Die 13. Stolperstein-Verlegung in Ulm erinnert unter anderem an T4-Opfer Hermann Deibler
Ulm
Damit die Schande nicht vergessen wird: Sieben weitere Stolpersteine erinnern an Opfer des NS-Regimes
Hermann Deibler wurde Opfer der „Aktion T4“. Auch für ihn wurde bei der 13. Stolpersteinverlegung in Ulm nun ein Gedenkstein gesetzt. Seine Großnichte findet bewegende Worte.
Gunter Demnig verlegt vor der Elisabethenstraße 46 den Stolperstein für Hermann Deibler.Foto: Alexander Kaya
„Da ist ein Mensch 25 Jahre in einem Unternehmen tätig. Das Unternehmen ehrt ihn sogar sichtbar für alle in der Belegschaft. Jahre später wird er – mir nichts, dir nichts – ermordet“, erzählt Ute Heinzelmann sichtbar emotional berührt in ihrer Rede bei der 13. Stolpersteinverlegung in Ulm. Einer der sieben Steine, die nun verlegt wurden, erinnert an ihren Großonkel Hermann Deibler.
Für die Stolpersteinverlegung reisten die Heinzelmanns aus der Nähe von Bonn an
Sein Schicksal sei für sie „einfach unfassbar“, sagt Heinzelmann. Ihr Großcousin Wolfgang Pflederer habe die Familiengeschichte für seine Kinder recherchiert und kam so auf die Lebensgeschichte von Hermann Deibler, die er dokumentierte. Bei der Recherche stießen sie auf „unfassbare Gräueltaten“ und eine „unglaubliche Entwürdigung der Menschen“, erzählt Heinzelmann.
Für die Stolpersteinverlegung ist die 84-Jährige mit ihrem Ehemann aus der Nähe von Bonn angereist. Zwar kannte die 84-Jährige ihren ermordeten Großonkel nie persönlich, aber er „schwirrte immer in der Familie herum und niemand sprach darüber, was passiert war. Vielleicht wusste man es aber auch nicht genau“. In der Familie wird erzählt, dass Hermann Deibler ihren Bruder als Baby bei einem Besuch herumgetragen habe.
Hier wird Hermann Deibler für 25 Jahre Betriebszugehörigkeit bei Magirus geehrt.Foto: Iveco-Magirus Archiv-Museum
Hermann Deibler wurde am 14. September 1886 in Ulm geboren und war das jüngste Kind von Ernestine und Nikolaus Deibler. Er wuchs mit seinen beiden Schwestern Anna und Mathilde in Ulm auf. Mit drei Jahren erlitt er eine Hirnhautentzündung, die von einer Impfung verursacht wurde. Danach erkrankte er öfter, etwa an Keuchhusten, und entwickelte eine Essstörung. Trotz schwieriger Voraussetzungen erhielt er eine Stelle bei der Firma Magirus, wo er fast 30 Jahre als Anstreicher arbeitete.
Hermann Deibler wird für 25 Jahre Betriebszugehörigkeit bei der Firma Magirus geehrt
1926 ehrte ihn das Unternehmen für 25 Jahre Betriebszugehörigkeit. In der Wirtschaftskrise (1929-1932) wurde Hermann entlassen. Dadurch fielen seine Einkünfte weg. Als der Ehemann seiner Schwester Anna starb, verschärfte sich die Situation für die ganze Familie und sie musste allein von dem Gehalt seiner Schwester Mathilde, die ledig blieb, leben. Sie arbeitete bei der Post und wohnte mit ihrer Mutter in der Zeitblomstraße.
Allerdings musste Mathilde häufig Dienstreisen machen, weswegen Hermann mit seiner Mutter allein war. Die 82-Jährige fand es zunehmend schwierig, mit seiner manchmal aufbrausenden und ungeduldigen Art zurechtzukommen. Als sie starb, fiel die Entscheidung, ihn in die Heil- und Pflegeanstalt Stetten im Remstal einzuweisen.
Hermann Deibler besucht regelmäßig seine Schwestern in Ulm
Anna, ihre Kinder und Mathilde zogen dann in die Lützowstraße (heute Elisabethenstraße), wo sie Hermann regelmäßig besuchte. Jedes Jahr bekam er rund zwei Wochen Urlaub, die er bei seinen Schwestern in Ulm verbrachte.
In der Anstalt arbeitete Hermann weiter zuverlässig und wurde von Zeitzeugen als „in seinem Wesen drollig, meist freundlich“ beschrieben. Gleichzeitig hatte er oft Heimweh und das Gefühl, nicht mehr selbst über sein eigenes Leben bestimmen zu können. Einmal schrieb er: „Unter all den Verrückten wirst du ja selbst verrückt!“.
Vor der Elisabethenstraße 46 erinnert ein Stolperstein an Hermann Deibler, Opfer der „Aktion T4“Foto: Alexander Kaya
Deibler hatte Angst vor „den grauen Bussen“, die Menschen aus der Heilanstalt abholten, die nie wieder zurückkehrten
Hermann berichtete seinen Schwestern von „den grauen Bussen“, die Menschen abholten, die nie wieder zurückkamen. Mit seiner Angst hatte er recht.
Seine Schwestern versuchten ihn zwar zu retten, doch am 13. September 1940 wurde er von Stetten nach Grafeneck deportiert und am selben Tag mit 60 anderen Männern in einem entsprechend umfunktionierten Schuppen durch Gas ermordet.
Als Todesursache gaben die Nationalsozialisten eine „akute Lungenentzündung“ an. Hermann Deibler wurde Opfer der „Aktion T4“, eines von Adolf Hitlers persönlich angeordneten Mordprogramms an Menschen mit Behinderung. Innerhalb von etwa zwei Jahren wurden rund 70.000 Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen im damaligen Deutschen Reich ermordet.
Einige Menschen verfolgten die 13. Stolpersteinverlegung in Ulm.Foto: Alexander Kaya
Sechs weitere Steine erinnern an Menschenleben und tragische Schicksale
Der Initiator und Künstler Gunter Deming verlegte bei dem Termin insgesamt sieben Steine. Vor der Löfflerstraße zwei wurde an Robert Weigele erinnert. Er war Schreibgehilfe der Städtischen Ratshausschreiberei der Geschäftsstelle in Söflingen und wurde im Alter von 42 Jahren in Grafeneck ermordet. Auch für Familie Brumlik wurde ein Stein vor der Wagnerstraße fünf verlegt. Die Ulmer Familie wurde 1943 in Auschwitz ermordet.
Für Bertha Bianka Hirsch wurde vor der Neue Straße 70 ein Stolperstein gesetzt. Auch sie wurde 1942 nach Izbica in Polen deportiert und ermordet. Ebenfalls aus einer Anstalt abgeholt und 1940 in Grafeneck ermordet wurde Mathilde Prinzing. An sie erinnert ein Stolperstein vor dem Judenhof 1.
Mit den Worten „Sorgen wir gemeinsam mit der Stolperstein-Initiative mit aller Kraft dafür, diese Schande nicht zu vergessen“ richtet Ute Heinzelmann einen eindringlichen Appell an die Öffentlichkeit.
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