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Landkreis Neu-Ulm

24.01.2019

In Weißenhorn brennt schon längst Müll aus dem Atomkraftwerk

Die Tatsache, dass in Weißenhorn Material vom Abriss des Kernkraftwerks Gundremmingen verbrannt werden könnte, hat für hohe Wellen gesorgt – dabei wird schon seit Jahren Material aus dem AKW im Landkreis Neu-Ulm entsorgt.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archivfoto)

Plus Der Bürgermeister ist empört, weil er erst aus der Zeitung erfährt, was auf seine Stadt zukommen könnte. Dabei hat das alles schon begonnen.

Eigentlich ist Wolfgang Fendt ein ruhiger, besonnener Mensch. Aber was der Weißenhorner Bürgermeister am Mittwoch in der Zeitung las, hat ihn ziemlich empört. Seinen Unmut brachte er am Abend im Bauausschuss zum Ausdruck. Wie berichtet, könnten nach der Abschaltung des Kernkraftwerks in Gundremmingen einmal Reste der Anlage im Landkreis Neu-Ulm entsorgt werden – und damit im Weißenhorner Müllkraftwerk landen. „Ich habe bis zum heutigen Tag noch nie davon gehört“, sagte Fendt. Und wenn es so sei, dass radioaktiver Müll, egal ob stark oder schwach strahlend, nach Weißenhorn komme, dann erwarte er, dass die Kommune informiert werde. „Und es nicht aus der Zeitung erfahren muss“, ergänzte der Rathauschef sichtlich verärgert. Es sei ein „absolutes No-Go“, wie man in der Sache miteinander umgehe. Allerdings werden schon jetzt Abfälle aus Gundremmingen in Weißenhorn verbrannt.

Die beiden Stadt- und Kreisräte Franz Josef Niebling (CSU) und Herbert Richter (SPD) versuchten in der Sitzung, die Wogen zu glätten. Doch was sie sagten, machte es aus Sicht des Bürgermeisters nicht besser – im Gegenteil. Denn bereits vier Wochen vor der öffentlichen Beratung im Umwelt- und Werkausschuss des Kreistags war in nicht öffentlicher Sitzung über das Thema gesprochen worden. Die Zeitungsberichte hätten nun sehr viel Unsicherheit und Ängste geschürt, sagte Niebling, obwohl noch gar keine belegbaren Zahlen da seien. Die Artikel seien „hochgebauscht“. Dabei wäre es aus Sicht von Niebling klüger, solche Themen erst einmal in Ruhe zu behandeln und zu prüfen, was dahinterstecke. Dem entgegnete Fendt: „Ich bin der Presse außerordentlich dankbar, dass sie das aufgreift.“

Wolfgang Fendt: "Ich bin der Presse außerordentlich dankbar"

Auch Herbert Richter verwies auf die nicht öffentliche Vorberatung am 3. Dezember, in der die Leitung des Müllkraftwerks darum gebeten worden sei, weitere Informationen zu recherchieren. Rein rechtlich gebe es bereits die Möglichkeit, Abfälle aus dem Kernkraftwerk dem Abfallkreislauf zuzuführen, sofern sie entsprechend gereinigt wurden, um die Strahlung zu reduzieren, berichtete der Sozialdemokrat. Aus der Ratsvorlage zur öffentlichen Sitzung sei dann hervorgegangen, dass es durchaus sein könne, dass entsprechende Teile in der Weißenhorner Müllverbrennung landen. Richter: „Das ist ein sensibles Thema, das auf uns zukommen könnte. Das sollte an die Öffentlichkeit gehen.“

Fendt zeigte sich sehr verwundert, dass trotz eines Vorlaufs von vier Wochen in der Sitzung am Dienstag nicht mehr Informationen vorlagen. „Da war ja die Zeitung noch sehr sensibel“, schlussfolgerte er. Ohne wirklich zu wissen, was da ist, könne man das Thema doch nicht in öffentlicher Sitzung behandeln, schimpfte er.

Dabei wird schon länger Material aus dem Kernkraftwerk in Weißenhorn verfeuert, denn seit 1. Januar 2016 besteht die Müll-Ehe zwischen den Landkreisen Neu-Ulm und Günzburg. Weil die anfällige Pyrolyseanlage in Burgau geschlossen werden musste, hatten die Günzburger einen neuen Abnehmer für ihre rund 20000 Tonnen Haus- und Gewerbeabfall gesucht – und bei den westlichen Nachbarn gefunden. Seither wird auch Material aus Gundremmingen nach Weißenhorn geschafft, wie Kraftwerkssprecherin Christina Kreibich auf Nachfrage erläuterte. „Wir sind dazu vom Landkreis Günzburg verpflichtet“, sagte sie, „wir sind da nicht frei in unserer Entscheidung. Diese Abfälle müssen lediglich die Freigabe zur Verbrennung besitzen. Das bedeutet: Sie sind entweder völlig frei von Radioaktivität, was ja beim normalen Hausmüll ohnehin der Fall sei, oder sie werden „freigemessen“. Das heißt: strahlenbelastetes Material wird im Kraftwerk dekontaminiert. Wenn es einen bestimmten Grenzwert nicht überschreitet, darf es auf herkömmlichem Wege entsorgt werden. Dieser Wert liegt bei zehn Mikrosievert. Das ist deutlich weniger als die natürliche Strahlenbelastung in Deutschland. In Bayerisch-Schwaben beträgt sie nach den Worten der Kraftwerks-Sprecherin rund 2000 Mikrosievert pro Jahr. Ein Flug von Frankfurt nach New York und zurück verpasst den Passagieren eine Strahledosis von rund 100 Mikrosievert.

2017 wurden 156 Tonnen Abfall aus Gundremmingen verfeuert

Was bisher an Material aus Gundremmingen in Weißenhorn verfeuert wurde, lässt sich in Zahlen ausdrücken. Nach Angaben des Kraftwerks waren es 2016 noch 70 Tonnen, der Großteil davon „haushaltsähnliche Gewerbeabfälle“, wie etwa Verpackungen. 14 Tonnen davon seien freigemessenes, also maximal leicht strahlendes Material gewesen. 2017 fiel deutlich mehr an. Damals waren es insgesamt 156 Tonnen Abfall, davon 19 Tonnen freigemessenes Material. Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor.

Was den Abriss des Kraftwerks betrifft, das Ende 2021 vom Netz gehen soll, bezifferte das AKW die zu erwartende Menge an Material auf 89.000 Tonnen. Der Großteil davon soll wiederverwertet werden, etwa Metalle oder Beton, der zerkleinert im Straßenbau Verwendung findet. 78.000 Tonnen müssen erst einmal von Strahlung befreit und freigemessen werden. Davon wiederum lassen sich nach Schätzung der Kraftwerksbetreiber rund 4000 Tonnen nicht wiederverwerten. Sie kommen in den Ofen. So lange die Müll-Ehe der Kreise Neu-Ulm und Günzburg besteht, landen solche Hinterlassenschaften in Weißenhorn. Bis zum Jahr 2040 sollen vom Kraftwerk nur noch die Gebäudehüllen stehen.

In der jüngsten Sitzung des Umwelt- und Werkausschusses hatte vor allem der Weißenhorner Herbert Richter gründliche Informationen zur Gundremmingen-Thematik angemahnt, Landrat Thorsten Freudenberger versprach, dazu Experten einzuladen. AKW-Sprecherin Kreibich versicherte, es würden alle notwendigen Informationen geliefert: „Wir sind transparent.“ Sie verwies vor allem auf einen Kraftwerks-Informationstag in Gundremmingen am 21. März. Kreispolitiker hätten sich aber bisher noch nicht gemeldet.

Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises will von sich aus kontrollieren, wie es mit der Strahlenbelastung der Verbrennungsschlacke aussieht. Im Laufe des Jahres sei eine entsprechende Messung geplant, kündigte Werkleiter Thomas Moritz im Umwelt- und Werkausschuss an.

Lesen Sie dazu auch: Kommt strahlender Müll aus Gundremmingen nach Weißenhorn? und Sie wollen nicht länger nur dagegen sein

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