Wer das Ulmer Hospiz zum ersten Mal betritt, hat vermutlich keine Vorstellung davon, wie voll Lebendigkeit dieses Gebäude ist, in das Menschen kommen, um dort die letzte Phase ihres Lebens in Würde zu verbringen. Dass es dieses Hospiz am Michelsberg gibt, ist eine lange Geschichte des Engagements und auch der großen Gaben. Am Donnerstag ab 18 Uhr feiert das Hospiz Ulm gleich dreifach im Stadthaus – das 30-jährige Bestehen des Hospizvereins, das 20-jährige Bestehen des nach der ersten approbierten deutschen Ärztin Agathe Streicher benannten Hospizes in festen Räumen und das 15-jährige Bestehen des Kinder- und Jugendhospizdienstes.
Es war ein sonniger Tag Anfang Mai 2008. Hans-Ulrich Staiger, im Mai 2013 verstorbener damaliger Vorsitzender der Ulmer Hospiz-Stiftung, stand auf der Terrasse der ehemaligen Bertele-Klinik an der Mozartstraße und blickte nach Süden über das Münster und die Stadt auf die Silhouette der an diesem Tag vom Michelsberg aus sichtbaren Alpen. Diese Weite, sagte er damals, sollen Menschen in ihrer letzten Lebensphase haben können, tagsüber, und nachts auch auf den Sternenhimmel – individuell und liebevoll begleitet, weil es für den Tod keine Regeln gibt, wie Hospiz-Leiterin Claudia Schumann sagt.
Angefangen hatte alles mit einem „Arbeitskreis Hospiz“, zu dem sich im Frühjahr 1991 neun Frauen um Irmgard Ebert zusammengetan hatten – um dem Sterben einen Platz im Leben zu geben, um Sterbende und ihre Angehörigen zu begleiten. Aus den Engagierten wurde im Oktober 1992 der Verein „Hospizgruppe Ulm, Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen e. V.“. Das Telefon des Vereins befindet sich zunächst in der Privatwohnung einer der Frauen. Beim ersten Ulmer Hospiztag im Stadthaus sagte der damalige OB Ivo Gönner im Juli 1999, spätestens zum Zehnjährigen des Vereins solle ein Haus mit Hospizbetten existieren. Ein Jahr später trat Claudia Schumann, die zuvor im Sozialdienst im Krankenhaus Illertissen gearbeitet hatte, ihre Stelle als Geschäftsführerin des Hospizes an – für ein Jahr gefördert von der Deutschen Hospiz Stiftung. Das Anna-Stift bot dem Hospizverein Räume an. Der Förderverein gründete sich, dem die Städte Ulm und Neu-Ulm angehören, der Alb-Donau-Kreis, der Landkreis Neu-Ulm und die Kirchen.
Viele großzügige Unterstützer halfen dem Ulmer Hospiz
Ein unglaubliches Geschenk machte Helma Fink-Sauter im Frühjahr 2005, indem sie eine Stiftung zugunsten der Hospizarbeit in Ulm/Neu-Ulm errichtete und sie mit 100.000 Euro ausstattete. Die gleiche Summe wurde anonym zugestiftet, und zum Jahreswechsel 2007/08 entschloss sich die Ulmer Familie Großpeter/Großpeter-Bertele, ihre 1954 in einer umgebauten historischen Villa auf dem Michelsberg eingerichtete Klinik komplett als Zustiftung an die Hospiz-Stiftung zu geben – als künftiges Hospiz-Gebäude. Eine Stresszeit für Claudia Schumann, die trotz Albträumen an den Erfolg des Projekts glaubte – und darüber auch eine Wette gewann. Viel Unterstützung erfährt die Arbeit des kompletten Hospizteams auch heute: Im Frühjahr fand Claudia Schumann beim morgendlichen Briefkastenleeren einen Umschlag ohne Absender, darin 5000 Euro fürs Hospiz.
Die Pandemie hat die Hospizarbeit vor neue Herausforderungen gestellt, erzählt Claudia Schumann. Weil in Krankenhäusern die Patienten und Patientinnen nicht mehr besucht werden durften, wurden nun Sterbenskranke als Gäste ins Hospiz verlegt, die in anderen Zeiten aufgrund ihres Zustands nicht mehr verlegt worden wären. Die Angehörigen konnten so die letzten Tage oder Stunden bei den Sterbenden sein. Natürlich galten und gelten auch im Hospiz Hygieneregeln, doch solche, die den engsten Angehörigen ermöglichten, beim sterbenden Partner oder Elternteil zu sein. „Ich bin so dankbar, dass wir für unsere Arbeit selbst Regeln aufstellen durften“, erzählt Claudia Schumann. Sie wurden penibel eingehalten, aber sie ermöglichten kostbare Momente.
Die Arbeit im Hospiz hat Claudia Schumanns Leben verändert
Wie gut 20 Jahre Hospizleitung sie selbst verändert haben, weiß Claudia Schumann genau, denn sie hat darin ihre Lebensaufgabe gefunden. „Die Nähe zum Thema Tod und Sterben hat mir Lebensqualität vermittelt. Die Angst geht verloren, das Thema zuzulassen. Der Tod ist Teil des Lebens.“ Zuletzt, sagt sie, zählen im Leben nicht Arbeit und Erfolg, sondern gepflegte Freundschaften, die Familie, schöne erlebte Momente auf Reisen – und der Humor und die Heiterkeit des Alltags. Der ist der 63-Jährigen auch in der Hospiz-Atmosphäre wichtig.
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts auf den Rechtsanspruch zum assistierten Suizid akzeptiert Claudia Schumann, aber sie erklärt: „Der Suizid muss immer etwas bleiben, das uns erschüttert und irritiert, nicht etwas, was mehr und mehr zur Normalität wird.“ Den assistierten Selbstmord als medizinische Dienstleistung, gesellschaftlich akzeptiert, lehnt sie klar ab: Der Hospizarbeit liegt eine lebensbejahende Haltung zugrunde, sagt sie. „Diese schließt eine aktive Hilfe zur gezielten Lebensbeendigung aus.“ Und manchmal passiert auch im Hospiz so etwas wie ein Wunder – so wie das einer Frau, die sich in der zugewandten Pflege im Hospiz so erholte, dass sie wieder nach Hause entlassen werden konnte.