Haben Sie das gelernt, Frau Knoller?“

„Ja!“, lacht sie, eigentlich sei sie gelernte Dekorateurin. Die Liebe zum Seifensieden kam einfach hinzu; nach und nach schaffte es dieses Handwerk dann ganz nach vorne in Ingrid Knollers Leben. Mit den Händen etwas tun, sich dadurch Ausdruck zu verschaffen - das gehe mit dem Seifensieden Hand in Hand, sagt sie.

Beim Betrachten ihrer handgemachten Naturseifen schweift der Blick unwillkürlich weiter. Tatsächlich, an vielen Stellen des zum Verkaufsraum umgestalteten Stalles des ehemaligen Bauernhauses zeigt sich die Handschrift der Fachfrau. Denn vieles, was im Zuge des Umbaus wohl von weniger leidenschaftlicheren Bauherren in den Müll geworfen worden wäre, hat an anderer Stelle Verwendung gefunden.

Die Böden im Haus in Traunried sind ganz besonders

Wunderschöne alte Stallfenster etwa, die, pfiffig eingesetzt in eine Zwischenwand, wieder glänzen dürfen. Auch die Böden im Haus sind einfach eine Schau, denn immer wieder zeigt sich dort ein Wechselspiel der Elemente; dann, wenn alte Fliesenspiegel ein Bett in einem Rahmen alter Holzplanken gefunden haben. Alfons Schweighofer, mit dem Ingrid Knoller das rund 200 Jahre alte Haus bewohnt, hat sich da als williger Ideen-Umsetzer entpuppt. Heute ist er Sozialpädagoge; großgeworden ist er in einem landwirtschaftlichen Betrieb. „Dort macht man das meiste eben selbst, darum kann er fast alles“, freut sich Ingrid Knoller.

So kann die Mutter einer 15-jährigen Tochter dem Schmerz ihres coronabedingten Berufsverbots doch noch etwas abgewinnen, denn zu renovieren und erneuern gibt es im Pfänderhof immer etwas. Zum Glück sei das Haus immer bewohnt gewesen, sagt Ingrid Knoller. Das habe der Substanz gutgetan. Die allerdings musste erst einmal wieder freigelegt werden. So hätten die Vorbesitzer einiges am Haus modernisiert, es damit aber eher „verschlimmbessert“, wie die gelernte Dekorateurin zugibt. Dem Alter und Stil des Hofes sei dies nicht gerecht geworden.

Diese Gerechtigkeit an der Seele des Hauses, die wollte Ingrid Knoller wiederherstellen. Und hat zunächst einmal angefangen, rund 20 Farbschichten von den Wänden zu kratzen. Eine Reise durch die Jahrzehnte sei das gewesen, lacht sie, denn freigelegt werden konnten dabei, nun ja, auch rustikale Farbakzente. Einzelne Spuren von Musterwalzen, durchaus übliches Mittel zur Wandgestaltung in den 20er Jahren, kann man heute noch in ihrer Wohnstube bewundern. Sie wurden bewusst offengelassen.

Ingrid Knoller und Tochter Ida an einem ihrer Lieblingsplätze in ihren liebevoll renovierten Haus.

Auch das Entkernen des Hauses, das Abtragen von Böden bis hin zur Herausnahme von Planken, um diese zu entwurmen und dann erneut einzusetzen, hat den beiden Pfänderhof-Bewohnern alles abverlangt. Seit etwa 14 Jahren steht die Erhaltung und Verbesserung des Hauses ebenso im Mittelpunkt beider, wie Tochter Ida. „Ich kenne es eigentlich nicht anders“, lacht die 15-Jährige. Schließlich sei sie noch ein Kleinkind gewesen, als es um sie herum angefangen hatte, anders auszusehen.

Vieles haben Ingrid Knoller und ihr Partner Alfons Schweighofer auch erst recherchieren müssen, etwa, wie man alten Kalkputz anrührt, ihn aufbringt und so für ein gesundes Raumklima sorgt. Nicht immer waren Arbeiten sofort von Erfolg gekrönt; „wir haben lernen müssen, was dieses Haus will“, lacht Ingrid Knoller.

Wenn die Ideen über Nacht kommen, liegen Stift und Zettel parat

Sie selbst sei nie ohne Stift und Zettel ins Bett gegangen, denn oftmals kamen die Ideen buchstäblich „über Nacht“. Hatte ein Nachbar verlauten lassen, aufgrund einer Neuanschaffung etwas wegwerfen zu wollen, hat es schon angefangen zu arbeiten in Knollers Kopf. Beispiele genug können im Haus bewundert werden; so gehörten die gedrechselten Beine ihres Küchenschrankes vormals zu einer alten Treppe, wurde aus einem Nachtkästchen mit viel Ideenreichtum und der Umarbeitung gebrauchter Regale ein formidables Einbauregal, das meiste gefunden über Kleinanzeigen.

Mittlerweile finden Stücke auch von selbst zu Ingrid Knoller. Die Dinge scheinen zu spüren, dass sie es gut haben werden bei ihr; anders könne sie es sich nicht erklären, sagt sie. Nicht selten endete der Besuch bei fremden Menschen, aus welchen Gründen auch immer, mit deren Herausgabe alter Familienstücke - die nun im 200 Jahre alten Pfänderhaus ein Plätzchen gefunden haben, das ihnen gebührt.

Ingrids Seifenküche, Hausnummer 14, Ettringen OT Traunried; persönliche Besuche unter Telefon 08262/968730.

Etwa 200 Jahre alt soll das Haus sein, das in Traunried nur „Pfänderhof“ genannt wird. Das Foto zeigt die damaligen Bewohner des Hofs, Ingrid Knollers Tochter Ida hat es hervorgekramt.

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