Neu-Ulm Ob die ganze Größe eines Shakespeare-Stückes jedem Publikum nahezubringen ist? „Möglicherweise kommt Shakespeare den heutigen Zuschauern in einer witzigen, adaptierten Form näher“, sagt Heinz Koch. Zwar nicht in der absolut gerafften Form von „Shakespeares gesammelte Werke in 90 Minuten“ – aber „Willis wilde Weiber“ von Harald Helfrich, Isabella Leicht und Dorothee Jordan gefielen dem AuGuSTheater-Prinzipal und seiner Frau Claudia Riese so gut, dass sie das Stück innerhalb von drei Monaten auf die Bühne des Neu-Ulmer Theaters brachten – zur Freude des Publikums.
Wechselnde Rollen und Geschlechter
Turbulent kommt dieses erst vor einem Vierteljahr uraufgeführte Stück daher; ständig wechseln die drei Schauspielerinnen (Claudia Riese als alleinerziehende Mutter Molly, Clarissa Hopfensitz als Dramaturgin Andrea, Kathrin Wolf als Julia) die Rollen und bisweilen auch das Geschlecht, dann wieder agieren sie als Schauspielerinnen weiter, die sich erstmals auf der Probenbühne des Staatstheaters begegnen. Ins aufgeregte Durcheinander von Telefon, Aufwärmarbeit und Aufmerksamkeit heischendem Imponiergehabe hinein fällt die Probe aus. Nur die Darstellerin der Lady Macbeth soll noch kurz bleiben. Doch alle drei bleiben – und sind pikiert. „Ich bin die Lady hier an diesem Haus. Ihr schafft es nie, ich bin die Lady und ihr Statisterie“, heißt es im ersten von sechs Songs (einstudiert und am Klavier begleitet von Hannes Kalbrecht). Zickenkrieg ist angesagt; jede will den anderen klar machen, weshalb die in der Titelrolle eine Fehlbesetzung wären. Aber gezwungen, auf den Regisseur zu warten, tratschen sie aus ihrem Bühnenleben, geben mit „Riesenerfolgen“ an, beginnen, Zitate aus Rollen in den Smalltalk einzubauen und landen unversehens in einer Shakespeare-Szene, die sie genussvoll ausschmücken.
Klar, dass auf einer Probenbühne keine opulente Ausstattung zu finden ist; Kostüme wie Requisiten sind Fehlanzeige. So hilft ein schwarzer Strumpf, aus Julia einen Othello zu machen, ein spitzer Schuh wird für Molly zum Degen. Dieses Muster hält sich bis zum Ende. Wird da die berühmte Balkonszene mit Romeo (Claudia Riese) und Julia (Kathrin Wolf) noch ernsthaft-berührend geboten, so endet sie doch unterhaltsam-frech, wenn Julia ihr lebenslustiges Credo „So ein Mann ist nur Gelegenheit auf Zeit“ singt.
Richtig aufdrehen kann Claudia Riese als Molly, die den mörderischen Richard III. vorführt, und am komödiantischsten gerät ausgerechnet jene Szene, in der King Lear seine drei Töchter im Stile aktueller Castingshows um ihren Anteil am Reich vortanzen lässt.
Eingeschmuggelt in diese die Realitätsebenen ständig wechselnden Spiele ist die Entdeckung der Schauspielerinnen, wie fatal Shakespeare seine Frauenrollen anlegte. Nicht nur, dass sie verhältnismäßig wenig Text haben, nein, sie werden belogen, betrogen, ermordet oder zum Selbstmord getrieben, all die Julias, Desdemonas, Ophelias, auch Anne, auch Lady Macbeth – oder sie werden gebrochen wie die ursprünglich widerspenstige Katharina. Als der Regisseur endlich bekannt gibt, er habe sich für eine andere Schauspielerin für die Titelrolle entschieden, nehmen Molly, Andrea und Julia ihr Schicksal selbst in die Hand.
Regisseur Heinz Koch hofft, dass sein Publikum „Willis wilde Weiber“ als großen Theaterspaß nimmt, in dem die Schauspielerinnen die Möglichkeiten der Bühne vom ernsten Fach bis zu richtig guter Comedy rundum ausschöpfen können. „Andererseits sollte“, so Koch, „dieser gesellschaftspolitische Hintergrund keineswegs penetrant, aber doch bemerkbar zu erspüren sein.“ (köd)