Newsticker
EU kauft bis zu 1,8 Milliarden weitere Biontech-Impfdosen
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Mindelheim: Unterwegs mit dem Mindelheimer Tafelbus

Mindelheim
28.10.2019

Unterwegs mit dem Mindelheimer Tafelbus

Mit dem Tafelbus sammeln die beiden Frauen ein, was Supermärkte und Discounter abgeben. Die Lebensmittel werden dann Bedürftigen bei der Tafel zur Verfügung gestellt. Rund 50 Ehrenamtliche engagieren sich bei der Tafel in Mindelheim.
3 Bilder
Mit dem Tafelbus sammeln die beiden Frauen ein, was Supermärkte und Discounter abgeben. Die Lebensmittel werden dann Bedürftigen bei der Tafel zur Verfügung gestellt. Rund 50 Ehrenamtliche engagieren sich bei der Tafel in Mindelheim.

Bei der Mindelheimer Tafel erhalten Bedürftige Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden. Ein Vormittag mit denen, die die Waren einsammeln.

Die Sonne scheint auf den Tafelbus, einen weißen Kombi mit dem Aufdruck „Die Tafel-Idee: Jeder gibt, was er kann“. Die Buchstaben sind orange hinterlegt, daneben prangt ein Bild von einem leeren Teller – und das, obwohl die Tafel ja dafür sorgen soll, dass die Teller voll werden.

Mit dem mit Kühlanlage ausgestattetem Fahrzeug werden zwei Ehrenamtliche in der kommenden Stunde unterwegs sein, um Lebensmittel abzuholen, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum stehen – und in den meisten Geschäften wohl deswegen im Müll landen würden. Bei der Tafel dagegen erhalten Bedürftige die Lebensmittel jede Woche zu günstigen Konditionen. Ein Einkauf kostet 1,50 Euro.

50 Ehrenamtliche helfen bei der Mindelheimer Tafel mit

Die Mindelheimer Tafel ist ein Angebot des Caritasverbandes Memmingen-Unterallgäu, koordiniert wird sie von Ursula Richinger. Neben der hauptamtlichen Leiterin engagieren sich hier rund 50 Ehrenamtliche. Zwei von ihnen sitzen nun in dem weißen Kombi: Helga Würstle aus Immelstetten und Gisela Dießenbacher aus Apfeltrach. Die Immelstetterin fährt seit 2013 jede Woche den Tafelbus, Rentnerin Gisela Dießenbacher ist seit etwa drei bis vier Jahren alle zwei Wochen dabei. Zusätzlich engagiert sie sich im Kleiderladen Klamotte. Die beiden Frauen sind ein eingespieltes Team. „Wir mögen uns gerne“, sagt die Frau aus Apfeltrach und ergänzt dann lachend: „Das stimmt doch Helga, oder? Ich rede da nicht nur für mich!“ Die Immelstetterin nickt bekräftigend: „Natürlich nicht.“

Von daheim für einen Moment wegkommen, andere Leute sehen, andere Dinge hören. Das mag Gisela Dießenbacher an der Tafelarbeit am liebsten. Außerdem gebe es dort immer Action. „Und die brauche ich!“ Helga Würstles Hauptmotivation liegt darin, Leuten zu helfen, die es nicht so gut hätten wie sie. „Wenn es an der Nahrung fehlt, ist das schon schlimm.“ Hungern müsste zwar in Deutschland durch das Sozialsystem kaum jemand. Dennoch sei die Tafel, vor allem für Familien mit wenig Geld eine echte Hilfe, zumal das durch einen günstigen Tafeleinkauf gesparte Geld für andere Dinge verwendet werden könne. „Ob Klassenfahrten, eine benötigte neue Jeans oder ein Handy – all diese Dinge kosten viel Geld. Geld, das Viele ohne die Tafel wohl oft nicht hätten.“

Mehr als 900 Euro darf eine Einzelperson nicht verdienen

Nicht jeder kann hier Kunde werden. Nur Menschen, die wirklich bedürftig sind, bekommen Einlass. Bei einer Prüfung müssen sie ihr gesamtes Einkommen offenlegen, jedes Jahr aufs Neue. Eine Einzelperson darf nicht mehr als 900 Euro verdienen, um einen Platz bei der Tafel zu bekommen. Die Einkommensgrenze für Ehepaare liegt bei 1200 Euro. Pro Kind sind weitere 200 Euro erlaubt.

Der erste Zwischenstopp ist der Biohof Scharnagl in Ettringen. „Die geben eigentlich jede Woche was. Schon seit ich bei der Tafel bin, vermutlich sogar noch länger. Sehr liebe, hilfsbereite Leute“, erklärt Gisela Dießenbacher. Eine junge Frau mit braunen Haaren begrüßt den Tafel-Trupp lächelnd. „Hinten müsste schon was vorbereitet sein.“ Tatsächlich steht dort eine große Kiste, gefüllt mit Bohnen, Karotten und einigen Tomaten. Kaum ist sie im Bus verstaut, geht es auch schon weiter zur nächsten Station.

Was sie bekommen, ist jedes Mal eine Überraschung: „Wir hatten schon Tage, an denen der ganze Wagen so vollgestopft war, wie man es sich nicht vorstellen kann“, sagt Helga Würstle. Selten gebe es auch Tage, an denen sie mit sehr wenig Lebensmitteln zurückgekehrt seien: Das sei aber der Ausnahmefall. Wie viel von welcher Lebensmittelgruppe da ist, sei vom Tag abhängig. „Einmal haben wir unglaublich viele Süßigkeiten vom Skyline Park bekommen. Da erinner’ ich mich noch gut dran“, erzählt Helga Würstle.

Im Lidl-Markt in Türkheim gehen die beiden Frauen an diesem Tag leer aus

Gesprächsthemen finden die beiden Frauen immer, heute geht es um den Enkel und den Garten.„Wir reden über alles, was das Leben so hergibt. Das tut gut“, meint Rentnerin Gisela. Der nächste Stopp steht an: der Türkheimer V-Markt. Helga Würstle betritt den Laden und läuft zielstrebig zur Kühlzelle. Dort steht ein von oben bis unten mit Kisten gefüllter Palettenwagen. „Würden wir die nicht abholen, lägen sie wohl bereits im Müll. Was für eine Lebensmittelverschwendung in unserem Land stattfindet, ist eigentlich wirklich absurd“, kommentiert sie. Eine Studie des World Wildlife Funds (WWF) hat ergeben, dass in Deutschland pro Sekunde rund 313 Kilo Lebensmittel im Müll versenkt werden. Der Anteil der Privathaushalte an dieser Zahl ist nicht unerheblich, er liegt bei über 61 Prozent.

Die Fahrt geht weiter, schon bald erreicht der Kleinbus seine letzte Station: den Lidl-Markt in Türkheim. Einige Mitarbeiter haben gerade Pause, als Gisela Dießenbacher den Laden betritt. Eine von ihnen zuckt entschuldigend mit den Schultern: „Tut mir leid, heute haben wir nichts mehr für euch. Gestern war schon die Bad Wörishofer Tafel da, die haben die Ware bekommen.“ Dass keine Ware da sei, komme selten vor, aber es passiere. Gisela Dießenbacher steigt ohne Kisten in der Hand wieder in den Wagen. „Satz mit X...“, beginnt sie mit der Beschreibung der Ausbeute und Helga Würstle fällt mit ein: „... das war wohl nix“.

Zum Abschluss gibt es Kaffee und Kuchen für die Tafel-Helfer

Die beiden machen sich auf den Rückweg und biegen nach kurzer Zeit wieder in den Hof vor dem Tafelladen ein. Ihre Arbeit ist damit noch lange nicht beendet. Zunächst müssen sie nämlich die gesammelten Kisten in den Laden schleppen. Danach steht das Einräumen der Waren, die gekühlt werden müssen, an. Am Nachmittag ziehen dann weitere Ehrenamtliche los und klappern die Mindelheimer Läden ab. Der Tafelbus wird nachmittags zweimal gefüllt, einmal mit Ware aus Supermärkten, einmal mit Backwaren. Bis alle Lebensmittel fertig einsortiert worden sind,dauert es oft bis nach 18 Uhr.

Am folgenden Donnerstag von 14 bis 16 Uhr erfolgt dann die Warenausgabe, an der rund sechs Ehrenamtliche beteiligt sind. Danach gibt es Kaffee und Kuchen für die Ehrenamtlichen. „Das ist immer der krönende Abschluss. Da erfährt man wirklich alles, was es in Mindelheim und Umgebung so Neues gibt“, erklärt Gisela Dießenbacher grinsend. Im Anschluss daran muss aufgeräumt werden. Übrige Kartons zum Wertstoffhof bringen, Kisten zurück in die Geschäfte fahren ... Danach ist erst einmal nichts mehr zu tun – zumindest nicht bis zur nächsten Woche. Dann dreht der weiße Kombi mit Helga Würstle am Steuer wieder seine Runden.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren