Carl Ernst Graf Fugger von Glött, einst Fürst in Kirchheim, stand technischen Neuerungen sehr offen gegenüber: Er schloss die Marktgemeinde ans Eisenbahnnetz an, er war der erste Kirchheimer, der ein Automobil fuhr – und dank ihm kam auch der Strom nach Kirchheim. Vermutlich über die Kammer der Reichsräte der Krone Bayerns in München hörte er von der aufkommenden Elektrizität, die damals für Aufbruch und Moderne stand. Und so ließ Carl Ernst Fugger von Glött in Kirchheim vor 125 Jahren ein eigenes Elektrizitätswerk errichten und setzte damit früh auf eine Technik, die das Leben im Ort nachhaltig verändern sollte.
1901 nahm das Elektrizitätswerk im Brunnenhaus seinen Betrieb auf. Dort befand sich bereits seit Jahren ein Pumpwerk für die öffentliche Wasserversorgung. Das Brunnenhaus selbst hatte seinen Ursprung am Ende des 16. oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts und diente ursprünglich der Wasserversorgung von Schloss Kirchheim. Es zählt damit vermutlich zu den ältesten Wasserwerken Deutschlands. Nun wurde dort Gleichstrom erzeugt.
Der Kirchheimer Gemeinderat bekam Strom aus dem Hause Fugger
Aus dem Jahr 1902 ist ein Vertrag mit der Gemeinde überliefert, in dem sich die damalige fuggersche Standesherrschaft verpflichtete, die öffentliche Straßenbeleuchtung zu betreiben. Darüber hinaus erhielt der Markt die Genehmigung, „daß eine im Beratungszimmer der Gemeindeverwaltung anzubringende Kunstlampe im Bedürfnisfalle für die Sitzungen des Gemeindeausschusses unentgeltlich mit Strom aus der gräflichen Anlage gespeist werde“. Zunächst erhielten die Gebäude der Standesherrschaft sowie öffentliche Gebäude wie Rathaus, Schule und der Gasthof Adler Strom. Ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1902 erwähnt zudem 300 Elektrolampen im Schloss zu Weihnachten.
Die Nachfrage wuchs, deshalb entschloss man sich 1912, außerhalb des Brunnenhauses ein eigenes Turbinengebäude zu errichten, in dem ausschließlich Strom erzeugt werden sollte. Gleichzeitig führten schwankende Wasserstände der Flossach immer wieder zu Engpässen und Unregelmäßigkeiten im Strombezug. In den ersten knapp 40 Jahren bestand die Stromversorgung in Kirchheim aus Gleichstrom. Erst 1940 erfolgte nach einem aufwendigen Umbau die Umstellung auf Wechselstrom. In den 1940er Jahren blieb das Elektrizitätswerk als kritische Infrastruktur erhalten. Während des Krieges war der Werkführer für Kirchheim „uk“ gestellt und konnte daher nicht zur Wehrmacht eingezogen werden.
Ein unterirdisches Kabel in einem Gang zum Schloss Kirchheim
In den frühen 1950er Jahren wurden E-Werk und Elektroinstallation getrennt. Der Anschluss des Kirchheimer Stromnetzes an das LEW-Netz 1950 markierte einen weiteren Meilenstein. Besonders in Erinnerung geblieben ist das Mittelspannungskabel von 1957, das vom E-Werk zum ehemaligen Sportplatz führte. Die Leitung, die durch den unterirdischen Gang und den Schlosspark zum Marktplatz führte, war ein weiterer technischer Höhepunkt. Der unterirdische Gang, ein historisches Relikt aus früheren Jahrhunderten, bot eine einzigartige Kulisse für die Verlegung der Kabel. Anfang der 2000er wurde der Mittelspannungsring geschlossen, um Stromausfälle besser abzufangen. Das heutige Versorgungsnetz des Fürstlich Fugger v. Glöttschen E-Werks bedient rund 700 Anschlüsse und betreibt selbst ein Wasserkraftwerk.
Das FFEW feiert sein Jubiläum am Samstag, 13. Juni, von 10 bis 16 Uhr im Schloss und auf dem Kirchheimer Marktplatz. Es gibt Festvorträge, Führungen, Musik und natürlich etwas zu essen und zu trinken. Das detaillierte Programm entnehmen Sie der Homepage https://www.ffew.de.
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