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Lesung: Ein Mann zwischen den Fronten: Wladimir Kaminers Aufritt im Roxy

Lesung

Ein Mann zwischen den Fronten: Wladimir Kaminers Aufritt im Roxy

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    Noch eine Geschichte! Wladimir Kaminer plaudert aus dem privaten Nähkästchen seiner Familie und geht dabei dem tiefen Spalt zwischen Generationen und Kulturen auf den Grund.
    Noch eine Geschichte! Wladimir Kaminer plaudert aus dem privaten Nähkästchen seiner Familie und geht dabei dem tiefen Spalt zwischen Generationen und Kulturen auf den Grund. Foto: Andreas Brücken

    Wenn einer ins Schwafeln verfällt, über Gott und die Welt und die Politik und das Leben, verheißt das selten Gutes. Nicht so bei Wladimir Kaminer. Publikumswirksames Schwafeln? Das kann er. So steht der deutsch-russische Autor, Humorist und DJ im Ulmer Roxy auf der Bühne und lehnt sich lässig an einen Bartisch. Griffbereit liegt ein Stapel Bücher, zu dem sich ein Cocktailglas gesellt. Die Plauder-Show beginnt.

    Millionen Bücher hat dieser Autor verkauft und er produziert weiter am laufenden Band. Doch keines dieser Werke verkaufte sich je so gut wie „Russendisko“, sein Debüt. Darin erzählte er von seinen Wurzeln, wie er in den 90er-Jahren als Asylbewerber nach Deutschland kam und sich als DJ, Dichter, Partykracher durchschlug, bis zum literarischen Erfolg. Heute dreht sich Kaminers Welt noch immer um Wirrungen zwischen den Kulturen – und neuerdings auch zwischen den Generationen.

    Rotkäppchen hat in Wladimir Kaminers Welt blaue Haare

    Großmutter Kaminer mault. Das einzige Kind, das seiner Oma noch einen Besuch abstatte, sei das Rotkäppchen. Also erfindet Sohn Wladimir das Märchen kurzerhand neu. In der Hauptrolle: seine eigene Tochter. So hat das Rotkäppchen in seiner Erzählung blaue Haare und Piercings und muss nach mühsamem Small Talk mit Oma Kaminer erst einmal eine rauchen. Rotkäppchen? Was für ein schlechtes Vorbild, was für ein Blindgänger, findet Kaminer. „Das Kind konnte seine Oma nicht einmal von einem Wolf unterscheiden!“

    Sein Sohn, Anfang 20, sucht sich gerade selbst. „Allerdings am falschen Ort“, sagt der Autor. „Nämlich bei uns zuhause. Er sucht zwischen Sofa und Kühlschrank.“ Von hier aus möchte der Sohn die Welt retten, als Jünger Greta Thunbergs. Aber der erste Schritt zur Weltverbesserung, erklärt der Sohn dem Vater, wäre zunächst ein Praktikum bei einer Werbeagentur und dafür bräuchte er ja einen neuen Laptop, 3000 Euro – kann da nicht Papa helfen? Papa Kaminer gibt auf der Bühne nur einen Fiepslaut von sich und zuckt mit den Schultern.

    Ist Kaminer einer jener viel gescholtenen „alten weißen Männer“? Nein. Er lächelt. Hier und da schüttelt er den Kopf über die Generation Greta, aber er kanzelt sie nie ab. Ihren Idealismus schätzt er sogar. Im Kampf zwischen Generationen, seiner digital verwirrten Mutter und seinen gender- und umweltbewussten Kindern, gibt Kaminer den lachenden Dritten. Die Kluft aus seiner Sicht: „Es gibt nun die Jungen, die alles können, aber nichts wirklich wollen – und diejenigen, die wollen, aber nichts mehr können.“ Kaminer ist so etwas wie die russisch angehauchte Antwort auf Jan Weiler und sein „Pubertier“ oder Axel Hackes Erzählungen aus dem Leben. Die Kaminers wirkt dagegen aber bunter, diverser und politischer.

    Kaminer erzählt von Kreuzfahrten und kulturellen Missverständnissen

    Kaminer sieht sich als Ethnologe, der die Menschheit analysiert. Und glaubt man ihm, so liegt jene im Chaos – irgendwo im Nirgendwo, verloren zwischen Trump und Thunberg, Strömen von Flüchtlingen und Strömen von Pauschalurlaubern. Als jener Trump Präsident wurde, sei er gerade als Vorleser auf einem Kreuzfahrtschiff geschippert. „Das Festland ist verloren!“, orakelten seine luxusgesättigten Mitkreuzfahrer. Kaminers Rezept: Lieber an Bord bleiben und die Bar plündern. Und daraus einen Bestseller schreiben. „Stößchen!“ ruft er dem Ulmer Publikum zu. Aus dem Weltenwirrwarr versucht sich Kaminer einen Reim zu drehen. Er erzählt herkömmliche Alltagsgeschichten, um sie dann ins Surreale bis Skurrile zu überspitzen. Wie viel Wahrheit steckt denn schon in der Wirklichkeit?

    „Was wollen Sie nun hören?“, fragt Kaminer das kichernde Publikum im Roxy immer wieder. Etwas fahrig wirkt er. Er blättert durch seine Zettel, Notizen und Bücher. Nein, diese Geschichte ist zu traurig, jene gerade nicht passend, lieber schnell eine Anekdote aus dem Ärmel schütteln und dann Geschichte drei. Manchmal hält Kaminer inne, inmitten eines Satzes. Denkpause. Dann vollendet er ihn mit einer maßgeschneiderten Pointe. Lakonisch, mit russischem Akzent erzählt er, ohne mit der Wimper zu zucken. So kurzweilig die Lektüre seiner Bücher ist, Höchstform erreichen seine Texte, wenn Kaminer sie selbst vorträgt.

    Am Ende grübelt er wieder und sucht nach Worten. Vieles scheint ihm durch den Kopf zu rattern, die Zu- und Missstände dieser Welt. Doch er kriegt die Kurve: „Auf ein friedvolles neues Jahr, in einem solidarischen Europa, mit Russland als Freund.“ Stößchen!

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