Neu-Ulm Die Zahl der Straftaten ist zwar gesunken, aber viele Bürger fühlen sich trotzdem nicht sicher. Die Polizei Neu-Ulm hat gestern die Kriminalstatistik für das Jahr 2010 vorgestellt. Polizeioberrat Michael Keck, der Leiter der Inspektion, zog ein positives Fazit: Insgesamt wurden weniger Delikte begangen als noch im Vorjahr. Doch die Partymeile in der Lessingstraße blieb aus Sicht der Polizei mit zahlreichen Schlägereien und einem florierenden Drogenhandel ein Problemviertel. Keck: „Die Kriminalität sinkt überall, aber in der Lessingstraße steigt sie.“ Eine Folge: Im vergangenen Jahr haben die Beamten mehr Drogendelikte registriert als noch 2009. „Das beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl der Neu-Ulmer Bürger“, ist sich Keck sicher.
Inzwischen haben die Discobetreiber, wie berichtet, ein Konzept vorgelegt, um die Gegend sicherer zu machen. Die Polizisten wollen bis zum Sommer beobachten, wie sich die Maßnahmen bewähren. Hauptkommissar Günter Gillich sagte, es gebe jeden Monat Gespräche mit den Betreibern – und positive Signale. „Aber wir lassen uns nicht täuschen.“
In ihrem Schutzbereich hat die Neu-Ulmer Polizei 4279 Straftaten registriert – 264 weniger als noch 2009. Für Polizeichef Keck eine „erfreuliche Sache“. In der Stadt schlugen Kriminelle weitaus häufiger zu als auf dem Land: 3745 Delikte wurden im Stadtgebiet begangen. Im Vergleich zu Städten wie Kempten, Memmingen und Ulm liege man damit zwar gar nicht so schlecht, sagte Keck. „Aber grundsätzlich ist das immer noch zu hoch.“ Etwa zwei Drittel (66 Prozent) aller Straftaten konnten die Polizisten aufklären – etwas mehr als im bayernweiten Durchschnitt. Doch die Gewalt in der Lessingstraße überschatte diese Erfolge. „Wenn Bürger von Schlägereien hören, fühlen sie sich unsicher. Da hilft alle Aufklärung nichts“, so Keck.
Mehr Bürger wurden mit Rauschgift erwischt. Die Zahl der Delikte nahm um 44 zu, auf nun 327. Agile Fahnder hätten genauer kontrolliert und mehr gefunden, sagte Keck. Rund um die inzwischen geschlossene Techno-Disco „Ohm“ habe sich eine Drogenszene entwickelt. Im Oktober durchsuchten 150 Polizisten den Club. Mehrere Gäste hatten Drogen dabei, 20 Besucher wurden festgenommen. Keck: „Bis zur Razzia gab es im Umfeld der Disco jedes Wochenende zwei bis drei Aufgriffe.“
Im vergangenen Jahr sahen sich weniger Polizisten handgreiflichen Tätern ausgesetzt: Es gab 21 Fälle von Widerstand, 2009 waren es noch 29. Zugleich ereigneten sich schwerwiegende Angriffe auf Beamte – im Herbst wurde ein Polizist im Discoviertel von einem rabiaten Clubgänger angesprungen und am Knie verletzt. Keck: „Er ist immer noch nicht dienstfähig.“
Das Verbrechen ist in Neu-Ulm auf dem Rückzug: Im Jahr 2010 zählten Polizisten 155 Gewaltdelikte wie Raub oder Körperverletzung – 21 weniger als 2009. Für die meisten Kreuze in dieser Liste sind Schläger verantwortlich – sie begingen 125 schwere und gefährliche Körperverletzungen. Die Zahl dieser Delikte auf Straßen und Plätzen ist um zwei Fälle auf insgesamt 38 gestiegen. Für Keck ein Einfluss des Discoviertels. „Da sind wir gefordert.“ Jedoch würden 80 Prozent dieser Täter erwischt.
Mehr Langfinger im Industriegebiet unterwegs
Weniger gestohlene Fahrräder, weniger abgerissene Außenspiegel: Die Kriminalität auf der Straße ist deutlich gesunken, um 273 Fälle oder rund 26 Prozent. Auch trieben weniger Einbrecher ihr Unwesen. Dafür machten mehr Diebe lange Finger, am liebsten im Neu-Ulmer Industriegebiet. Die bevorzugte Beute: Buntmetalle und Kabel. Keck erläutert: Nach der Wirtschaftskrise steige der Metallpreis wieder. „Diese Renaissance hält uns auf Trab.“ Viele Diebe versuchten so, ihre Drogensucht zu finanzieren. „Sie sind auf Fahrrädern unterwegs und stehlen zehn bis 15 Kilo Material für den nächsten Schuss oder Joint.“
Immer mehr Menschen ziehen nach Neu-Ulm – diese Entwicklung beschäftigt die Polizei. Hauptkommissar Gillich: „Die Einwohnerzahl steigt und steigt.“ Deshalb nehme auch die Zahl größerer Veranstaltungen wie Konzerte und Partys zu. Mit dem geplanten Einkaufszentrum Glacis Galerie erwarten die Polizisten einen Anstieg der Diebstähle. Und auch die neue Ratiopharm-Arena werde den Beamten viele Einsätze bescheren: „Die ersten Konzerte gelten als sicher, aber es wird mit Sicherheit auch politische Veranstaltungen geben.“