Neu-Ulm Diesen grantigen Franzosen wird Diakon Hans-Jürgen Aschoff wohl nie mehr vergessen: Der hatte ihm vor über drei Jahrzehnten geschworen, nach seinen schlechten Erfahrungen im Krieg nie mehr deutschen Boden betreten zu wollen. Der Franzose ist doch wieder nach Deutschland gekommen, immer und immer wieder. Der Partnerschaft zwischen der evangelischen Kirchengemeinde Neu-Ulm und Bois-Colombes sei Dank. Jetzt, nach 38 Jahren deutsch-französischen Austauschs, ist allerdings Schluss. Die beiden Gemeinden sagen sich am Freitag „Adieu“.
Diakon Hans-Jürgen Aschoff war der Mann der ersten Stunde. Ohne ihn hätte es die deutsch-französische Partnerschaft auf kirchlicher Ebene gar nicht gegeben. Sein großes Ziel war es, die sich nach den Weltkriegen fremd gewordenen Deutschen und Franzosen wieder zusammenzuführen, der Jugend zu vermitteln, dass „die Anderen da drüben unsere Freunde sind“.
Nachdem der heute 77-Jährige auf einer Fahrt mit dem Kreisjugendring erste Bande im Nachbarland geknüpft hatte, organisierte er selbst eine Fahrt. Und was mit Jugendlichen geklappt hatte, sollte auch mit den erwachsenen Gemeindemitgliedern funktionieren. 1974 wagte eine kleine „Delegation“ die Reise nach Asnières/Bois-Colombes, das neun Kilometer nordwestlich vom Pariser Stadtzentrum entfernt liegt. Viele unbekannte Faktoren galt es zu überwinden – eine fremde Sprache und vor allem auf beiden Seiten bestehende Vorurteile.
Vom zwanglosen Gottesdienst beeindruckt
Aufgeregt und ein wenig ängstlich blickte Margret Bitterrolf, damals gerade 28 Jahre jung, dem ersten Aufeinandertreffen entgegen. Und war sofort beeindruckt vom zwanglosen Gottesdienst. „Das war sehr ergreifend und in seiner Einfachheit bewegend“, erzählt die Neu-Ulmerin rückblickend. Seit diesem Zeitpunkt haben sie und ihr Mann Georg kein Treffen mit den Franzosen verpasst. Immer an Christi Himmelfahrt pendelten entweder die Neu-Ulmer oder die französischen Nachbarn. 35 Begegnungen kamen so zustande und „tiefe Freundschaften“, sagt Margret Bitterrolf.
Doch das diesjährige Treffen von Donnerstag bis Sonntag wird das letzte seiner Art sein, die beiden Gemeinden verabschieden sich offiziell voneinander. „Die Leute werden immer älter, die Reihen lichten sich und die Motivation bei den Jungen, diese Freundschaft fortzuführen, fehlt leider auf beiden Seiten“, bedauert Margret Bitterrolf. Es mache keinen Sinn, an etwas krampfhaft festzuhalten. Diakon Aschoff gibt ihr Recht. Er spricht von einer wunderbaren Zeit, doch jetzt hätten sich die Zeiten geändert. Die Grenzen seien offen, die Länder sich so nahe gekommen, dass es keiner Völkerverständigung mehr bedürfe. Damit der Austausch nicht so ausläuft, wolle sich die Gemeinde in einem würdigen Rahmen verabschieden.
Deshalb hat die evangelische Gemeinde traditionsgemäß über Christi Himmelfahrt die französischen Freunde zu einer abschließenden Begegnung nach Neu-Ulm eingeladen. Am morgigen Donnerstag wird die Gruppe aus Bois-Colombes erwartet, darunter auch mehrere Ehepaare der ersten Stunde. Bis 19. Mai stehen Gottesdienste, ein Ausflug an den Bodensee und ein großer Festabend auf dem Programm. Dabei können die Teilnehmer nicht nur auf ihre Freundschaft anstoßen, sondern auch noch auf ein Geburtstagskind: Margret Bitterrolf wird am Samstag 66. Viel Wehmut wird an diesem Tag dabei sein. Aber auch die Hoffnung, dass die Freundschaft zumindest auf privater Schiene weitergeht. „Die Kontakte kann man aufrechterhalten“, ist sich Margret Bitterrolf sicher.