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Die turbulente Geschichte einer 114 Jahre alten Villa in Bad Wörishofen

Bad Wörishofen

Von Adelspleite zum Familiendomizil: Die turbulente Geschichte einer 114 Jahre alten Villa

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    Das im Jahre 1912 von August Seemüller erbaute Haus an der Kaufbeurer Straße ist auch heute noch ein Schmuckstück der Stadt und wird jetzt von den Familien Stammel und Barth bewohnt. Helga und Robert Stammel, sowie Tochter Ute erhalten das Erbe in der fünften Generation.
    Das im Jahre 1912 von August Seemüller erbaute Haus an der Kaufbeurer Straße ist auch heute noch ein Schmuckstück der Stadt und wird jetzt von den Familien Stammel und Barth bewohnt. Helga und Robert Stammel, sowie Tochter Ute erhalten das Erbe in der fünften Generation. Foto: Helmut Bader

    Ein besonders schönes Exemplar eines gut erhaltenen alten Wohnhauses ist das in der Kaufbeurer Straße nördlich des kleinen Parks. Es geht zurück bis in das Jahr 1912, ist heute noch ein echtes Schmuckstück und umfasst somit einen Zeitraum von stolzen 114 Jahren. Bewohnt und gepflegt wird es jetzt von der Familie Stammel und deren nächster Generation Ute und Ralf Barth mit deren Kindern. Klar, dass es da viel zu erzählen gibt.

    Sie gehören ursprünglich der Familie Seemüller an und sind die fünfte Generation, die darin lebt. Deshalb können sie über die lange Historie des Hauses bestens Auskunft geben und tun das gerne.

    Aufregend, so wissen sie zu erzählen, gestaltete sich dabei schon der Baubeginn. Baumeister August Seemüller aus Schlingen hatte beschlossen, auf seiner Wiese entlang der Straße nach Schlingen, wie sie damals hieß, mehrere Villen zu bauen und zu verkaufen. Ein ungarischer Adeliger, der durch Pfarrer Kneipp nach Wörishofen, damals noch nicht „Bad“, gekommen war, fand daran Gefallen und sagte zu, eine Villa nach der Fertigstellung zu kaufen. Wie auf einem Luftbild zu sehen ist, stand in weitem Umkreis östlich der Hochstraße noch kein einziges weiteres Gebäude.

    August Seemüller vom danach namhaften Baugeschäft machte sich also an die Arbeit und reichte im Oktober 1912 den Plan ein. Doch die Mühlen der noch königlich-bayerischen Behörden mahlten langsam. August Seemüller ging dies offensichtlich nicht schnell genug, und er begann, am 5. November zu bauen, obwohl die Genehmigung noch nicht vorlag. Dies kostete ihn immerhin zehn Goldmark Strafe, wahlweise hätte er auch für zwei Tage ins Gefängnis gehen können. Aber das Haus wurde dennoch gebaut und sollte für 50.000 Goldmark an den Auftraggeber übergehen. Doch der Adelige hatte sein Geld in Kriegsanleihen angelegt und durch den 1. Weltkrieg alles verloren. Somit kam der Kauf nicht zustande, und das herrschaftliche Haus blieb im Besitz der Familie Seemüller. Der Adelige hat es nie betreten. Zwischen den beiden Weltkriegen wohnte ein Bankdirektor zur Miete in dem Haus.

    Villa in Bad Wörishofen dient zeitweise als Büro und Mietobjekt

    Bis 1960 war August Seemüller selbst der Eigentümer der Villa, ehe sie seine Tochter Cilly erbte, die selbst jedoch nie drin wohnte. Es wurde zu Beginn zeitweise als Büro der Firma benutzt, deren großes Lager für Baumaterialien daneben entstanden war. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße befand sich noch die große Kiesgrube, an die sich Ältere vielleicht noch erinnern. Weil sich diese Fläche nicht als Baugrund eignete, wurde von der Stadt der kleine Park angelegt, in den seit einigen Jahren der Verkehrsgarten, von Hans Kania gestiftet, integriert ist. Da das Haus drei Stockwerke besitzt, wurde es gerne auch weiterhin als Mietobjekt genutzt. Es war ja edel ausgestattet, hatte im ersten und zweiten Stock bereits ein Bad und war solide gebaut worden.

    Auf dem Luftbild ist zu sehen, dass das Haus damals noch das Einzige im weiten Umkreis war.
    Auf dem Luftbild ist zu sehen, dass das Haus damals noch das Einzige im weiten Umkreis war. Foto: Sammlung Stammel

    1966 schließlich zog im ersten Stock Zimmerermeister Robert Stammel mit seiner Familie ein. Auch er gehört verwandtschaftlich der Familie Seemüller an, erlernte noch bei August Seemüller das Zimmererhandwerk und baute mit der bekannten Firma Stammel sein eigenes Unternehmen auf. Als dieses den Betrieb jedoch ins Gewerbegebiet verlegte, zog die Familie 1973 dorthin zur Firma. Sie erinnern sich jedoch noch gut daran, dass das große Haus nach dem Krieg beschlagnahmt worden war und neben den Mietern etliche Geflüchtete einquartiert wurden. Zu den Mietern gehörten die Familien des Schneiders Viktor Leinich, die Familie von Florian Filser und für lange Jahre, bis über die Jahrtausendwende hinaus, die Familie von Wendelin Riedmüller. Seine Frau blieb auch nach dem Tod des Mannes dort wohnen und lebte somit fast 50 Jahre darin.

    So sah die Villa früher aus und man sieht, dass es sich bis heute außen kaum verändert hat.
    So sah die Villa früher aus und man sieht, dass es sich bis heute außen kaum verändert hat. Foto: Sammlung Stammel

    Im Jahre 1993 ging das Haus dann auch in den Besitz von Robert Stammel über. Es verfügt noch heute über eine stabile Bausubstanz. Immerhin besaß es von Anfang an eine zentrale Dampfheizung, deren Wärme über Leitungen in die Wohnräume gelangte. Die Heizkörper waren aus Gusseisen und es besitzt vier Kamine. Bis in die 90er-Jahre blieb diese Heizung erhalten, ehe das Haus mit einem Gasanschluss versehen wurde. Die Kamine konnten bei der Elektrifizierung sogar als Leitungsrohre dienen. Erhalten wurde das kleine Schlösschen, das auch innen über eine recht edle Ausstattung verfügt, weil es Besitzer gab, die Wert auf den Erhalt älterer Bausubstanz in der Stadt legten und legen.

    Ute Stammel und ihre Familie leben seit 1995 im ersten Stock

    So wurden von Robert Stammel und seiner Familie in den Jahren 1993/94 zwar Umbauten und Renovierungen beim baufälligen Dach und im obersten Stockwerk vorgenommen, aber ansonsten das Erscheinungsbild mit den Türmchen, Fenstern und Erkern erhalten. Anfang der 2000er-Jahre sanierte Robert Stammel schließlich auch das erste Obergeschoss. 2015 erfolgte noch die Verlegung des Einganges auf die Westseite und die Renovierung des Erdgeschosses.

    1995 zog schließlich Tochter Ute Stammel mit ihrem Mann Ralf Barth in das herrschaftliche Haus ein und wohnen jetzt im ersten Stock. 2019 kehrten dann auch Robert und Helga Stammel wieder in ihr eigenes Gebäude zurück und nutzen es nun als ihr Ruhestanddomizil.

    Wie alle Vier im Gespräch betonten, fühlen sie sich dort ausgesprochen wohl und pflegen das Erbe in der inzwischen fünften Generation.

    Zu dieser Serie

    Es gibt in Bad Wörishofen nicht mehr allzu viele Wohnhäuser, die den Zweiten Weltkrieg und den Bauboom danach überdauert haben. Dabei gab es in noch früherer Zeit, etwa am Ende des 19. Jahrhunderts und in den Jahren nach dem Übergang ins nächste Jahrhundert, sogar herrliche Villen. Pfarrer Sebastian Kneipp hatte viele wohlhabende Menschen, unter ihnen auch etliche aus der österreichisch-ungarischen Monarchie angezogen, die hier bauten und herzogen. Die wenigen Wohnhäuser, die auf eine etwa hundertjährige Geschichte zurückblicken können, sind rar. Wir stellen sie und ihre Bewohner in einer Serie vor.

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