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Mindelheimer Hütte: Gruppe war an Silvester 1979 zehn Tage lang eingeschneit

Erisried/Oberstdorf

Kein Ausweg im Schnee: Die längste Silvesterfeier Deutschlands schrieb Geschichte

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    Zehn Tage lang eingeschneit: Am Ende wurde die Gruppe mit dem Hubschrauber von der Mindelheimer Hütte ausgeflogen.
    Zehn Tage lang eingeschneit: Am Ende wurde die Gruppe mit dem Hubschrauber von der Mindelheimer Hütte ausgeflogen. Foto: Rudi Engel

    Funk statt Feuerwerk, Tee statt Tabak, Schneeschippen statt Silvesterparty. Als eine Gruppe Unterallgäuer vor 46 Jahren ihre Silvesterfeier auf der Mindelheimer Hütte plant, ahnt sie noch nicht, dass der Jahreswechsel keineswegs ein idyllischer Bergaufenthalt wird.

    Eigentlich wollten zwölf Männer und fünf Frauen damals Silvester in den Allgäuer Alpen genießen. In drei Gruppen stiegen die Unterallgäuer an verschiedenen Tagen auf die Mindelheimer Hütte, die auf 2058 Metern nahe Oberstdorf liegt. Die Ersten machten sich bereits am zweiten Weihnachtsfeiertag auf den Weg, darunter auch der 22-jährige Rudi Engel. Was er da noch nicht weiß: Sie werden zehn Tage oben verbringen, eingeschneit. Der gemütlich geplante Jahreswechsel wird als „längste Silvesterfeier Deutschlands“ Schlagzeilen machen.

    Auf der Mindelheimer Hütte eingeschneit: „Ab Silvester war der Spaß vorbei“

    Heute ist der Erisrieder ist 68 Jahre alt, an diese Tage um Silvester vor 46 Jahren erinnert er sich noch gut: „Ab dem 28. Dezember waren dann alle auf der Hütte“, erzählt er und zeigt auf ein Foto, auf dem zwei Skifahrer eine Tiefschnee-Piste herunterfahren: „Da hatten wir noch Spaß.“ Zwei Tage später sollte klar werden: Damit ist jetzt erst einmal Schluss: „Am 30. Dezember begann es mit dem extrem starken Schneefall“, sagt Engel. Und es hörte nicht auf zu schneien. „Ab Silvester war der Spaß vorbei.“

    Trotzdem versuchte die Gruppe noch am Silvestertag abzusteigen – vergeblich: „Auf dem natürlichen Weg herunterzukommen, war nicht mehr möglich.“ Nicht nur, weil man sich durch den Schnee pflügen musste, sondern vor allem wegen der Lawinengefahr, betont Engel. Für den Abstieg hätten die Bergsportler teils steile Hänge queren müssen, viel zu gefährlich. Manchmal konnten sie sogar das Grollen der abgehenden Lawinen in der Nähe hören, steht 1980 in einem Bericht unserer Zeitung.

    „Wir hätten bald nichts mehr zu essen gehabt“

    Dass sie zehn Tage auf der Mindelheimer Hütte ausharren müssen, sei da noch nicht absehbar gewesen, erinnert sich Engel. Doch als es weiter schneite, war laut dem Erisrieder zumindest klar, „dass wir uns auf einen längeren Zeitraum einstellen mussten“. Das Essen, das alle mitgebracht hatten, wurde auf den Tisch gestellt und rationiert, zusätzlich musste die Gruppe an die Vorräte gehen, die dauerhaft auf der Hütte gelagert waren: „Das waren hauptsächlich Konserven, Nudeln und Kraut.“

    Die Gruppe, die auf der Mindelheimer Hütte eingeschneit war, am Tag der Bergung, die laut unserer Zeitung etwa eine Stunde dauerte.
    Die Gruppe, die auf der Mindelheimer Hütte eingeschneit war, am Tag der Bergung, die laut unserer Zeitung etwa eine Stunde dauerte. Foto: Rudi Engel

    Wer heute die Mindelheimer Hütte besucht, kann mit etwas Glück und dem richtigen Anbieter am kleinen Kreuz, das der Hütte vorgelagert ist, zumindest ein, zwei Balken auf dem Handy-Display sehen. Für eine schnelle SMS reicht‘s. Ende 1979 undenkbar, das erste Handy sollte erst zwölf Jahre später auf den deutschen Markt kommen. „Wir hatten keinen Kontakt zur Außenwelt“, erzählt Rudi Engel. Zumindest am Anfang. Denn in der Mindelheimer Hütte gab es CB-Funk: „Es war aber eine größere Aktion, das in Gang zu setzen – wir hatten ja keinen Strom auf der Hütte.“

    Zwei bis drei Tage brauchte die Gruppe, so erzählt es Engel, damit das Funkgerät mithilfe des tragbaren Notstromaggregats funktionierte. „Und dann hat‘s nochmal zwei Tage gedauert, bis uns jemand gehört hat.“ Im Rappenalptal, in dem die Mindelheimer Hütte liegt, befindet man sich nahezu am südlichsten Punkt Deutschlands, einem abgelegenen Talkessel.

    Mehr oder weniger erkennbar: der Eingang zum Winterraum der Mindelheimer Hütte.
    Mehr oder weniger erkennbar: der Eingang zum Winterraum der Mindelheimer Hütte. Foto: Rudi Engel

    Irgendwann hatte die Gruppe Glück: Ein Campingplatz-Besitzer aus Sonthofen hört die Funksprüche und stellt den Kontakt zum Berghaus Schwaben nahe Bolsterlang her. Die dortige Wirtin setzt sich wiederum mit der Sektion in Mindelheim in Verbindung. „Wir haben dann zwei feste Zeitpunkte am Tag ausgemacht, an denen wir funken“, erinnert sich Engel.

    „Wir haben Schnee für Trinkwasser abgekocht“

    Klar war: Eine Rettung ist nur mit Hubschrauber möglich. Doch die Wetterberichte, die die Wirtin der Gruppe durchgab, machten die Hoffnungen auf eine schnelle Rückkehr ins Tal zunichte. Zu viel Schnee. Die Wirtin bekommt deshalb von der Gruppe den Spitznamen „Frau Holle“, so steht es in alten Zeitungsberichten. Das Fliegen sei zu riskant gewesen, erklärt Engel, räumt aber ein: „Wäre jemand krank geworden oder hätte es einen Notfall gegeben, wäre der Hubschrauber wahrscheinlich schon gekommen.“

    17 Menschen mussten also in dem kleinen Winterraum ausharren, „der war nicht viel größer als hier herinnen“, sagt Engel und zeigt auf sein Büro, in dem er die Geschichte erzählt. Zehn Tage auf 15 Quadratmetern, das schreit ja nach einem Lagerkoller? Doch Engel zufolge hielt dieser sich in Grenzen – auch, weil die Gruppe gut beschäftigt war: „Wir haben immer abends den nächsten Tag geplant und langweilig ist da keinem geworden.“ Denn es gab einige Aufgaben zu erledigen: „Eine Gruppe hat Schnee für Trinkwasser abgekocht, eine hat die Hütte, also die Tür und die Fenster, ausgeschaufelt, eine hat den Hubschrauber-Landeplatz getreten.“ Vor allem die letzten beiden Aufgaben musste die Gruppe mehrmals täglich erledigen: „Es hat ja immer weiter geschneit.“ Und auf dem weichen Neuschnee hätte der Hubschrauber nicht landen können.

    Täglich mussten die Eingeschneiten auf der Mindelheimer Hütte die Tür freischaufeln.
    Täglich mussten die Eingeschneiten auf der Mindelheimer Hütte die Tür freischaufeln. Foto: Rudi Engel

    Doch die Hoffnung, dass es am nächsten Tag klappt, war immer da: „Wir haben uns jeden Morgen fertig angezogen, den Rucksack gepackt, die Hütte winterfest gemacht und dann zwei Stunden gewartet.“ Wenn klar wurde, dass der Hubschrauber nicht kommen konnte, „ging alles wieder von vorne los: ausziehen, heizen ...“, erzählt Engel. „Das war schon etwas zermürbend.“

    Denn es habe doch die ein oder andere Diskussion gegeben, ob man nicht besser absteigt: „Aber am Ende hat die Vernunft gesiegt.“ Generell sei immer klar gewesen: Die Gruppe bleibt zusammen. Hatten sie denn keine Angst? Nein, sagt Engel heute, „es waren ja alle erfahrene Alpinisten“.

    Eingeschlossen auf der Mindelheimer Hütte: Sie rauchten Tee

    Doch bei den Rauchern drohte die Stimmung ein wenig zu kippen, als die Zigaretten ausgingen, erinnert sich der Erisrieder: „Die haben dann Teebeutel geraucht...“ Und weil es keine Blättchen gab, nahmen die Raucher eben Klopapier.

    Ein Punkt, den auch die Medien damals gerne aufgriffen: Engel erinnert sich an „zahlreiche Zeitungsberichte, die Presse ist unten in Oberstdorf auf uns eingestürmt“, sogar die Tagesschau erzählt die Geschichte der 17 eingeschlossenen Bergsportler. Die Münchner Abendzeitung titelte „Das Brot ging im Schnee-Gefängnis schon bald zu Ende – Eingeschlossene rauchten Tee“. Der Autor des Textes: ein gewisser Frank Plasberg, der den Vorfall „Deutschlands längste Silvester-Feier“ nennt.

    In der Münchner Abendzeitung berichtete Frank Plasberg über "Deutschlands längste Silvesterfeier".
    In der Münchner Abendzeitung berichtete Frank Plasberg über "Deutschlands längste Silvesterfeier". Foto: Rudi Engel

    Auch die Illustrierte Quick berichtete auf vier Seiten: „Aber ich glaube, denen war das nicht spektakulär genug“, sagt Engel heute und lacht. „Da hätte wahrscheinlich noch einer einen Blinddarmdurchbruch haben müssen.“

    „Es gab Leute, die das absolut unverständlich fanden“

    Engel erinnert sich, dass es nach den Medienberichten durchaus auch „Leute gab, die das alles absolut unverständlich fanden“. Mit „das“ meint er den Ausflug in das winterliche Rappenalptal. „Aber der extreme Schneefall hat sich nicht abgezeichnet – sonst wären wir nicht gegangen.“ Ein detaillierter Wetterbericht mit Niederschlagsmenge und genauen Zeiten, der auf das Smartphone gepusht wird – Ende der 70er Jahre undenkbar.

    Engel ist sich sicher, dass die Reaktionen auf den Ausflug heute aber noch heftiger ausfallen würden. In Zeiten, in denen jeder im Internet kommentieren kann. „Damals war das entspannt, im Gegensatz zu heute.“ Eine Skitour auf die Mindelheimer Hütte gehörte zum festen Programm der Mindelheimer DAV-Sektion, war Tradition – obwohl das Gebiet nicht zu den beliebtesten für Skitouren zählt. Die Bergwacht Oberstdorf bescheinigte der Gruppe damals laut einem Artikel der Mindelheimer Zeitung „vorbildliches Verhalten“, es sei das einzig Richtige gewesen, auf der Hütte zu bleiben.

    Silvester auf der Mindelheimer Hütte: Der Hubschrauber rettete die Gruppe

    Am 7. Januar 1980 ließ der Schneefall nach. Als sie einen Tag später mit dem Helikopter abgeholt werden, war es laut dem Erisrieder höchste Zeit: „Wir hätten bald nichts mehr zu essen gehabt, es war so ziemlich alles aufgebracht.“

    Rudi Engel hat die "längste Silvesterfeier Deutschlands" liebevoll in einem Ordner dokumentiert.
    Rudi Engel hat die "längste Silvesterfeier Deutschlands" liebevoll in einem Ordner dokumentiert. Foto: Leonie Küthmann

    Fotos zeigen, wie der Hubschrauber nahe der Hütte landet, aber auch die Tage vorher: das Freischaufeln, die Schneemassen, die Mäuse, die Engel in Mausefallen gefangen hat, damit sie nicht noch mehr Kartoffeln essen. Die Aufnahmen sind liebevoll in einen roten Ordner einsortiert, dahinter die ausgeschnittenen Zeitungsberichte. Engels Erinnerungen an Deutschlands längste Silvesterfeier.

    Der Hubschrauber flog am 8. Januar 1980 eine Gruppe Unterallgäuer Bergsportler von der Mindelheimer Hütte aus.
    Der Hubschrauber flog am 8. Januar 1980 eine Gruppe Unterallgäuer Bergsportler von der Mindelheimer Hütte aus. Foto: Rudi Engel

    Als die Gruppe am 8. Januar gerettet wurde, ging es allen 17 Bergsportlern gut, allerdings wartete noch eine Aufgabe auf sie: „Wir mussten im Wildental unter dem ganzen Schnee erst einmal unsere Autos suchen“, erzählt Engel grinsend. „Und freischaufeln.“ Auch davon gibt es, natürlich, ein Foto.

    Nach ihrer aufregenden "Silvesterparty" mussten die Unterallgäuer sogar noch ihre Autos freischaufeln.
    Nach ihrer aufregenden "Silvesterparty" mussten die Unterallgäuer sogar noch ihre Autos freischaufeln. Foto: Rudi Engel
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