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Ulm/Neu-Ulm

23.06.2016

Donaukontakte der schmuddligen Art

An der Prostitution in Neu-Ulm und Ulm gibt es scharfe Kritik. (Symbolbild)
Bild: Oliver Berg, dpa

Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution macht auf die Zustände am „Strich am Fluss“ aufmerksam. Die Rede ist von bis zu 200 „Sklavinnen“ die hier anschaffen.

Hinter mit Neonherzen illuminierten Fenstern in der Blaubeurer Straße und Neu-Ulmer Industriegebieten spielt sich der intensivste Kontakt von Bürgern der Region mit Südosteuropa ab: Der Großteil der nach Schätzungen der Ulmer Polizei über 200 Prostituierten in 24 Ulmer und vier Neu-Ulmer Bordellen stammen aus Donau-Ländern wie Rumänien oder Bulgarien. Im Rahmen des kommenden Donaufestes möchte das Ulmer „Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution“ auf diese schmuddlige Art der Donaukontakte aufmerksam machen. „Das ’Material’ kommt über die Donau hinauf, wird hier verbraucht und dann wieder in den Heimatländern entsorgt“, formuliert es Karin Graf drastisch. Die Fraktionsgeschäftsführerin der Ulmer CDU will als Aktivistin des Bündnises wach rütteln, was das „schmutzige Geschäft“ Prostitution angehe. Das Ausmaß an Gewalt sei unerträglich.

„Wir halten uns in Ulm letztlich 200 Sklavinnen“, sagt Dagmar Engels, Volkshochschulleiterin und SPD-Stadträtin. Die Mitglieder des Bündnisses sind überzeugt: Ulm, eine Stadt, die sich gerne als Speerspitze der Donaubewegung verstehe, sei in der Pflicht, etwas dagegen zu tun. In Ulm und Neu-Ulm würde zu wenig wahrgenommen, was sich in der Blaubeurer Straße abspiele. Man sei es gewohnt, zwischen Ikea und Blautalcenter an Bordellen vorbei zufahren. Fremden hingegen würde auffallen, wie allgegenwärtig die Prostitution in der Stadt Ulm mit ihren 24 Rotlichtobjekten ist.

Zwei Aktionen bringen das Thema auf die Tagesordnung des Donaufests: „Ohne Glanz und Glamour“ heißt eine Ausstellung über Prostitution und Frauenhandel, die vom 1. bis 10. Juli im Ulmer Stadthaus zu sehen ist. Und am Mittwoch, 6. Juli, findet – ebenso im Stadthaus – um 20 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema statt: „Strich am Fluss – Menschenhandel und Zwangsprostitution entlang der Donau.“

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Auf der politischen Tagesordnung liegt das Thema Prostitution ebenso: Unter der Federführung der Aids-Hilfe aus Ulm und Neu-Ulm erarbeitete das Bündnis ein zwölfseitiges Konzept, wie den Prostituierten der Region geholfen werden kann, das Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch sowie seinem Neu-Ulmer Kollegen Gerold Noerenberg vorliege. Wie Tanja Wöhrle, Diplom-Sozialpädagogin und Aids-Hilfe-Mitarbeiterin erläutert, sei Ulm eine der wenigen Städte dieser Größe, die keinerlei Unterstützungsangebot für Frauen in Prostitution anbieten würde. Doch das sei dringend geboten: Die Aids-Hilfe schätzt, dass 90 Prozent der Prostituierten aus Osteuropa nicht krankenversichert sind. Ohne Sprachkenntnisse und meist mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt („gut bezahlte Arbeit in der Gastronomie“) wären die Frauen hilflos und völlig auf sich allein gestellt. Die persönliche und gesundheitliche Lage der Prostituierten müsse genauso gestärkt werden, wie ihre rechtliche Situation.

Gerade Prostituierte aus Südosteuropa hätten in Ulm/Neu-Ulm keinerlei Möglichkeiten, soziale und medizinisch Hilfen nachzufragen und in Anspruch zu nehmen. Eine Sozialarbeiterin – die freilich von Ulm und Neu-Ulm bezahlt werden müsste – könnte neben grundsätzlichen Hilfestellungen im Alltag – auch Wege aus der Prostitution aufzeigen. Auch das Bundesfamilienministerium rät in einer Schrift aus dem Jahr 2015: „Städten mit Sexarbeiterszene, die noch nicht über eine Fachberatungsstelle verfügen, wird dringend angeraten, eine solche Einzurichten.“

Dass diesem Anliegen - oft gewaltbereite – Zuhälter im Wege stehen, ist dem Bündnis bewusst. Neben dem Drogen- und Waffen gilt im organisierten Verbrechen der Frauenhandel als lukrativstes Betätigungsfeld. Doch dies könne das Bündnis nicht davon abhalten, einen Lichtstrahl ins Ulms dunkelste, grausamste Ecke zu werfen, so Graf. Wir haben ein konkretes Ziel, sagt Engels: Das Festschreiben eines Unterstützungsangebots in den Haushaltsberatungen der Stadt, die im September beginnen.

Ausstellung „Ohne Glanz und Glamour – Prostitution und Frauenhandel im Zeitalter der Globalisierung“ , eine Ausstellung Organisation Terre des Femmes, ist ab Freitag, 1. Juli, im Ulmer Stadthaus zu sehen.

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