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Ulm

23.11.2019

Das Bauhaus ist noch immer auf der Höhe der Zeit

Die Kuratoren HP Grossmann und Canan Yilmaz präsentieren die Leiter von Jens Zijlstra: Der Designer hat aus einem Haushaltsgegenstand ein kurioses Möbelstück gebaut.
Foto: Florian L. Arnold

Das HfG-Archiv zeigt Arbeiten von Künstlern und Designern, die sich auf Bauhaus-Ideen aus Weimar und Dessau beziehen. Vieles ist klug, einiges amüsant – und manches lässt einen erschauern.

Was könnte heute in der HfG gestaltet werden, wenn sie noch existierte? Diese Frage, die der Leiter des HfG-Archivs, Martin Mäntele, stellt, kommt einem des öfteren in den Sinn, wenn man dort die neue Sonderausstellung „Reclaim Context. Studio Bauhaus 100“ sieht. Künstler und Kuratoren rund um das „Gaswerk Weimar“ und die Bauhaus-Universität hatten 2017 die Frage gestellt, mit welchen zeitgenössischen Kunstpositionen man das 100-jährige Jubiläum der ikonischen Einrichtung kommentieren könnte.

„Eine Tür aufstoßen zum Zeitgenössischen“, wollte Ausstellungskurator HP Grossmann, und ergänzt: „Es ging uns nicht nur um die Vergangenheit, sondern um den Zeitgeist der vergangenen 25 Jahre“. Mit dem Aufruf „Schickt uns eure Arbeiten“ wurden Alumni und aktuelle Studenten der Bauhaus-Universität um ihre Mitwirkung gebeten. Der „Open Call“ ist ein Blick zurück auf das, was seit 1997 in Weimar entstanden ist. Was der erste Blick in die Ausstellung schnell zeigt: Sowohl das historische Bauhaus als auch gegenwärtige künstlerische Reaktionen leben vom Gedanken einer praktischen Umsetzbarkeit – und von einem spielerischen Ansatz.

"Rehab Yourself" hilft Schlaganfall-Patienten

Das führt manchmal zu grandiosen Ergebnissen, etwa das Projekt „Rehab Yourself“ rund um Professor Andreas Mühlenberend. Hier steht ebenso schlichtes wie ästhetisches Produktdesign ganz im Zeichen der Rehabilitation, namentlich der neurologischen Wiederherstellung nach schweren Schlaganfällen. Die Reha-Objekte können dank ihrer modularen Bauweise aus verschiedene großen hintereinander geschichteten (Holz-)Scheiben Lähmungen und Krämpfe lindern. Was auf den ersten Blick fast fantastisch wirkt, erweist sich als sowohl einfach herzustellendes wie auch überaus wirksames Produkt. Ganz im Sinne des Bauhauses, das an der Verbesserung der Lebensqualität arbeitete.

Andere Produkte wirken verspielt, Jens Zijlstras Leiter etwa, die in einem Ledersitz mündet, als würde sich eine kindliche Fantasie aus einem nützlichen Haushaltsgegenstand ein Fantasie-Ross bauen. „Räume aus erhabener Position betrachten und den Blick schweifen lassen“ – das hat einen angenehmen Hauch von Nonsense. Dass allerdings manchem Nonsense wiederum sehr ästhetische Lösungen entspringen können, beweist beispielsweise Christoph Thetards „Küchenmaschine“: In einem schrankartigen Kasten befindet sich ein mächtiges Schwungrad, ein Pedal fordert auf, die Apparatur in Gang zu setzen. Klobig und platzaufwendig – aber ist das Schwungrad in Betrieb, gewinnt man dank dieses mechanischen Energiespeichers genug Strom, um etwa eine Kaffeemaschine oder einen Mixer zu betreiben: „Wartung erst nach 114 Jahren nötig.“

Aus menschlichem Körperfett wird bei Julian Hetzel Seife

Neben der schlichtweg schönen Uhr „Units of Time“ oder den spaßigen „Talking Heads“ von Laura Straßer und David Brüll gibt es auch Momente des Staunen, gar leichten Entsetzens. Philip Horsts „Katharsis“ präsentiert eine Geschenkpackung aus zwei Seifen in Form von Goethe-Büsten und einem Handtuch in der Optik einer KZ-Uniform. Upcycling will die „Human Soap“ namens „Self“ sein. Kein Witz: Aus menschlichem Körperfett, das in Kliniken entfernt wird, macht Julian Hetzel wie die Protagonisten im Film „Fight Club“ Seife – die weltweit verkauft wird. Werbekampagne inklusive: Seifeneingeschäumte Hände gefaltet im Stil der betenden Hände von Albrecht Dürer. Mit dem Erlös aus dem Verkauf werden Entwicklungshilfeprojekte in Afrika gefördert; westliches Menschenfett erhält Leben in Afrika.

Ab und an gibt es auch hintersinnige Querschläger wie Timm Burkhardts „Machine to support a starving artist“. Um die Gängelung von freien Künstlern durch das Hartz-IV-System zu unterwandern, produziert eine Maschine Kassenbelege voller (unnützer) Artikel. Mut zum Subversiven und Unbequemen darf es im Bauhaus-Jahr 100 schon sein.

„Reclaim Context. Studio Bauhaus 100“ ist bis zum 1. März 2020 zu sehen. Das HfG-Archiv. ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet, Donnerstag bis 20 Uhr.

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