An der Karte, die zwischen der üblichen Post im Briefkasten lag, kommt Gunther Knispel und seiner Frau Karin von Anfang an etwas merkwürdig vor. Die Vorderseite zeigt einen Strand auf Kreta, auf der Rückseite senden „Björn und Lilli“ Grüße. „Irgendwas stimmt da nicht“, denkt sich der 67-Jährige. Das Papier wirkt verfärbt, ist verbeult und an einer Ecke geknickt. Außerdem ist es Knispel neu, dass sein Neffe in Griechenland ist – und wer ist überhaupt „Lilli“? Es stellt sich heraus: Könnte die Karte sprechen, sie hätte wohl von mehr zu erzählen als einem Urlaub in der Sonne. Offenbar hat sie eine ganze Odyssee hinter sich.
„Bist du grade in Griechenland?“, fragt Knispel, als er sich bei seinem Neffen meldet – möglich wäre es, da dieser mit einer Griechin verheiratet ist. Doch sein Neffe plant mit der Familie erst im Sommer eine Reise dorthin. Obendrein muss auch er bei der Frage nach „Lilli“ zunächst passen. Dafür dämmert es Gunther Knispel: Björns frühere Freundin Silvia, mit der sich Knispiel und seine Frau bis heute gut verstehen, wurde von manchen auch „Lilli“ genannt. Allerdings liegt die Beziehung viele Jahre zurück.
Tatsächlich kann sich die Bekannte, die inzwischen in Westfalen lebt, erinnern. Von ihr stammen die Zeilen, geschrieben hatte „Lilli“ sie aber vor mehr als 20 Jahren. Die Knispels greifen zur Lupe. Und wirklich: Auf die Briefmarke ist links unten die Jahreszahl 2002 aufgedruckt und das Porto für die Karte betrug damals noch 60 Cent.
Offenbar hat die Karte eine 24-jährige Irrfahrt hinter sich. „Ich find das echt den Hammer“, schreibt Silvia alias „Lilli“ per Whatsapp, gefolgt von Lachsmileys. „Aber sie ist angekommen. Auf die Post ist Verlass“, sagt Gunther Knispel und lacht. Der 67-Jährige, der im Land Brandenburg aufgewachsen ist, in Berlin gelebt hat und den alle als „Icke“ kennen, war jahrzehntelang als Lkw-Fahrer in aller Welt unterwegs. Für eine gute Geschichte ist er stets zu haben. Als er Bekannten die Begebenheit erzählt, sorgt die Story „Icke hat Post“ überall für Staunen.
Für eine Erklärung zum Schicksal der Karte müsste auch Jasmin Derflinger, Pressesprecherin bei der DHL Group, wohl ein Orakel befragen: „Da es für Postkarten keine Einlieferungs- und Auslieferungsdokumentation gibt.“ Während sich nachweisbare Sendungen wie Pakete oder Einschreiben anhand ihres individuellen Identcodes auf dem Transportweg einzeln verfolgen lassen, trifft das auf Postkarten und Briefe nicht zu.
Laut Derflinger hat die Karte der Knispels jedenfalls Exotenstatus: „Unsere Brief- und Paketzusteller liefern jeden Werktag rund 39 Millionen Briefe und mehr als sieben Millionen Pakete aus.“ Die Verluste von Sendungen lägen „im kaum messbaren Bereich“. Weiter schreibt sie: „In seltenen Fällen ist es tatsächlich so, dass Postkarten erst Jahre später ankommen.“ Was sie dann erwähnt, könnte sich ähnlich womöglich auch zwischen Kreta und Lauben zugetragen haben.
„Manchmal kommt es vor, dass alte Postkarten zum Beispiel auf dem Dachboden wieder entdeckt, auf dem Flohmarkt oder im Antiquariat erworben und zum Spaß nochmal versendet werden“, schreibt Derflinger: „Oder sie wurde im Ausland versendet und ist jetzt erst in unseren Briefkreislauf gelangt.“ Es sei nicht auszuschließen, dass die Karte auch mit der „alten“ Briefmarke noch zugestellt wird.
Steckt das hinter dem Geheimnis? Darüber haben auch die Knispels nachgegrübelt. Immerhin hatten sie vor einiger Zeit ein Zimmer aufgeräumt und Kartons zum Wertstoffhof nach Erkheim gebracht. Doch beide erinnern sich nicht an die Karte. Und Gunther Knispel stellt sich eine weitere spannende Frage: „Wer würde sie auf dem Wertstoffhof vom Boden aufheben und nochmal losschicken?“
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