„Ich hatte immer dieses eine Ziel: Mit Mitte 50 raus aus Deutschland, auswandern, dorthin, wo es warm ist“, sagt Stefan Barwig fest entschlossen. Er tippt dabei mit dem Finger auf den Tisch, als wolle er seinen Satz noch einmal unterstreichen. Auswandern ist ein Traum von vielen, oft bleibt es aber beim Fernweh. Doch nicht so für den 54-Jährigen aus Illerberg. Gemeinsam mit seiner Frau Julieta Martin zieht er ins tropische Gili Air, eine kleine indonesische Insel an der Küste Lomboks, mit türkisblauem Meer, Palmen und kreideweißem Sand. Dort wollen sie sich mit Poolbar, Bungalows und Restaurant eine neue Existenz aufbauen. Viel Platz braucht dieser Neuanfang nicht: Ihr bisheriges Leben passt in einen 23 Kilogramm schweren Rucksack und auf zwei Fahrräder. Beide berichten, wie aus Fernweh ein fester Plan wurde und was der Schritt ins neue Leben abverlangt.
Ob Straußeneier oder Motorradsport: Stefan Barwig ist ein Freigeist
„Mit der Zeit wurde der Wunsch nach Veränderung immer stärker. Nach mehr Nähe zur Natur, nach Einfachheit und nach einem Leben, das sich freier und bewusster anfühlt“, erzählt der Auswanderer. Bevor es in den Flieger geht, heißt es aber erst einmal ausmisten, sortieren, Abschied organisieren. Und im großen Haus der Barwigs im Vöhringer Stadtteil Illerberg könnte der Kontrast zum künftigen Leben kaum größer sein: grüne Wiesen statt Palmen, ländliche Ruhe statt Inselkulisse.
Im Schlafzimmer stapeln sich die letzten Kartons: „Gestern erst haben wir den Kleiderschrank ausgemistet. Alle guten Sachen, vor allem Winterkleidung und geschätzte 78 Paar Schuhe meiner Frau, haben wir danach im Obdachlosenheim der Caritas in Ulm abgegeben“, erzählt Barwig.
Ganz untypisch ist der Schritt nicht. Stefan Barwig war nie für den gewöhnlichen Lebenslauf gemacht, immer wieder zog es ihn weg. „2004 habe ich mich selbstständig gemacht und Straußeneier aus Südafrika verkauft“, erzählt er. Im Freundeskreis rief das nicht nur Begeisterung hervor, sondern auch Kopfschütteln. „Ich war nie der Typ, dem man etwas vorschreiben konnte, wollte schon immer mein eigenes Ding machen.“ Später machte er seine große Leidenschaft zum Beruf: das Motorradfahren. „Das habe ich dann lang gemacht, dabei bin ich viel in der Welt rumgekommen.“
Kennengelernt haben sich die beiden beim Motorradsport, bei einem Rennen in Argentinien. „Schon damals war klar, dass uns nicht nur unsere Gefühle, sondern auch die gemeinsame Neugier auf die Welt verbindet.“ Sie wurden ein Paar, und mit der Liebe kam bald die Frage, wie man zusammenbleibt, wenn ein Ozean zwischen zwei Leben liegt. Julieta Martin entschied sich schließlich für Deutschland, zunächst nur auf Zeit. Doch sie blieb, jobbte und lernte ganz nebenbei Deutsch. Das Auswandern nach Indonesien ist für sie nun schon das zweite Mal, dass sie ein Land hinter sich lässt. Angst habe die 30-Jährige keine: „Ich vertraue auf unseren Plan. Wir haben das durchkalkuliert, gehen nicht blauäugig ran. Wir versuchen es einfach.“
2025 war Barwig aus beruflichen Gründen zum ersten Mal auf der kleinen Insel Gili Air, die sich zu einem beliebten Touristen- und Partyort etabliert hat. „Ich habe mich in die Insel und die Mentalität verliebt“, sagt er. Erste Kontakte in Indonesien haben sie schon, ein Freund von Barwig wanderte schon vor Jahren nach Lombok aus. Nun steht der Plan: auf 1720 Quadratmetern sollen zehn Bungalows, Pools und ein Restaurant entstehen. Sogar ein kleines Stück Heimat wollen die beiden mit auf die Insel nehmen, mit einem organisiertem Oktoberfest und einer Tapasbar für die Touristen. Und das am besten noch dieses Jahr.
Dass alles nun so schnell vorangeht, hat selbst Barwig überrascht. „Die geben Gas da unten. Wir haben nicht damit gerechnet, dieses Jahr noch zu öffnen, aber mit den drei von zehn geplanten Bungalows können wir die High Season im Juli mitnehmen“, sagt er. Auf Social Media nehmen die beiden Neugierige bei ihrem Neuanfang mit und zeigen dabei nicht nur Palmen und Pläne, sondern auch die weniger schönen, mühsamen Seiten des Auswanderns.
„Der Schritt, alles Vertraute hinter sich zu lassen, ist nicht immer leicht“, erklärt er auf Instagram. Für den Motorsportfan bedeutete der Neuanfang auch Abschied von seinen Oldtimern, darunter einem BMW Z1, von dem nur rund 8000 Exemplare gebaut wurden. „Das hat mir natürlich schon weh getan. Das Auto hat mich 24 Jahre lang begleitet.“ Das Geld aber soll ins neue Leben fließen. Und auf Gili Air wäre ein Oldtimer ohnehin fehl am Platz: „Motorisierte Fahrzeuge gibt es auf den Gili Inseln nicht.“
Im April soll es losgehen. Stefan Barwig fliegt vor, seine Frau Julieta und ihr Kätzchen kommen nach. Ob am Ende alles so aufgeht wie geplant, wird sich zeigen. Die Vorfreude ist bei beiden trotzdem groß. Und anders als damals bei den Straußeneiern bekommt Barwig heute von Freunden Folgendes zu hören: „Voll geil, wir kommen euch besuchen.“
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