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Neu-Ulm

03.04.2019

Erinnerungen im Asphalt: Neue Stolpersteine in Neu-Ulm

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Routiniert verlegte der Künstler Gunter Demnig neue Stolpersteine in Neu-Ulm.
Bild: Alexander Kaya

Sechs neue Stolpersteine weisen in Neu-Ulm auf Opfer der Nazi-Diktatur hin. Es werden vermutlich nicht die letzten sein, die Künstler Gunter Demnig hier verlegt.

Es ist kalt und unwirtlich in der Wallstraße an diesem Dienstagmorgen. Eigentlich genau das richtige Wetter, um dem finstersten Kapitel der deutschen Geschichte zu gedenken. Drei messingglänzende „Stolpersteine“ erinnern künftig daran, dass auch im Haus Nummer 22, einem der wuchtigen Bauten aus der Kaiserzeit, eine Familie gelebt hat, die von der Gewaltherrschaft der Nazis aus dem Land getrieben wurde.

Routiniert verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig die kleinen Quader in den Asphalt. Er hat so etwas schon oft gemacht. Rund 70000 solcher Erinnerungssteine weisen in 1265 europäischen Orten darauf hin, dass in den Häusern dahinter Menschen lebten, die entweder von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert oder aus der Heimat getrieben wurden. In Neu-Ulm war er nun bereits zum vierten Mal und hat insgesamt 29 seiner Steine fachgerecht in den Straßenraum eingebracht, damit die Passanten mit den goldenen Quadraten am Boden konfrontiert werden.

Künstler Gunter Demnig verlegt sechs neue Stolpersteine in Neu-Ulm

Gab es nur so wenige Opfer der NS-Diktatur in Neu-Ulm? Larissa Ramscheid glaubt das nicht. Die Neu-Ulmer Stadtarchivarin weiß zwar bisher nur von zwei weiteren Opfern, doch die Aufarbeitung der Vergangenheit werde weiter gehen: „Wir geben nicht auf, denn wir wollen keinen vergessen.“ 29 Menschen, das könne noch nicht alles gewesen sein. Bei ihrer Arbeit kann sie sich auf die Unterstützung der Inge-Aicher-Scholl- und der Christoph-Probst-Realschule verlassen. Immer wieder forsten Gruppen von Schülerinnen und Schülern alte Archive durch und recherchieren das Leben von Menschen, die nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten gepasst haben. Alin Altuntov ist einer der jungen Forscher. Er sieht in dieser Arbeit einen „Akt der Menschlichkeit“, wie er sagt, denn mit den Stolpersteinen werde den Opfern die Chance gegeben, dass sich jemand an sie erinnert.

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Etwa an Emanuel, Emilie und Eva Rosenthal, die einst in der Wallstraße wohnten. Die Familie von Emilie, die mit Mädchennamen Zettler hieß, zog 1911 aus dem Allgäu nach Neu-Ulm. Sie selbst heiratete in Berlin, wo sie Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre lebte, Emanuel Rosenthal. 1934 wurde ihre Tochter Eva geboren. Die Wege der Familie trennten sich wenige Jahre später. Emanuel Rosenthal emigrierte 1939 nach England, wo er zunächst in einem Durchgangslager für jüdische Auswanderer lebte. Er heiratete nach dem Krieg seine zweite Frau Margit und starb 1955 in London. Seine erste Frau Emilie war 1940 mit der gemeinsamen Tochter nach Mailand gegangen. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt. Eva Rosenthal heiratete in Italien und emigrierte schließlich nach England.

Stolpersteine erinnern an Opfer der Nazi-Diktatur

Die Wallstraße war am Dienstagmorgen nicht die einzige Station von Demning, denn in der Schützenstraße 38, wo bereits sechs Stolpersteine im Boden stecken, verlegte er drei weitere. Sie erinnern an Siegfried, Frida und Ilse Neumann. Siegfried Neumann stammte aus Ulm, die Familie wechselte jedoch auf die andere Donauseite. Er arbeitete offenbar in der Zigarrenfabrik seines Vaters und heiratete 1937 Frida Heinbach aus Bad Buchau. Doch schon kurz danach packte das Ehepaar seine Sachen und begann ein neues Leben in Sao Paulo in Brasilien. Vier Jahre später holte Siegfried seine Eltern Emil und Paula nach. Siegfried und Frida Neumann starben in den 90er Jahren. Siegfrieds jüngste Schwester Ilse wurde ebenfalls in Ulm geboren. Sie emigrierte 1937 nach Chicago und heiratete dort. Sie starb 2015 im gesegneten Alter von 102 Jahren.

An den beiden kleinen Gedenkfeiern in der Wall- und der Schützenstraße nahmen unter anderem Vertreter der beiden Schulen, der Stadt und des Stadtrates teil. Die Dritte Bürgermeisterin Rosl Schäufele erinnerte in ihrem Grußwort an die erschreckend hohe Zahl von Opfern durch die Nazis, sie dürften nicht in Vergessenheit geraten. Gerade mit der Stolpersteinaktion solle den aufflammenden rechten Strömungen ein Stück weit entgegengewirkt werden. Schäufele erinnerte an einen Satz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der mehrfach betont hatte, Verantwortung kennen keinen Schlussstrich.

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