Bad Wörishofen ist ohne Sebastian Kneipp kaum zu denken. Der Pfarrer, der hier im 19. Jahrhundert wirkte, machte den Ort zur Wiege einer Gesundheitslehre, die bis heute weit über das Allgäu hinaus bekannt ist. Viele verbinden Kneipp vor allem mit kaltem Wasser, Wassertreten und Güssen. Doch seine Idee war von Anfang an größer: Es ging ihm um eine Lebensweise, die den Menschen als Ganzes betrachtet – Körper, Geist und Seele. Der Leiter der Sebastian-Kneipp-Schule hält Kneipps Lehre in der heutigen Zeit für „wichtiger denn je“. Das untermauert auch ein aktuelles Forschungsprojekt zur Frauengesundheit.
2015 wurde „Kneippen – traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ein Hinweis darauf, dass es sich nicht nur um historische Kurfolklore handelt, sondern um ein lebendiges Gesundheitswissen, das weitergegeben, angewendet und fortentwickelt wird. In Bad Wörishofen geschieht das unter anderem an der Sebastian-Kneipp-Schule, einer staatlich anerkannten Berufsfachschule für Massage und Physiotherapie. Ihr Schulleiter Michael Dodel (42), sieht in der Kneipp-Lehre nicht bloß ein Erbe, sondern eine Aufgabe für die Gegenwart.
„Wir sehen Kneipp nicht nur als Namensgeber, sondern auch als ideelle Verpflichtung, Gesundheit in einer anderen Art und Weise abzubilden, wie es vielleicht häufig gesehen wird“, sagt Dodel. Gerade angesichts steigender Gesundheitskosten und neuer Debatten über Einsparungen im Gesundheitssystem sei Prävention wichtiger denn je. Für Dodel ist Kneipp deshalb „ein absolut notwendiges Mittel“, um über Gesunderhaltung statt nur über Reparaturmedizin zu sprechen.
So funktionieren die fünf Säulen Kneipps – eigentlich ganz einfach
Die klassische Kneipp-Lehre beruht auf fünf Elementen: Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Lebensordnung. Gemeinsam sollen sie dazu beitragen, die eigenen Widerstandskräfte zu stärken und Krankheiten vorzubeugen.
Die Wassersäule ist die bekannteste. Dazu gehören Wassertreten, Güsse, Waschungen, Bäder und Wickel. Über gezielte thermische Reize kann beispielsweise das vegetative Nervensystem beeinflusst werden.
Die Bewegungssäule meint regelmäßige körperliche Aktivität, angepasst an die eigenen Möglichkeiten. Bei Kneipp geht es nicht um Leistungssport, sondern um Bewegung als selbstverständlichen Teil des Alltags.
Die Ernährungssäule setzt auf Maß, Ausgewogenheit und Natürlichkeit. Auch hier war Kneipp kein strenger Asket. Dodel verweist darauf, dass Genuss durchaus dazugehört: Entscheidend sei nicht nur, was man isst, sondern auch wie – ob in Ruhe, in Gemeinschaft und ohne Stress.
Die Heilpflanzensäule knüpft an traditionelles Wissen über Kräuter, Tinkturen und natürliche Anwendungen an. Sie ergänzt, ersetzt aber nicht automatisch moderne Medizin.
Die Lebensordnung schließlich ist vielleicht die am schwersten zu greifende Säule – und zugleich die modernste. Sie umfasst Rhythmus, Resilienz, Stressbewältigung, soziale Beziehungen, Sinnfragen und einen bewussten Umgang mit dem eigenen Körper. Für Dodel ist sie der Punkt, an dem die anderen Elemente zusammenfinden.
Eine Säule Kneipps trifft genau den Nerv der Zeit: Resilienz und Rhythmus
An der Sebastian-Kneipp-Schule, einer staatlich anerkannten Berufsfachschule, wird dieses Wissen nicht museal bewahrt, sondern beruflich vermittelt. Ausgebildet wird dort in Massage und medizinischem Bademeistertum sowie in Physiotherapie. Die Kneipp-Akademie hingegen bietet Fort- und Weiterbildungen an, etwa für Menschen, die in Kitas, Schulen oder Senioreneinrichtungen Gesundheitsförderung stärker verankern wollen.
Der Begriff „Bademeister“ führt dabei für so manchen Fachfremden leicht in die Irre. Gemeint ist nicht der Aufseher am Beckenrand, sondern ein medizinisch ausgebildeter Fachmann oder eine Fachfrau für physikalische Therapie, Hydrotherapie und Anwendungen nach Kneipp. „Im Bereich der Hydrotherapie hat der Bademeister die Aufgabe, die nach Sebastian Kneipp traditionell überlieferten Anwendungen fachgerecht durchzuführen und die entsprechenden Techniken anschaulich darzustellen. Dazu gehören insbesondere verschiedene Wasseranwendungen wie Güsse, Waschungen, Bäder und Wickel, die korrekt vorbereitet, angewendet und überwacht werden müssen. Ziel ist es, die gesundheitsfördernde Wirkung der kneippschen Therapie sicher und wirkungsvoll umzusetzen“, sagt Dodel. Einen guten Wickel anzulegen, sei viel anspruchsvoller, als viele denken: Tücher müssten so gefaltet und platziert werden, dass keine Druckstellen, Lufteinschlüsse oder unerwünschten Nebeneffekte entstehen. „Es ist eine Kunst“, sagt Dodel.
„Es ist eine Kunst“, sagt der Kneipp-Experte aus Bad Wörishofen
Gerade dieses Festhalten an der genauen Technik hält er für wichtig. Zwar könne man meinen, man müsse alte Anwendungen einfach modernisieren. Doch Dodel warnt vor einem Verlust von Wissen: „Wenn man von der Durchführung im Original abrückt, kann das Verlust von etabliertem Wissen und damit nachgewiesenen Erfolgen bedeuten.“ Die Herausforderung bestehe darin, traditionelles Heilen mit den Fragen der Gegenwart zu verbinden.
Für Dodel liegt der Kern der Kneipp-Lehre in der Gesunderhaltung. Er spricht von Salutogenese – also davon, was Gesundheit entstehen und bestehen lässt. Die moderne Medizin sei oft stark darauf ausgerichtet, Krankheiten zu behandeln, wenn sie bereits da sind. Kneipp setze früher an.
Mit Kneipp verhindern, dass Reha überhaupt nötig wird
„Viele Menschen suchten erst Hilfe, wenn etwas nicht mehr funktioniere. Dann gehe es um Reparatur, um Medikamente, um Rehabilitation“, sagt der Kneipp-Schulleiter. Das sei wichtig und in vielen Fällen unverzichtbar. Doch es reiche nicht aus. „Wir müssen handeln, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist – aus voller Verantwortung für die Gesellschaft.“
Deshalb sieht Dodel großes Potenzial in Kitas und Schulen. Der Kneipp-Bund hat deutschlandweit mittlerweile hunderte Kindertageseinrichtungen zertifiziert. Dort lernen schon Kinder, dass Gesundheit mehr bedeutet als Nicht-Kranksein: Bewegung, Ernährung, Naturerfahrung, Wasseranwendungen und Achtsamkeit werden in den Alltag integriert. Diese konzeptionelle Gestaltung des Kitaalltags kann immununterstützend wirken und zur Reduktion krankheitsbedingter Fehltage beitragen.
Longevity, Biohacking, Wellness – ist das alles auch Kneipp?
Muss Kneipp dafür mit Trends wie Longevity, Biohacking oder Wellness neu etikettiert werden? Dodel ist vorsichtig. „Ich glaube, dass man jeden Gesundheitstrend untersuchen muss, ob er der Idee dienlich ist oder nicht“, sagt er. Kneipp brauche Profil – und Profil bedeute nicht, jedem Trend hinterherzulaufen. Vor diesem Hintergrund widmet sich ein derzeit in Planung befindliches Forschungsvorhaben prämenopausalen und menopausalen Beschwerdebildern im Kontext der Kneippschen Heilkunde.
Im Fokus steht dabei weniger die Reaktion auf kurzfristige Entwicklungen im Gesundheitsdiskurs als vielmehr die Untersuchung gegenwärtiger Überzeugungen, Erfahrungen und Haltungen im Umgang mit weiblicher Gesundheit. Erforscht werden sollen die potenziellen Effekte eines kompakten Kursettings auf physische und psychosoziale Beschwerden während der Prämenopause und Menopause. Ziel der Studie ist es, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Einordnung komplementärmedizinischer Ansätze im Bereich der Frauengesundheit zu leisten. Mutige Ansätze wie dieser zeigen, wie fast 200 Jahre altes Gesundheitswissen in eine moderne Gesellschaft passt.
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