Bildung ist viel mehr als Mathe-Formeln anwenden können und Englischvokabeln auswendig lernen. Am Maristenkolleg gibt es deshalb gleich zwei Initiativen für gesellschaftliches Engagement: Das Gymnasium bekennt sich zur „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ und an der Realschule lässt sich die 15-jährige Philomena Hentrich derzeit zur „Wertebotschafterin“ ausbilden.
Der Verfall von Werten wird seit Menschengedenken beklagt. Und auch in unseren Tagen scheint der Handlungsbedarf groß zu sein. Nicht immer gehen die Menschen respektvoll miteinander um. Beleidigungen und Beschimpfungen sind in den sogenannten sozialen Medien eher die Regel als die Ausnahme. Und auch in einer Schule spiegeln sich diese gesellschaftlichen Entwicklungen wider. Für Philomena ist das Ansporn, die Dinge zum Besseren zu wenden.
Philomena Hentrich will dazu beitragen, dass sich der Zusammenhalt am Mindelheimer Maristenkolleg verbessert
Die 15-Jährige tritt die Nachfolge von Adrian Weigele an, der zwei Jahre lang bereits Wertebotschafter an der Realschule war und von Lehrer Raoul Klaus betreut wurde. Inzwischen hat Adrian seine Schulzeit an der Realschule abgeschlossen.
Nun hat sich Philomena begeistern lassen, ihm nachzufolgen. Im vorigen Herbst hatte das Kultusministerium alle Schulen in Bayern erneut zum Mitmachen aufgerufen. Die Deutsch- und Geschichtslehrerin Cornelia Mayer hat die Achtklässlerin aus Erisried vorgeschlagen, und sie hat auch sofort ja gesagt.
Philomena sagt, sie wolle helfen, dass sich der Zusammenhalt an der Schule verbessert. „Alle sollen respektvoll miteinander umgehen“, wünscht sie sich. Respekt und Zusammenhalt sind für sie die wichtigsten Werte. Auf dem Pausenhof will sie mutig dazwischengehen, wenn es Streit gibt.
In einer Schulung hat die neue Wertebotschafterin des Maristenkollegs den Umgang mit modernen Medien erlernt
Auf ihre Aufgabe wird Philomena gut vorbereitet. Eine Woche lang konnte sie sich mit 26 Wertebotschaftern von anderen schwäbischen Schulen austauschen. Wegen Corona war das zwar nur in einer Videokonferenz möglich. Aber sie war schwer begeistert von den engagierten Gleichaltrigen. Im Juli folgt noch ein verlängertes Wochenende von Freitag bis Sonntag in der Jugendbildungsstätte in Dinkelscherben.
Betreut wird die 15-Jährige an der Realschule von ihrer Lehrerin Cornelia Mayer. Sie lobt ihre Schülerin schon jetzt: „Das ist eine Riesenleistung neben der normalen Schule!“ Auf dieser Schulung kürzlich haben sich die jungen Leute beispielsweise mit den Werten von Influencern auf Youtube und Tiktok beschäftigt. Sie haben intensiv über Werte generell diskutiert und Filme aufgenommen, in denen sie über Werte erzählen. Kurz: Sie haben den Umgang mit modernen Medien erlernt.
An der Schule kann sich die Wertebotschafterin mit Schulleitung, Lehrerkollegium oder Fördervereinsmitgliedern austauschen. Vor allem aber will Philomena in den zweieinhalb Jahren, die ihr bis zum Abschluss ihrer Schulzeit bleiben, auf ihre Mitschülerinnen und Mitschüler einwirken, um so für Gleichberechtigung und gegenseitigen Respekt zu werben. Schulleiterin Maria Schmölz unterstützt das Engagement ihrer Schülerin voll und ganz.
70 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Maristenkolleg wollen sich aktiv gegen Diskriminierung einsetzen
Nicht weniger engagiert sind Elisa Bernhard aus Markt Rettenbach und Paul Lewe aus Dirlewang vom Gymnasium des Maristenkollegs. Die beiden Zehntklässler sind Schülersprecher. Ihr Anliegen: Die Marke „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ mit Leben zu erfüllen. 3600 Schulen bekennen sich dazu. Bernhard sagt, dass sich 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit ihrer Unterschrift verpflichtet haben, Rassismus abzulehnen und sich aktiv gegen Diskriminierung einzusetzen.
Jährlich wollen die beiden Aktionen an der Schule organisieren. Elisa kann sich eine Diskussionsrunde mit einem Gast von außen vorstellen, der schon mal Rassismus am eigenen Leib erlebt hat. Paul ist wichtig, dass die Menschen „nicht aufgrund der Hautfarbe oder der Sexualität in eine Schublade gesteckt werden“.
Elisa wehrt sich auch außerhalb der Schule gegen Homophobie und antisemitische Hetze. „Wir versuchen, jungen Leuten Werte mitzugeben“, sagt sie.
Die beiden 15-Jährigen wollen dazu beitragen, dass ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nicht auf Fake News hereinfallen
Eine Schule ist ein Querschnitt der Bevölkerung. Das gilt für Schüler wie Lehrkräfte. Schwieriger, räumt Paul ein, sei es, wenn mal ein Lehrer eine unpassende Bemerkung macht. „Der Lehrer steht über einem“, sagt Paul. Da besteht dann eine gewisse Abhängigkeit. Er würde aber dennoch in einem solchen Fall versuchen, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Und es gibt noch die Vertrauenslehrer, die man ansprechen könne.
Beide sehen mit Sorge eine aktive rechte Szene im Allgäu. Deren Anhänger mischten sich unter die Kritiker der Corona-Politik. Schule könne aktiv gegen Fake News wirken, sind sie überzeugt. Medienkompetenz sei ganz wichtig, sagt Paul. Elisa weiß auch, dass manche Verschwörungstheorien weit zurückreichen. Das immer wieder zu hörende Gerücht, dass ein Geheimbund aus höchsten Kreisen weltweit Kinder entführe, um ihr Blut zu trinken, habe seine Wurzeln im Mittelalter. Damals wurde behauptet, Juden würden Kinder essen. Hier zeigt sich der Antisemitismus in modernem Gewand.
An den beiden 15-Jährigen des Maristenkollegs soll es jedenfalls nicht liegen. Sie wollen dazu beitragen, dass ihre Mitschülerinnen und Mitschüler derlei Falschnachrichten nicht glauben. Beide sind sehr interessiert an Politik und gesellschaftlichen Entwicklungen. Elisa könnte sich nach ihrem Abitur sogar vorstellen, später etwas in Richtung Politik oder Medien zu machen. Paul schwankt noch zwischen Polizei und Medizin.