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Schauspiel

27.09.2019

Die Wende, ganz privat

Frank Ehrhardt spielt in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.
Bild: Arnold

Die Theaterei Herrlingen hat Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ beeindruckend adaptiert

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ war Eugen Ruges Überraschungserfolg – und vielleicht der eine Wende-Roman, der nicht in Klamauk, Klischee, Rührseligkeit oder Überdramatisierung verfiel, sondern sehr menschlich eine DDR im Zustand der Auflösung zeigte. Er tat dies anhand der Lebensläufe der Familie Umnitzer. Theaterdirektorin Edith Ehrhardt hat für ihre Herrlinger Theaterei nun eine Ein-Mann-Bühnenfassung erarbeitet, die mit ihrem Mann Frank Ehrhardt als Darsteller nun Premiere feierte.

Das Stück setzt – wie das Buch – ein bei Erzähler Alexander Umnitzer, der immer nur „raus“ wollte. Raus aus den engen familiären Strukturen, die ihn mit Traditionen und Vorstellungen förmlich erdrückten. Aber auch raus aus dieser DDR, in der man ihn „fortwährend betrogen“ hat, wie er etwa als junger Mann im Waffendienst feststellen muss: „Hier soll ich die Grenze zwischen der kleinen engen Welt, in der ich aufgewachsen bin, und der großen und weiten Welt, die ich nie sehen darf, bewachen.“ Schnell wird aus dem Sohn braver sozialistisch denkender Bürger ein Revoluzzer, der seinem Großvater Wilhelm, einem alten Arbeiterrevolutionär, begeistert zustimmt: „Scheiß auf ein Land, das Helden braucht!“

Ruge konstruierte seinen Roman entlang wichtiger Wegmarken der Gegenwart, also natürlich jenem Herbst 1989, als die DDR zusammenbricht, und dem 11. September 2001, an dem Alexander, unterdessen todkrank, zu einer Reise nach Mexiko aufbricht. Aus der Rückschau fächert sich das Leben der Umnitzers aus Alexanders Sicht auf. Und diesen – wie auch alle anderen Familienmitglieder – spielt Frank Ehrhardt in dem feinsinnig alle wesentlichen Szenen des Romans extrahierenden Theaterabend mit Verve und Spiellaune. Ganz flexibel reagiert er in seinem geschmeidigen Spiel auch auf das Publikum, das ab und an nicht anders kann als hineinzusprechen in den Text. Denn das Stück ist ein Füllhorn kollektiver Erinnerungen und steht exemplarisch für Kindheiten. So ist man auch fest an Ehrhardts Seite, wenn der vierjährige Alexander seine russische Großmutter besucht und staunend den knorrigen Großvater Wilhelm wahrnimmt.

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In dem detailreichen, traurigen, lustigen Abend ragt die Begegnung mit dem steifen, unflexiblen und zugleich würdevollen Vater Kurt heraus – hier doppelt sich Zeitgeschichte mit einer berührenden Vater-Sohn-Entfremdung und das Enttarnen der „guten alten Zeit“ findet ein stimmiges Bild im Verstummen des dementen Kurt.

Eine ganze Familie mit ihren verschiedenen Charakteren zum Leben zu erwecken, fordert einem Schauspieler wie auch der Regie alles ab. Und es ist gelungen. Die Familiengeschichte der Umnitzers als Abbild deutsch-deutscher Zeitgeschichte ist zwar dankbares Theater-Material, aber Regisseurin Edith Erhardt sieht das nicht als knechtische Vorlage. Wunderbar mischen sie und Frank Ehrhardt die vielen Farben des Romans zu einem beeindruckenden Theaterabend, der berührt, lachen lässt und auch die notwendige Prise Traurigkeit und Melancholie transportiert. Ganz fabelhaft ist Frank Erhardts Fähigkeit, den Zuschauer in jede Zeit, in jede Gefühlslage mitzunehmen und am Ende mit einem Moment der Rührung zu verabschieden.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist wieder am Donnerstag, 3. Oktober, um 17 Uhr zu sehen; weitere Aufführungen bis Dezember. Eine Sondervorstellung mit anschließendem Publikumsgespräch mit Eugen Ruge gibt es am Dienstag, 12. November, um 19 Uhr.

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