Am Valentinstag ist es so weit: Der 14. Februar 2026 markiert das Datum, an dem Estonia Ruf sagen kann: „Ich lebe 30 Jahre in Deutschland.“ Pfaffenhausen, die kleine Unterallgäuer Gemeinde, ist das Zuhause der Geschäftsführerin von Ruf Automobile, doch geboren und aufgewachsen ist sie in Venezuela. Ein Land, das in den vergangenen Wochen verstärkt in die Schlagzeilen geriet: Anfang Januar nahmen die USA auf Anweisung des Präsidenten Donald Trump den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gefangen.
Venezuela: „Früher war das Land reich“
„Frei, schön und sicher“, so erinnert sich Estonia Ruf an das Venezuela, in dem sie aufwuchs. Das Venezuela, das nichts mehr mit dem zu tun habe, wie das Land heute sei. „Früher war das Land reich, wir hatten eine Kaufkraft wie in Deutschland“, erzählt die 59-Jährige. Vor 27 Jahren änderte sich die Lage dann: Ex-Präsident Hugo Chavez etablierte ein autoritäres System, Maduro führte es seit 2013 weiter.
„90 Prozent der Bevölkerung hat zu wenig“, berichtet Ruf, die auch von zeitlichen Einschränkungen bei der Nutzung von Strom und Wasser erzählt. „Die Regierung nimmt alles. Es gibt keine Freiheit für die Presse, wer gegen die Regierung ist, kommt ins Gefängnis.“ Wenn ihre Mutter sie besuchen wollte, habe sie Kraftstoff auf dem Schwarzmarkt kaufen müssen, um überhaupt zum Flughafen kommen zu können. „Meine Cousine ist Zahnärztin in Venezuela, ich schicke ihr regelmäßig Medikamente. Nichts Spezielles, ganz normale Sachen wie Paracetamol“, erzählt Ruf. Solche Zustände in Deutschland? „Unvorstellbar.“ Ebenso wie die Vorstellung, dass eine Wahl nicht anerkannt wird, betont die 59-Jährige. 2024 erkannte unter anderem die EU die Wiederwahl Maduros nicht an, Kritik gab es vor allem an den Massenverhaftungen im Land.
Das sagt eine Allgäuerin über Venezuela: „Das ist mehr als Korruption“
Auch Korruption habe es immer gegeben: „Aber das ist mehr als Korruption, ich habe gar keine Worte dafür“, sagt Ruf mit Blick auf die Maduro-Regierung, die sie als „Noch-Regierung“ bezeichnet.
Zur Gefangennahme Maduros gibt es unterschiedliche Stimmen: Während einerseits darüber diskutiert wird, inwieweit Trumps „militärische Operation“ völkerrechtlich zulässig ist, gibt es auf der anderen Seite Venezolaner, die sich – vor allem im Internet – erleichtert darüber zeigen, dass Maduros Herrschaft vorbei ist.
Wie sieht Estonia Ruf die Situation? Das Vorgehen der USA hält sie für „das Beste für Venezuela“, denn: „Die Venezolaner können nicht allein gegen Maduro vorgehen.“ Ruf gibt aber auch zu bedenken, dass es nicht allein damit getan ist, Maduro aus der Regierung zu nehmen: „Die Regierung ist wie ein Oktopus, sie hat ihre Tentakel überall ...“
Rufs Mutter, einige Cousinen und Cousins leben noch dort. Es habe seit Anfang Januar wohl schon kleine Verbesserungen gegeben: „Politische Gefangene kamen raus“, sagt die 59-Jährige. Trotzdem glaubt sie, dass es mindestens fünf Jahre dauern wird, bis es mit dem Land wieder bergauf geht: „Ich würde mich freuen, wenn es der Bevölkerung besser geht“, sagt Ruf. „Ich vermisse Venezuela, mein Venezuela, aber nicht das jetzige.“ 2011 war sie zuletzt in ihrem Heimatland.
Damals habe sie am Flughafen einen neuen Laptop dabei gehabt, „perlweiß und so süß“. An der Kontrolle behielt das Personal das Gerät ein und stellte sie, so erzählt es Ruf, vor die Wahl: Entweder warte sie bis zu zwei Wochen, um das Gerät wiederzubekommen, und verpasst ihren Flug oder sie verzichte darauf. „Da ging es nur um den Laptop“, aber Ruf kennt auch Geschichten von Menschen, die solche Situationen mit ihrem Haus oder ihrer Praxis erlebt haben. „Wenn der Regierung das Haus gefällt, hat sie es sich genommen – sogar den Hund haben sie behalten.“ Estonia Ruf zog es damals vor, auf den Laptop zu verzichten und sicher nach Deutschland zu fliegen.
Denn die Geschäftsführerin des Sportwagen-Herstellers betont auch: „Ich liebe Pfaffenhausen.“ Hier gebe es Sicherheit und Fairness, zudem sehe sie „in dem Familiären“ viele Parallelen zwischen Venezuela und dem Unterallgäu: „Die Menschen hier sind sehr warm.“
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