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Apfeltrach

07.06.2019

Kleine Veränderungen mit großer Wirkung für die Natur

Wo einst ein gepflasterter Weg war, ist jetzt ein Magerbeet angelegt, in dem Almut Siebig Samen verteilt hat, die noch keimen müssen. Das Kräuterbeet rechts ist indes ein beliebter Treffpunkt für Insekten.
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Wo einst ein gepflasterter Weg war, ist jetzt ein Magerbeet angelegt, in dem Almut Siebig Samen verteilt hat, die noch keimen müssen. Das Kräuterbeet rechts ist indes ein beliebter Treffpunkt für Insekten.

Hier lebt die Artenvielfalt: Familie Siebig baut in Apfeltrach einen Garten mit kleinen Maßnahmen so um, dass Menschen und Tiere mehr davon haben.

Biene ist gleich Biene – wer das glaubt, der wird im Garten von Familie Siebig in Apfeltrach eines Besseren belehrt. Denn neben den allseits bekannten Honigbienen tummeln sich hier auch unzählige Wildbienen, die der gelb-schwarz-gestreifte Nektarsammlerin auf den ersten Blick so gar nicht ähneln: Mauerbienen, Sandbienen, Schmalbienen, Kuckucksbienen. Dass in ihrem Garten diese Vielfalt herrscht, daran ist Familie Siebig nicht ganz unschuldig – und macht deshalb auch bei der Aktion „Jeder Quadratmeter zählt ... für heimische Natur“ mit, die derzeit in der Region läuft.

Aber, schränkt Mama Almut Siebig gleich ein: „Bei uns geht es weiter als nur einen Quadratmeter.“ Seit sie mit ihrer Familie 2018 in das zuletzt leerstehende Haus in Apfeltrach eingezogen ist, bringt sie den Garten wieder auf Vordermann. Was nicht heißen soll, dass dort jetzt ein englischer Rasen wächst. Im Gegenteil: Gemäht wird nur, wo es wirklich nötig ist – etwa unterm Baum, wo der Gartentisch und die Gartenstühle stehen. Bei allen Maßnahmen frage sich Almut Siebig: „Wie viel Lebensraum schaffe ich? Wie viel zerstöre ich dabei?“

Gelebter Artenschutz: Im Garten der Familie sollen Mensch und Tiere Platz finden

Das Ziel der 32-jährigen Hebamme: „Strukturen, Lebensfläche und Angebote schaffen“, einen sogenannten Hortus, also einen gemeinsamen Lebensraum für Mensch und Tier. Dazu gehört auch: „Nicht gegen die Natur kämpfen, sondern sie geschehen lassen.“ Das heißt in der Praxis, vermeintliches Unkraut nicht sofort auszuzupfen, wie sie es anfangs selbst getan hatte. Stattdessen eröffnen sich nun neue Schönheiten. Die Mohnblume, die aus einer Mauerritze wächst und einen Farbtupfer vor der grauen Hauswand bildet. Oder der lila Blütenteppich, der sich von selbst am Wegesrand ausgebreitet hat und der wunderbar harmoniert mit der alten Fliese und den ehemaligen Firstziegeln, in denen sich die Hauswurz wohlfühlt.

Kleine Veränderungen mit großer Wirkung für die Natur

Das verwilderte Gemüsebeet an der Straße hat Almut Siebig wieder auf Vordermann gebracht und dort eine flache Kräuterspirale aufgebaut. Borretsch, Rosmarin und Co. gedeihen an der sonnigen Stelle prächtig und werden umschwirrt von allerlei Insekten. Die große Forsythie haben die Siebigs zurückgeschnitten, weil sie für die Bienen keine Nahrung bietet. Ihre Äste hat die Familie zwischen die Holzscheite im Brennholzstapel gesteckt – und so mit wenigen Handgriffen ein Insektenhotel geschaffen, das auch gut angenommen wird.

Aus dem gepflasterten Weg neben dem ehemaligen Gemüsebeet wurde ein Magerstreifen aus Kalkmagerschotter, der sich erst in den nächsten Jahren richtig entwickeln wird. Bis dahin sorgen Natternkopf, Wiesenknopf, Frühlingsfingerkraut, Sedum und Kuhschelle für ein paar Farbtupfer in der sandfarbenen „Steinwüste“.

Auch hinterm Haus gibt es ein Magerbeet à la "Jeder Quadratmeter zählt"

Die abgebauten Pflastersteine hat Almut Siebig hinterm Haus gestapelt und darin ein Magerhochbeet angelegt, inklusive Geheimzugang für den Igel, der unter Steinen und Ästen Unterschlupf findet. Gleich daneben hat die Familie mit Folie und feuchter Erde ein Sumpfbeet geschaffen. Auch hier, wo Sumpfvergissmeinnicht, Teufelsabbiss, Blutweiderich und Wasserdost wachsen, tummeln sich die Insekten. Die feuchte Erde holen sich Bienen und Käfer gern.

Die Totholzhecke dient nicht nur als Sichtschutz für die Menschen, sondern auch als Unterschlupf für Vögel und Käfer – ebenso wie der Steinhaufen, der im Vorgarten steht, gleich neben einem alten Stamm und alten Ästen, die ein Beet mit Kulturpflanzen eingrenzen. Weide, Kornelkirsche, Weißdorn hat die Familie gepflanzt, und einen Faulbaum – „ein toller Raupenbaum“, wie Almut Siebig erklärt.

Natürlich dürfen neben der Natur aber auch ihre beiden zwei und vier Jahre alten Töchter nicht zu kurz kommen. Sandkasten und Spielflächen sind in dem Lebensraum Garten noch genug vorhanden, ebenso wie Erdbeeren und Johannisbeeren zum Naschen und Platz für die beiden Kaninchen Fridolin und Ferdinand, die ein natürlicher Rasenmäher sind – allerdings auch ein sehr wählerischer. Almut Siebigs Kinder wachsen ganz nah an der Natur auf – so wie sie selbst in ihrer Heimat, dem Saarland. „Wir haben hier sogar einen Tierfriedhof“, sagt die zweifache Mutter und lacht. „Jeder Käfer wird begraben und jeder kleine Vogel, der aus dem Nest gefallen ist.“

Sandbienen haben sich im Rasen des Apfeltracher Gartens eingenistet

An manchen Stellen im Gras stecken kleine Holzstäbe, verbunden mit einer blau-weiß-gestreiften Schnur. Wer genau hinsieht, entdeckt in der Mitte des Dreiecks ein nicht mal ein Zentimeter großes Loch. „Sandbienen“, kommentiert Almut Siebig. Sie hat auch etwas für die außergewöhnlichen Bienenarten übrig – etwa die Zaunrüben-Biene. Diese ist wie rund ein Drittel der heimischen Wildbienen sehr wählerisch: Die für sie und ihre Nachkommen lebensnotwendigen Pollen bekommt sie nur an den Blüten der Zaunrübe. Eine solche windet sich seit Kurzem an der Hausmauer der Siebigs in Apfeltrach entlang. Die zweijährige Elisa ist ganz beeindruckt von den Ranken, die aussehen wie winzige grün-geringelte Telefonkabel. Aber es muss ja nicht gleich eine solch spezielle Pflanze sein, wenn man sich für die Natur einsetzen möchte. „Mit einer Schale Wasser ist schon viel geholfen“, gibt Almut Siebig denjenigen mit auf den Weg, die überlegen, was sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten tun können. „Mal eine Ecke nicht mähen, mal Wildnis zulassen.“

Sie selbst habe durch die Arbeit im Garten Gelassenheit bekommen, sagt sie lächelnd. Und auch die harten Fakten geben ihr und ihrem Gartenkonzept Recht: Bei der Insektenzählung des Nabu im vergangenen Jahr hätten sie nicht sehr viele Tiere gefunden, erinnert sich die 32-Jährige – ganz anders als in diesem Jahr: „Jetzt ist die Vielfalt schon deutlich größer!“

Wie kann man auf einem Quadratmeter (oder mehr) für die Natur Gutes tun? Hier erfahren Sie mehr:

So legt man eine Wildblumenwiese an

Jeder kann Gutes tun - auf einem Quadratmeter

Mehr über die Aktion „Jeder Quadratmeter zählt ... für heimische Natur“ und die dazugehörigen Veranstaltungen erfahren Sie hier.

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