Neu-Ulm „Darf ich Ihnen das Buch Mormon überreichen“ – der junge Mann mit Bürstenschnitt und amerikanischem Akzent lächelt verbindlich. Er und seine Gefährten tragen Einheitskleidung: schwarze Hose, weißes Kurzarmhemd mit Krawatte, Namensschild. „Elder John“ oder „Elder Steven“ steht darauf. Elder heißt Ältester, doch die meisten sind höchstens Anfang 20. Eine größere Gruppe dieser jungen Ältesten hat gestern in Neu-Ulm für Aufsehen gesorgt. Rund um den Petrusplatz versuchten sie, Passanten von ihrer Religion zu überzeugen. So gingen nicht wenige Einkäufer schließlich nicht nur mit Kopfsalat und Schwarzbrot nach Hause, sondern mit bunten Broschüren und einem edel gebundenen, dunkelblauen Buch mit goldener Schrift.
Die jungen Männer sind Missionare der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ – besser bekannt als Mormonen. Diese Glaubensgemeinschaft hat ihren Hauptsitz in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. Normalerweise sind nur zwei „Älteste“ in der Region auf Mission. Dass gestern eine größere Gruppe in Neu-Ulm das Gespräch mit Passanten gesucht hat, liege daran, dass an der Donau gerade ein Treffen der Gemeinschaft stattfindet. Ausrichter sei die Gemeinde in der Neu-Ulmer Baumgartenstraße, die nach Angaben des jungen Missionars rund 40 Mitglieder hat. Viele junge Mormonen reisen – meist zwischen Schulabschluss und Studium – für zwei Jahre in ein fremdes Land, um dort ihren Glauben zu verbreiten. Er selbst etwa stamme aus dem US-Bundesstaat Colorado und habe schon in der Schule vier Jahre lang Deutsch gelernt, sagt einer der jungen Missionare. Ein Zeichen Gottes habe ihm dann den Weg nach Deutschland gewiesen. Er ist überzeugt, dass seine Gemeinschaft die „wahre Kirche“ sei, so wie Jesus sie gewollt habe. Gott habe sich über den Engel Moroni dem Propheten Joseph Smith (1805 - 1844) offenbart. Der Engel habe Smith auf goldenen Platten Gottes Botschaft übergeben. Smith habe die ägyptischen Schriften entziffert und übersetzt – so sei das Buch Mormon entstanden, das die Ältesten auf dem Petrusplatz verteilen. Immer wieder gelingt es den Mormonen, Passanten in Gespräche zu verwickeln. Geduldig erklären sie, dass ihr Glauben ihnen verbietet, Alkohol, Kaffee, Tee oder Tabak zu genießen. Oder dass es männlichen Mormonen längst nicht mehr erlaubt ist, mehrere Frauen zu heiraten. Bereits 1890 sei die Polygamie abgeschafft worden. Einige Splittergruppen, die von der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ nicht anerkannt werden, praktizieren in ländlichen Gegenden Amerikas noch heute die Vielehe.
Die großen Konfessionen sind skeptisch
Bei der katholischen Kirche, die unter empfindlichem Mitgliederschwund leidet, sind die amerikanischen Missionare nicht gerade gern gesehen: „Wir betrachten diese Gruppe als Sekte, das Buch Mormon hat mit der Heiligen Schrift nichts zu tun“, sagt der katholische Dekan und Stadtpfarrer Markus Mattes. Er habe aber auch keine Angst vor den Mormonen und scheue sich nicht, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. „Die treten sehr adrett auf und können gut argumentieren“, sagt Mattes.
Ernst Wilhelm Gohl, evangelischer Dekan von Ulm, sieht die mormonischen Missionsbemühungen gelassener: „Diese Gruppe pflegt eine sehr amerikanisch-puritanische Art der Frömmigkeit, die uns Deutschen eher fremd ist. Von Übertritten zu den Mormonen weiß ich jedenfalls nichts.“
Unweit der evangelischen Petruskirche muss auch der junge Mormone schließlich einräumen, dass es schwer sei, die Deutschen von seinem Glauben zu überzeugen. Zwar gebe es immer wieder Erfolge, kürzlich seien im Raum Stuttgart drei neue Mitglieder getauft worden. Insgesamt aber habe er die Erfahrung gemacht: „Wenn die Leute hier in Deutschland überhaupt religiös sind, dann bleiben sie auch bei ihrer Kirche.“