Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, hat ein 27-jähriger Russlanddeutscher aus geparkten Fahrzeugen in der gesamten Region vorzugsweise Navigationsgeräte, Handys und MP3-Player gestohlen und die Ware im Internet verhökert. Wegen 79 Fällen des Diebstahls und Computerbetrugs steht er seit gestern vor Gericht, seine frühere Lebensgefährtin aus Neu-Ulm teilt mit ihm die Anklagebank. Sie war bei insgesamt 43 Beutezügen dabei und muss sich außerdem wegen Hehlerei in sieben Fällen verurteilen.
Die Straftaten wurden allesamt von April bis September 2009 in den Städten Ulm und Neu-Ulm sowie den Landkreisen Neu-Ulm und Alb-Donau-Kreis begangen. Ein vergangenes Jahr anberaumter Prozess vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Ulm scheiterte an dem Aussageverhalten der beiden Angeklagten.
Die gestrige Verhandlung begann aussichtsreicher mit einem der mittlerweile möglichen Deal aller Prozessbeteiligten. Nach längerer Beratung einigten sich die Angeklagten und ihre Anwälte mit Staatsanwaltschaft und der ersten Großen Strafkammer des Landgerichts darauf, dass bei einem Geständnis ein bestimmter Strafrahmen bei der Verurteilung nicht überschritten werde: Beim Angeklagten bedeutet das, dass er höchstens eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten zu erwarten hatte. Diese Strafe setzt sich aus zwei Anklageschriften zusammen. Seine 28-jährige Komplizin darf mit einer Verurteilung zu höchstens zwei Jahren Gefängnis rechnen. Die Russlanddeutsche ist Mutter von zwei kleinen Kindern.
Irgendwie haben es die Autohalter den beiden sehr leicht bei ihren nächtlichen Beutezügen gemacht. Der Großteil der von ihnen anvisierten Fahrzeuge war nicht verschlossen.
Und war mal ein reizvolles Objekt wie ein VW-Cabrio in Pfaffenhofen oder ein Porsche in Oberelchingen verschlossen, so wurde das Seitenfenster eingeschlagen. Die Täter nahmen alles mit, was sie finden konnten. Personalausweise, Führerscheine, Ladekabel, Zigaretten, Parfüm und in besonderen Glücksfällen auch mal Kontokarten, mit denen man, wie in Pfaffenhofen geschehen, insgesamt 500 Euro am Geldautomaten vor Ort abheben konnte.
Beute meist günstig übers Internet verkauft
Die i-Pods und Handys und andere Gerätschaften wurden meistens sehr günstig über eBay verkauft. So ist zu erklären, dass bei insgesamt 77 Diebstählen eine Beute von gerade mal 9000 Euro gemacht wurde, die knapp für Lebensunterhalt und Drogenkauf reichte. Der Sachschaden durch gewaltsames Aufbrechen der Fahrzeuge war dagegen relativ hoch: 7000 Euro.
Der Angeklagte, der zuletzt in Neu-Ulm wohnte, war zunächst nach polizeilichen Ermittlungen im Juni 2009 festgenommen worden. Ihm gelang jedoch noch vor seiner Vorführung beim Haftrichter des Amtsgerichts die Flucht aus den Räumen der Polizeiinspektion Neu-Ulm. Der offenbar artistisch veranlagte junge Mann entkam in einer zirkusreifen Nummer aus einem Oberlicht der Polizeizentrale an der Reuttier Straße. Im September konnte er wieder festgesetzt werden. Derzeit verbüßt der Mann, der keinen Beruf erlernt hat, eine Strafe aus einer früheren Verurteilung.
Im jetzigen Verfahren wird er von Rechtsanwalt Alfred Nübling vertreten, die Mitangeklagte verteidigt Rechtsanwalt Mihael Milosevic. Neben einer Dolmetscherin für Russisch nimmt auch ein psychiatrischer Sachverständiger am Prozess teil. Das Gericht hat nämlich auch zu prüfen, ob er die Taten als Beschaffungskriminalität zur Finanzierung seiner Drogensucht begangen hat. Wenn ja, dann muss er in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden.
Der Prozess wird am 5. April um 8.30 Uhr im Schwurgerichtssaal fortgesetzt.