Ulm „Für den Tod gibt es keine Regeln“, sagt Claudia Schumann, Geschäftsführerin des Hospizes Ulm. „Der Sterbeprozess hat bei jedem Menschen eine eigene Dynamik und einen eigenen Verlauf.“ Vor gut zwei Jahren wurde das Ulmer Hospizhaus am Michelsberg eröffnet. 25 hauptamtliche Mitarbeiter und mehr als Hundert Ehrenamtliche betreuen Menschen in der letzten Lebensphase stationär und ambulant so würdevoll wie irgend möglich.
Die zehn stationären Betten im Hospiz sind zu 87 Prozent ausgelastet. Wie lange die Gäste – das Wort „Patient“ fällt im Gespräch mit Claudia Schumann nicht – bleiben, ist sehr unterschiedlich. Menschen, die nach dem Einsatz aller medizinischen Möglichkeiten aus dem Krankenhaus kommen und für die die Hoffnung, dass man „noch etwas probieren“ könne, zusammenbricht, sterben manchmal in der stressfreien Atmosphäre des Hospizes am nächsten Tag. „Das ist dann wie Ankommen und Loslassen, dass der Tod kommen darf“, empfindet Claudia Schumann. Andere Gäste leben zwei, drei Monate im Hospiz. „Manche Menschen entscheiden sich sehr bewusst, ins Hospiz zu kommen. Sie haben sich innerlich vorbereitet und akzeptieren: ,Da werde ich nicht mehr geheilt herauskommen.’ Gerade in der Akzeptanz der Endlichkeit erleben die Gäste die wohltuende Atmosphäre des Hauses und die Lebensqualität, die möglich ist, sehr positiv.“
Claudia Schumann selbst liebt die große Terrasse mit dem Bergblick, der sich an klaren Tagen hinter dem Münsterturm auftut. „Das Haus hat etwas ganz Besonderes, was auch die Gäste lieben und was ein Wohlfühlen vermittelt“, sagt sie. Die Gäste, die ins Hospiz kommen, leben selbstbestimmt. „Nach dem Tod ihres Vaters kam eine Angehörige zu uns und berichtete uns, wie schön sie es empfunden habe, dass ihr Vater auch dann sein Frühstück bekommen habe, wenn es ihm am Nachmittag um 17 Uhr eingefallen war, dass er jetzt gerne frühstücken wollte.“ Lebensqualität kann auch bedeuten, wenn der Langschläfer sein Frühstück mittags im Bett einnehmen kann. Reglementierung gebe es nicht, versichert Claudia Schumann – ebenso wenig wie die Fixierung oder Ruhigstellung von Sterbenden. „Die hochsensible Einrichtung erlaubt uns einen Personalschlüssel, bei dem viel menschliche Zuwendung möglich ist. Auch dank der vielen Ehrenamtlichen, die ihre Zeit schenken, können wir Menschen Ruhe vermitteln.“
Klangschalen, Aromatherapie, Massieren – körperliches wie seelisches Wohlfühlen ist für die letzte Lebensphase wichtig. „Sterben ist auch ein Fazit: Wie war mein Leben? Habe ich ein falsches Leben gelebt, das eigentlich nicht meines war? Habe ich mein Leben vergeudet? Das sind Dinge, die man sich auch überlegen solle, solange man gesund ist.“ Angehörige können jederzeit beim Sterbenden sein.
Sterbebegleiter müssen sehr feinfühlig sein
„Für viele Angehörige bedeutet der Wunsch großen Druck, den Sterbenden nicht alleine zu lassen.“ Schumanns Erfahrung ist es, dass zwar die meisten Menschen den Wunsch haben, zu Hause zu sterben und damit eigentlich ersehnen, nicht alleine zu sein. „Aber gerade Menschen, die ihren Partner oder ihre Familie sehr lieben, können in deren Gegenwart nicht gehen.“ So wirkt die Sitzwache des Hospizes unterstützend. „Ehrenamtliche Sterbebegleiter sind da, wenn sie gebraucht werden, und sie sind nicht da, wenn sie nicht gebraucht werden.“ Wichtig sei beispielsweise, zu spüren, wie nah am Bett oder wie weit entfernt der Sterbende einen anderen Menschen wissen möchte.
Begeistert ist Claudia Schumann von der Brücke, die das Hospiz über die Landesgrenze schlägt: „40 Prozent unserer Gäste kommen aus Ulm, 40 Prozent aus der Stadt und dem Landkreis Neu-Ulm, 20 Prozent aus dem Alb-Donau-Kreis. Die Politik sieht diese länderübergreifende Akzeptanz in der Bevölkerung und unterstützt das großartig auf beiden Seiten der Donau.“