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Firma Sailer aus Neu-Ulm wird 100: „Alles hat mit Reinheit zu tun“

Neu-Ulm/Nersingen

„Alles hat mit Reinheit zu tun“: Wie die Firma Sailer vom Nischen-Schlosser zum High-Tech-Pionier wurde

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    Die Firma Sailer aus Neu-Ulm feiert 100. Geburtstag. Links oben der Firmengründer Friedrich Sailer. Heute wird das Unternehmen von der Familie Mützel geleitet. Links unten Christoph, Felix und Katrin Mützel. Rechts unten: Ein Hightech-Reinraum.
    Die Firma Sailer aus Neu-Ulm feiert 100. Geburtstag. Links oben der Firmengründer Friedrich Sailer. Heute wird das Unternehmen von der Familie Mützel geleitet. Links unten Christoph, Felix und Katrin Mützel. Rechts unten: Ein Hightech-Reinraum. Foto: Archiv Sailer

    Seit 100 Jahren gibt es die Firma Sailer. Handwerksbetriebe kommen und gehen – was war der Auslöser, dass Sie jetzt in Hochtechnologie-Gefilden unterwegs sind?

    CHRISTOPH MÜTZEL (CM): Schon mein Großvater, der Firmengründer, hatte ein gewisses Interesse an Nischen. Die klassischen Schlosserei-Themen wie Geländer oder Vordächer waren bei seinem Unternehmensstart schon besetzt. Er hat sich sehr früh andere Bereiche gesucht: Metzgereien und auch Trocknungsgeräte für Früchte. Er war früh innovativ unterwegs. Das haben wir ausgebaut.

    Gab es ein einschneidendes Erlebnis?

    CM: Ja, die BSE-Krise. Fleisch, insbesondere Rind, geriet in Misskredit. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren investierten Fleischereien kaum mehr. Das war für uns ein Moment, in dem wir uns für den ganzen Lebensmittelbereich öffneten.

    Und wie kam die Pharmazie als Branche hinzu?

    CM: Die erste Anfrage kam vor etwa 20 Jahren. Ab da haben wir uns verstärkt um das Thema hygieneoptimierte Edelstahlmöbel gekümmert. Wir haben von der Pike auf alles zum Thema Reinraum gelernt.

    Anforderungen an Reinheit wird immer größer

    Wie muss ein Möbel für einen Reinraum – also einen Raum, in dem die Luft oft bis zu 50.000-mal reiner als normale Umgebungsluft ist – beschaffen sein?

    CM: Keine Fugen, keine Spalten. Es geht nicht ohne Edelstahl, weil es weder Flüssigkeit aufnimmt noch Partikel abgibt. Kunststoff etwa kann Partikel abgeben und auch ausgasen.

    Ist Edelstahl immer gleich?

    CM: Nein, das ist ein Oberbegriff. Es gibt verschiedene Legierungen, die verschiedene Eigenschaften haben. Je nachdem, ob er etwa besonders zäh, hitze- oder korrosionsbeständig sein muss. Die Eigenschaften sind auch wichtig für die eingesetzten Reinigungsmittel.

    Wie muss die Oberfläche sein?

    CM: Wenn die Oberfläche sehr rau ist, können sich Mikroorganismen und Partikel besser festsetzen – in einer Art Bergen und Tälern. Wir setzen auf eine sehr glatte Oberfläche. Wir achten darauf, dass die Oberfläche Erhöhungen von acht zehntausendstel Millimetern nicht überschreitet. Da kann sich kaum ein Bakterium mehr festhalten. Noch glatter geht es nur mit Elektropolitur. Auch das können wir. Das spielt etwa in der Produktion von Computerchips eine Rolle. Das geht in Richtung Materialwissenschaft, hier ist mein Sohn Felix der Fachmann.

    Die Firma Sailer mit der nächsten Generation: Christoph, Felix und Katrin Mützel.
    Die Firma Sailer mit der nächsten Generation: Christoph, Felix und Katrin Mützel. Foto: Sailer

    Sie sind die vierte Generation und auch schon in Verantwortung?

    FELIX MÜTZEL (FM): Ja, ich habe in Zürich „Interdisziplinäre Naturwissenschaften“ studiert. Da spielte auch viel das Thema Materialwissenschaften mit. Eine Erkenntnis: Edelstahl lässt sich nicht ersetzen. Die Wahl der Legierung wird aber immer spezifischer.

    Haben Sie Kundschaft, die mit gefährlichen Erregern arbeitet?

    CM: Ja, wir haben schon Sicherheitslabore ausgestattet. Das Maximale, was wir gemacht haben, war die Ausstattung eines S3-Sicherheitslabors. Darüber ist nur S4. Das sind Labore, in denen etwa an Ebola geforscht wird. Da gibt es so risikoorientierte Umgebungen, da wird das Laptop des Mitarbeiters, nachdem er damit im Labor war, in Säure aufgelöst, dass ja nichts nach draußen kommt.

    Sailer will von Neu-Ulm nach Straß ziehen

    High-Tech Edelstahl aus dem Hause Sailer in einem Reinraum.
    High-Tech Edelstahl aus dem Hause Sailer in einem Reinraum. Foto: Sailer

    Wie groß ist also Ihre Bandbreite?

    CM: Die ist schon groß. Zur Kundschaft gehören Lebensmittelbetriebe, Pharmaziebetriebe bis hin zu Herstellern von Halbleiteroptiken.

    Wie passt das zusammen?

    CM: Alles hat mit Reinheit zu tun. Obwohl die Kundengruppen so verschieden sind, sind die Ziele die gleichen.

    Welcher Auftrag ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

    CM: Das ist schwierig. Was wirklich außergewöhnlich war, war ein Auftrag vom Frankfurter Flughafen. Nicht, was das Produkt angeht, sondern es zeigt schön unsere Flexibilität. 14 Tage vor Ostern wollten die 400 Edelstahltische für Kontrollen am Check-in. 14 Tage für 400 Stück. Wir montierten nach zehn Tagen.

    100 Jahre Firma Sailer in Neu-Ulm: Das ganze Team feiert.
    100 Jahre Firma Sailer in Neu-Ulm: Das ganze Team feiert. Foto: Sailer

    KATRIN MÜTZEL (KM): Daran hat man gesehen, was für einen tollen Zusammenhalt wir hier haben.

    Was war der größte Auftrag bisher?

    KM: Wir hatten einige Aufträge, die in den Millionenbereich gehen. Wir bauen unter anderem Personalschleusen als Zugang zu Pharmaproduktionen und Reinräumen. Der Auftrag etwa für den Pharmakonzern Ferring bewegte sich in diesem Bereich.

    Auf welche Innovationen sind Sie stolz?

    KM: Etwa unseren Reinraummagnet. Damit lassen sich in druckdichten Reinräumen, die meistens stahlverkleidete Wände haben, Dinge ohne Bohrungen befestigen. Das ist unser kleinstes Produkt, aber dafür sind wir bekannt. Das hat die Branche ein bisschen verändert, das gab es vorher nicht.

    Was unterscheidet Sie vom Wettbewerb?

    CM: Wir machen alles, von der Planung bis zur Abnahme. Der Kunde hat einen Hauptansprechpartner während des kompletten Projektes. Wir arbeiten sehr intensiv an Oberflächen. Uns unterscheidet auch, dass wir in so vielen Branchen unterwegs sind.

    Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?

    CM: Die Anforderungen an Reinheit werden immer höher. Dem stellen wir uns.

    Und was die Firma angeht?

    CM: Wir haben hier in Neu-Ulm sehr mit Platzproblemen zu kämpfen. Deswegen planen wir einen Umzug nach Nersingen-Straß.

    Die Halle mit Laserschweißgerät bei Sailer in Neu-Ulm.
    Die Halle mit Laserschweißgerät bei Sailer in Neu-Ulm. Foto: Sailer

    Wie ist der Zeitplan?

    CM: Die Fläche haben wir schon erworben. Wir sind in vielerlei Hinsicht startklar. Wir haben die Baugenehmigung. Vergangenes Jahr haben wir als Familie entschieden, dass wir uns noch etwas Zeit geben. Wir wollen in der unsicherer gewordenen Welt gut überlegt vorgehen. Aber die vier Jahre gültige Baugenehmigung, die wir Ende 2024 erhalten haben, wollen wir nicht verstreichen lassen.

    Wie laufen die Geschäfte?

    CM: Trotz schlechter Vorzeichen der Weltwirtschaft sehr gut. Wir haben einen Auftragsbestand wie noch nie. Unsere rund 50 Mitarbeitenden haben mehr als Vollauslastung.

    Firmengründer Friedrich Sailer
    Firmengründer Friedrich Sailer Foto: Archiv Sailer

    Was sind die Kernmärkte?

    FM: 20 bis 30 Prozent der Aufträge gehen ins Ausland. Tendenz steigend.

    Sie beschäftigen sich sehr viel mit Hygiene. Hat das Auswirkungen auf Ihren Privathaushalt?

    CM: Wir haben kein Schneidbrett mehr aus Kunststoff. Auch die Teflonpfanne wird kritisch gesehen. Wo möglich, setzen wir auf Edelstahl und Glas. Zum Beispiel bei Behältern bis hin zur Brotzeitdose.

    Das ist die Firma Sailer

    Vor 100 Jahren, im März 1926, gründete der damals 25-jährige Friedrich Sailer seinen Schlossereibetrieb in einer kleinen Werkstatt in Neu-Ulm. Heute, ein Jahrhundert später, ist daraus ein gefragter Spezialist für hygieneoptimierte Einrichtungslösungen geworden. Die Friedrich Sailer GmbH plant, fertigt und liefert Edelstahl- und HPL-Lösungen für Pharma-Reinräume, technische Reinräume in der Hightech-Fertigung sowie für Lebensmittelbetriebe. (AZ)

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