Als die Schüler des Berufsgrundschuljahrs Landwirtschaft an einem Montagmorgen im vergangenen November in ihr Klassenzimmer kommen, bleiben zwei Plätze leer. Manche wissen bereits, dass die beiden Klassenkameraden nie mehr zurückkommen werden, andere erfahren erst jetzt von dem schrecklichen Autounfall, der sich am Wochenende zuvor zwischen Markt Rettenbach und Eutenhausen ereignet und insgesamt vier junge Männer das Leben gekostet hat.
Nur wenige Wochen später an Silvester kommen ebenfalls bei einem Autounfall auf der A7 bei Grönenbach drei Schülerinnen ums Leben, die die Außenstelle der Berufsschule in Memmingen besucht haben und nun hat das Schicksal erneut zugeschlagen: Der 16-Jährige, der vergangene Woche bei einem Unfall auf der Autobahn zwischen Mindelheim und Bad Wörishofen getötet wurde, war ebenfalls ein Schüler der Mindelheimer Berufsschule. Er war ein Freund der beiden jungen Männer, die im November gestorben sind und ging in die gleiche Klasse wie sie.
Ein Fundament, um mit dem Verlust fertig zu werden
Klassenleiter Reinhold Harbich ist anzumerken, dass ihn das alles nicht kalt lässt. "Klar schockt einen das und man denkt sich: ,Nicht schon wieder. Das kann doch gar nicht sein.‘ Man sieht die Schüler immer noch so vor sich sitzen." In den mehr als 30 Jahren, die er unterrichtet, hat er noch nie drei Schüler innerhalb eines Schuljahrs auf so schreckliche Weise verloren. Denn auch wenn bei insgesamt rund 2400 Schülern an den drei Berufsschulstandorten Todesfälle leider dazugehören, ist die jetzige Häufung außergewöhnlich – und sowohl für die Lehrer als auch die Mitschüler sehr belastend.
Deshalb kam an diesem Morgen im November auch nicht Klassenleiter Reinhold Harbich als Erster zu den geschockten Schülern ins Klassenzimmer, sondern ihr Religionslehrer Jürgen Weber. Er ist ausgebildeter Krisenseelsorger und bemüht sich darum, den Schülern Trauer zu ermöglichen und sie trotzdem wieder in den Alltag zu überführen. "Es muss ja wieder weitergehen", sagt er und erklärt, dass die Zeit zwischen der Todesnachricht und der Beerdigung "Schleusenzeit" genannt wird: In dieser Zeit werde das Fundament gelegt, um den Verlust später verarbeiten und mit der Trauer fertig werden zu können.
In der Mindelheimer Schule gibt es dafür wie in den Außenstellen in Memmingen und Bad Wörishofen einen Notfallkoffer. Der schwarze Trolley im Handgepäcksformat enthält Taschentücher, ein Kreuz, Kerzen, eine CD mit Liedern, ein Buch mit Gedanken zum Tod, einen Bilderrahmen, ein Kondolenzbuch, Tücher, Stifte und Briefpapier. Darauf können die Schüler ihre Gedanken notieren oder auch ein Gebet. Im Pausenhof der Schule werden die Briefe dann verbrannt: Gedanken, Wünsche und Gebete steigen symbolisch mit dem Rauch in den Himmel.
"Wie kann Gott das zulassen?"
Manchen Schülern hilft das. Andere ziehen sich zurück oder suchen das Gespräch mit dem Seelsorger oder einem seiner vier Kollegen vom Krisenteam. Darin versuchen sie, ihre Trauer in Worte zu fassen und sie sich ein Stück weit von der Seele zu reden. Oft, so Weber, geht es um Dinge, die offengeblieben sind. Ein Streit vom Vortrag zum Beispiel, bei dem es nicht mehr zur Versöhnung kam. Hat sich ein Mitschüler das Leben genommen, kommen Schuldfragen hinzu: "War ich ein schlechter Freund?", "Hätte ich etwas merken müssen?", "Hätte ich irgendwie helfen können?" Und nicht selten fragen die Schüler auch: "Wie kann Gott das zulassen?"
An normalen Unterricht ist frühestens nach drei bis vier Tagen zu denken, doch tief betroffen sind die Schüler sehr viel länger. "Die sind am Boden zerstört", sagt Reinhold Harbich. Einer seiner Schüler hat innerhalb weniger Monate drei seiner besten Freunde verloren, das steckt man nicht einfach so weg.
Die Plätze im Klassenzimmer sind in all den Monaten leer geblieben. Doch auf den Tisch davor haben die Schüler Bilder ihrer verstorbenen Klassenkameraden gestellt und Erinnerungsstücke: eine kleine Marienstatue, aber auch einen Spielzeugtraktor und eine Flasche Kakao. Die drei jungen Männer sind nicht mehr da, aber sie gehören weiter dazu.