Unterkammlach Zunächst sieht man gar nichts. Das Auto rauscht die Sankt-Johann-Straße in Unterkammlach hinunter. Irgendwo hier soll es derart leuchten, dass ganze Familien extra aus bis zu 40 Kilometern Entfernung angereist kommen. Es muss ein Lichterspiel der Sonderklasse sein.
Die Straße führt vorbei an einer alten Käserei, an weihnachtlich geschmückten Vorgärten, an alten Höfen – und dann strahlt es einem rechts urplötzlich aus einer kleinen Sackgasse entgegen.
Halb sechs, hatte Drago Bajic gesagt, das sei ein guter Zeitpunkt. Punkt halb sechs, „aber keine Minute früher.“
Der Hausherr empfängt an der Eingangstür. Im Garten leuchtet ein Rentiergespann, mehrere Schlitten, ein Schneemann, ein Zug – eigentlich leuchtet alles, sogar das Haus selbst ist mit Lichterketten eingekleidet. Bajic hat gerade alles eingeschaltet. „Wir sind richtige Kinder“, sagt er.
Auf dem Weg ins Wohnzimmer fängt man langsam an zu verstehen, was er damit meint. Der ganze Kamin ist vollgestellt mit Nippes. Miniaturchristbäume aus Kristall, gläserne Schneemänner und unzählige Windlichter in allen möglichen Farben und Formen. Bajics Frau Waltraud hat tags zuvor noch jedes einzelne davon mit einem neuen Teelicht bestückt. Die Hunderterpackung hat nicht ganz ausgereicht.
Seitdem sich Drago und Waltraud Bajic vor acht Jahren in Unterkammlach niedergelassen haben, tauchen sie ihr Haus immer zur Adventszeit in ein Lichtermeer. Drei Wochen hat es heuer gedauert, bis all der Weihnachtströdel aus den – man weiß gar nicht mehr wie vielen – Kisten entstaubt, kontrolliert und aufgebaut war. Nicht jedes Stück fand letztendlich auch einen Platz.
Für die Puppen allerdings ist immer Platz. Sie sitzen im Wintergarten auf alten Kutschen und Rössern, im roten Gewand thront eine auf einem Puppensofa, auch das rot gestreift. „Was meinen Sie, wie lange es gedauert hat, bis wir das Passende gefunden hatten“, fragt Bajic und wiegt einer der Puppen sachte im Arm.
Wenn es am Horizont immer heller und heller wird
Die Bajics lieben diese weihnachtliche Atmosphäre. Wenn am ersten Advent alle Lichterketten angeschlossen sind, machen sie einen kleinen Spaziergang. Die beiden gehen bis zu einem Punkt, von dem sie wissen, dass sie ihr Haus von dort nicht mehr sehen können. Dann machen sie kehrt und schauen, wie es am Horizont immer heller und heller wird. Es ist jedes Jahr das gleiche Ritual. „Wir sind nicht mehr normal“, sagt Waltraud Bajic.
In der Region ist das Lichterhaus mittlerweile zu einem regelrechten Wallfahrtsort für Weihnachtsliebhaber geworden. „Wir kriegen das ja oft gar nicht mit“, sagt Waltraud Bajic. Manchmal sehe man nur Scheinwerfer oder ein Blitzlicht. Für eines der vergangenen Jahre jedoch sind 89 Besucher gesichert überliefert. Jeder Besucher, den die Bajics auf einen Likör, ein Schnäpschen oder einen Kaffee ins Haus baten, musste sich in ein Gästebuch eintragen.
Um zehn Uhr abends ist Schluss mit dem Schauspiel. Die Teelichter sind ausgebrannt. Etwa 2500 Euro investieren die Bajics zwischen dem 1. Dezember und dem 6. Januar in Kerzen, Strom und Neuanschaffungen. Es ist kein ganz billiges Hobby. „Aber wenn wir so anfangen, dann bräuchten wir es gleich gar nicht machen“, sagt Waltraud Bajic. Und solange im Garten nicht nur die Lichterketten leuchteten, sondern auch die Kinderaugen, sei es das auch allemal wert.